Gestern Morgen stand ich um sechs Uhr früh auf, wurschtelte mich in meine Kleidung, weckte verschlafene Kinder, machte Frühstück, streichelte mein hochfieberndes Kleinkind und kochte dem ebenfalls fiebernden Gatten einen Tee. Dann verfrachtete ich den nicht kranken Teil der Herde in Kindergarten und Schule und blieb gleich dort, denn Donnerstagmorgens darf ich Lesemama in der ersten Klasse sein. Wir buchstabierten uns durch das Leseblatt und ich fuhr für einen kurzen Zwischenstopp nach Hause, um nach den Kranken zu sehen und das gröbste Chaos zu beseitigen. Um 9.15 sank ich im Friseursalon meines Vertrauens auf den Stuhl und zuppelte das Haargummi aus dem mittlerweile obligatorischen Pferdeschwanz. Ich kann Friseurspiegel nicht leiden. Sie enthüllen auf sehr uncharmante Weise den beklagenswerten Istzustand. Schlimmer sind nur noch H&M Umkleidekabinen. Geht gar nicht. Der unbarmherzige Spiegel zeigte Haare, die wenig mit Frisur, aber viel mit entfesselter Putzwolle zu tun hatten.

Die Begrüßung der Friseurin fiel freundlich, ihre Bestandsaufnahme ernüchternd aus. Kopfschüttelnd begutachtete sie den Haarschopf und murmelte was, von allerhöchster Zeit. Sie verschwand und kehrte mit meiner“Karte“ zurück. „29.September!“ Sie wedelte anklagend mit dem weißen Zettel unter meiner Nase.“29.September!!“ Echt?! Oh, ich versank kleinlaut im Stuhl. War mir jetzt gar nicht so bewusst, wie lange mein letzter Friseurbesuch schon her war. Schuldbewusst plapperte ich etwas von „viel um die Ohren“ und “ Sie wissen ja, wie das ist“. Nein, wusste sie nicht. Warum auch? Beherzt machte sie sich an die Arbeit und strähnte und wusch und schnitt, was das Zeug hielt. Das Resultat konnte sich sehen lassen. Ich gelobte hoch und heilig Besserung und machte mich auf  den Weg, um fürs Mittagessen zu sorgen.

Nein, das ist kein Jammerbericht darüber, dass ich Allerärmste soviel um die Ohren habe, dass ich es nur alle sechs Monate zum Friseur schaffe. Aber getroffen hat mich die Geschichte schon. Denn sie hat viel mit Fürsorge für die eigene Person zu tun und die vernachlässige ich hin und  wieder gehörig. Und das ist dann nicht Zeitmangel sondern falsche Prioritätensetzung oder auch schlicht Bequemlichkeit. Und ich dachte daran, dass ich einen Tag zuvor mit meinen Kommunionkindern bei der Beichtvorbereitung mit dem zuständigen Pfarrer saß . Sehr liebevoll erklärte er ihnen die zehn Gebote und dass letztlich alle in dem einen münden: du sollst dein Herrn und Gott lieben wie deinen Nächsten und dich  selbst. Bis hierher  hatte ich dem letzten Teil des Gebotes nicht all zuviel Beachtung geschenkt, denn ich dachte häufig, es käme einem Freibrief zur Egozentrik gleich und Egozentrik gibt es wahrlich genug auf der Welt.

Aber das ist natürlich viel zu kurz gedacht. Vielmehr geht es darum, gut für sich zu sorgen, mit liebevollem Blick  und einem hohen Maß an Verantwortung für das Geschenk eines eigenen Körpers und einer eigenen Seele. Selbstverständlich sorge ich mich um meine Familie, aber genauso selbstverständlich muss ich für mich selber sorgen. Das ist kein Egoismus sondern schlichte Notwendigkeit.  Ich vergesse es nur hin und wieder.

Als ich nach Hause kam, schlug der Gatte die fieberverqollenen Augen auf und sagte :“ Das sieht schön aus!“. Hmm. Ich freute mich. Freude ist gut. Wieder ein wenig Fürsorge für mich. Ein Gang durch das eisigblauen Winterwetter. Salat schnippeln. Suppe kochen. Das Glätteisen aus dem Schrank holen. Ein wenig Nagellack. Lesen. Ein paar Reihen stricken. Fühlt sich schon besser an.

So schwer ist es gar nicht, auch den letzten Teil des Gebotes zu befolgen, von dem Jesus sagte, dass es das Wichtigste sei. Heute sitze ich auf dem Sofa und halte ein jammerndes Kind auf dem Schoß. Seine Glieder schmerzen, das Fieber steigt. Auch mein kleiner Junge wird krank. Fürsorge? Selbstverständlich. Aber ich habe auch wieder einen Friseurtermin. In sechs Wochen, nicht in sechs Monaten.

 

 

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