imageDiese reiz und schmucklose Tasse fiel mir dieser Tage bei Stöbern durch unseren Geschirrschrank in die Hände. Seit Jahren hat aus ihr keiner mehr getrunken, sie steht da einfach rum und staubt vor sich hin. Viele Jahre mehr ist es her, dass ich sie meinem Liebsten und späteren Gatten zum Geschenk machte.

Ungefähr zu dieser Zeit trat ich meine erste ordentliche Arbeitsstelle als Schulseelsorgerin und Religionslehrerin an einer katholischen Mädchenschule an. Eigentlich hatte sich für mich das Thema Schule mit Erlangen der Hochschulreife erledigt und ich war alles andere als böse drum. Aber es sollte anders kommen und so stand ich eines Morgens entsetzlich aufgeregt und mit bangem Herzen vor der Tür eines  Lehrerzimmers voll mit furchteinflössenden Lehrenden. In der Mitte des Raumes stand eine riesige Kerze, die diese Inschrift trug

einer ist euer Lehrer- Christus

und ich fing an zu lachen. Wie genial war das denn? Der ganze Zirkus, alle Beklommenheit relativierte sich schlagartig. Alles normale Menschen und die meisten von ihnen wußten das auch. Zu verdanken hatte man diesen Geniestreich der winzigen Schwester Agnes, die mit freundlichem Lächeln und eiserner Hand den Laden im Griff hatte. Sie sorgte nicht nur dafür, dass an Aschermittwoch die Schokolade von den Tischen verschwand und durch Steine ausgetauscht wurde, sondern vor allem dafür, dass die Damen und Herren der lehrenden Weisheit schön auf dem Teppich blieben. Nicht, dass sich da einer irgendwelche Schwachheiten einbildete.

Der Satz brannte sich mir in Hirn und Herzen ein und ich ließ ihn meinem Zukünftigen, der seinerseits gerade als ambitionierter junger Lehrer die ersten Schritte tat, auf eine schmucklose Tasse drucken, die damit für den Lehrerzimmerdauereinsatz geeignet war.

Einige Jahre später wurde ich zum ersten Mal Mama und der Gatte wechselte den Beruf. Das Thema Schule schien für uns endgültig abgehakt. Hach, wie kurzsichtig und blauäugig man doch sein kann….

imageUnd nun stehe ich heute in meiner Küche mit dieser alten Tasse in den Händen. Solange habe ich sie nicht gesehen. Schlagartig wird mir bewusst, dass sich die Schule durch die Hintertür in unser Haus und in unser Leben zurückgeschlichen hat. Und sie nimmt einen unfassbaren Raum in unserem Alltag ein, drängelt sich überall dazwischen und will oft auch an Wochenenden die Bestimmerin sein.

Jeden Mittag um zwölf geht es los, ich laufe mich langsam mit Schreibübungen warm. Heute waren Fünfen an der Reihe, und zwar jede Menge Fünfen. Sie folgen dem Kommando meiner Stimme. Rüber, runter, Stück zurück, dicker Bauch. Das funktioniert ja ganz gut. Meine Stimme ist noch entspannt, ich koche nebenbei Nudeln mit Tomatensoße. Nach Beendigung der Arbeit trollt sich ein zufriedener Erstklässer zum Spielen, Tränen rollten nur bei den ersten zehn. Nach einer kurzen Essenspause geht es weiter, nun schon für Fortgeschrittene. Rechtschreibfehler korrigieren, den Unterschied zwischen Adverb und Adjektiv erkennen, Einmaleins  üben. Das Kind ist nicht immer willig, ich auch nicht. Ab 14.30 Uhr wird es interessant, denn dann stößt der frischgebackene Sextaner zu uns. Die mäßig ambitionierte Drittklässlerin ist dann in der Regel noch nicht fertig, er versucht sein Glück erstmal alleine. Ungefähr zehn Minuten. Dann kehrt er hilfesuchend zurück.  Staunend stehen wir vor einem Arbeitsblatt mit verschiedenen Thermometern und ich gebe zu: ich habe nicht den Schimmer einer Ahnung, was die Herren Celsius, Kelvin und Fahrenheit umgetrieben haben mag. Gemeinsam versuchen wir dem Rätsel auf die Spur zu kommen, während ich gleichzeitig die träumende Schwester zum Arbeiten anhalte. Der Nachmittag schreitet immer weiter voran. Latein und Englischvokabeln abfragen, für Mathearbeiten üben, gefühlte Tausende von Schreibfehlern verbessern, Hausaufgabe und Datum nicht vergessen. BITTE MIT LINEAL UNTERSTREICHEN. Meine Geduldsfäden werden immer dünner und brüchiger. Meine Stimme bekommt diesen schrillen Oberton, den ich nicht leiden kann. Die Kinder sind müde und erschöpft, wer mag es ihnen verdenken? Und ich bin in diesen Stunden genau die nörgelnde und genervte Mama, die ich nie sein wollte.

Ich bin kein abergläubischer Mensch, aber durchaus ein gläubiger. Ich merke, wenn mir mein Herrgott einen sanften Tritt in den Allerwertesten gibt. Diese olle Tasse, nach all den Jahren. Einer ist euer Lehrer….reloaded.

Und was will mir mein Lehrer sagen?   Bleib mal auf dem Teppich, mein liebes Mädchen, ruft er mir entgegen. Der  Wert eines Tages darf nicht daran bemessen   werden, ob es ein guter Schultag war. Es sollte genug Raum bleiben für das eigene Erforschen der Schöpfung, für das Malen und Spielen, für das Lesen aus reiner Lust am Lesen. Für Knuddeln und Erzählen. Meine erste Frage an mein Kind nach dem Nachhausekommen sollte sein:“ Wie geht es dir? Schön, dass du wieder da bist“ und nicht “ Hast du viele Hausaufgaben auf?“

Ich kenne viele, die das ganze Schulbamborium völlig kirre macht. Das tröstet zwar ein wenig, aber unsere Kinder sind doch mehr als eine Ansammlung schulischer Probleme und Herausforderungen.

Und niemals, niemals, niemals darf auch nur der Eindruck entstehen, dass der Wert eines Menschen von seiner schulischen Leistung abhängt.

Einer ist mein Lehrer…Ich mache mir keine Illusionen. Das Thema Schule wird in den nächsten Jahren ein raumgreifendes  bleiben. Aber ich will zumindest versuchen, ihm nicht mehr Raum zuzubilligen, als nötig.  Ich möchte glauben, dass es noch viele andere Lernfelder im Leben meiner Kinder gibt, auf denen sie wachsen und reifen dürfen. Das wäre auch besser für meine Nerven. Und die meiner Kinder.

 

 

5 Gedanken zu “Einer ist euer Lehrer

  1. sehr gut, vielen Dank! Die Schule nimmt sich gern mehr Raum als ihr zusteht… ‚Wie geht es dir? Schön, dass du wieder da bist!‘ das merk ich mir!!! Meistens frag ich auch erst nach den Hausaufgaben und ob in der Schule alles ok war. Vll ist es nur ein kleiner Unterschied, aber meine Kinder zuerst nach sich selbst und nicht nach ihrer Leistung in der Schule zu fragen, find ich sehr gut!

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