Am Sonntag stellte der Pfarrer zu Beginn seiner Predigt nur eine Frage:“ Geht es Ihnen gut?“ Und er gewährte genug stille Zeit, damit jeder für sich diese Frage in Ruhe beantworten konnte. Noch keine 24 Stunden vorher hätte ich auf diese Frage hin einiges zu erzählen gewusst. „Nein, ganz ehrlich, nicht so richtig.“, hätte ich geantwortet. „Ich will ja nicht jammern, aber…“ Und dann etwas von düsteren, grauen Januartagen berichtet. Von der Eiseskälte, Müdigkeit und den ständig kranken Kindern. Von Frustrationsgefühlen, einer gewissen Antriebslosigkeit und  mühseligem Alltagseinerlei. Wie sehr mir die Schule auf und an die Nerven geht, und dass mir die Decke auf den Kopf fällt. Also, gut ist anders.

An diesem Sonntag fiel die Antwort, die ich mir im Stillen selber gab, auch anders aus. Während ich am frühen Samstagmorgen in meinem Bett lag und sich meine schlafwarmen Kinder dicht an mich kuschelten, starb nur wenige hundert Meter von uns entfernt ein 23jähriger, junger Mann. Ein furchtbarer Unfall ohne erkennbare Schuldige. Eine Verkettung schrecklicher Zufälle und Umstände. Und auf einen Schlag änderte sich das ganze Leben so vieler Menschen. Von Eltern, Geschwistern, Freunden, von einer Autofahrerin, die nur zur Arbeit wollte. Kein Stein mehr auf dem anderen, nichts mehr so, wie es mal war. Unbegreiflich.

„Geht es Ihnen gut?“ Ja, denn keines meiner Kinder liegt tot auf einer Landstraße. Ja, denn keiner meiner Freunde ist plötzlich nicht mehr da. Ja, denn ich habe nicht ohne jedes Verschulden einen Menschen so schwer verletzt. Solange meine Kinder abends sicher in ihren Betten liegen und ich sie zudecken darf, solange geht es mir gut. Solange mein Mann an meiner Seite ist, geht es mir gut. Solange wir miteinander leben, füreinander sorgen, miteinander zanken dürfen, geht es mir gut. Solange grippale Infekte, Schule und persönliche Befindlichkeiten unsere einzigen Sorgen sind, geht es uns gut. Ein Dach über dem Kopf. Essen auf dem Herd. Kleidung. Ja, es geht mir gut.

Am Sonntagnachmittag machten wir einen langen Spaziergang. Wir gingen nicht am Rhein spazieren, sondern im Rhein. Die langanhaltende Kälte und der mangelnde Niederschlag ermöglichten einen Perspektivwechsel der besonderen Art. Statt von Ufer aus Steinchen ins Wasser zu werfen, liefen wir im den Flussbett aus tausenden von Muscheln, schlitterten über zugefrorene Rinnsale und waren den riesigen Schiffen, die vorüberzogen, seltsam nahe. Wir blickten von unten nach oben und nicht wie sonst von oben nach unten. Perspektivwechsel sind heilsam und rücken manches gerade.

Am Abend zuppelte ich die Bettdecken meiner Kinder zurecht und blieb noch eine Weile bei jedem einzelnen stehen. Nichts ist tröstlicher als schlafende Kinder, ihre entspannten Gesichter und das Geräusch, das ihr Atmen in der Dunkelheit verursacht. Ich betete für diesen jungen Mann, für die, die ihr Liebstes verloren haben. Ja, Perspektivwechsel sind heilsam, manchmal dringend notwendig. Und mir geht es gut.

3 Gedanken zu “Im Fluss

  1. Wie schön du das schreibst! Vielen Dank dafür, auch für deinen lieben Comment bei mir! Es ist schrecklich, wie rasch alles weg sein kann, was wir haben und lieben- und wunderbar, zu fühlen, wie wahnsinnig wertvoll und schön es ist, es noch zu haben…

    ganz liebe Grüsse!!!
    Bora

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