Jede Woche, immer irgendwann Donnerstags, stehe ich vor der gleichen Herausforderung: der Ausarbeitung des wöchentlichen Essensplan. Einen Essensplan braucht man, um an den Freitagen einigermaßen sinnvoll und durchdacht einkaufen gehen zu können und um zu verhindern, dass man täglich kopflos durch Supermärkte irren muss, weil man eben nicht weiß, was man kochen soll und einem auf Kommando natürlich nichts einfällt- außer Spaghetti mit Tomatensauce. Soweit so einsichtig, das Prozedere läuft hier seit Jahren. Das Problem bei der ganzen Geschichte sind nicht mangelnde Ideen oder Rezepte (das ganze Netz ist schließlich voll von Rezepten, von Büchern und Heftchen ganz zu schweigen), das Problem ist vielmehr, das man nicht weniger von mir verlangt, als jede Woche auf ein Neues die Quadratur des Kreises hinzubekommen. Denn das Essen soll natürlich gesund sein, nahrhaft und dabei ökologische Gesichtspunkte und saisonale und regionale Besonderheiten berücksichtigen. Dabei muss es  aber auch bitte preiswert sein, denn wir sind viele, schnell zuzubereiten und wenig schmutzen (wer will schon Stunden in der Küche stehen, zehn Töpfe schrubben und hinterher noch kurz die Wände renovieren? Hin und wieder ja, aber täglich?). Ha! Ich sage, dass ist bis hierher noch alles machbar!

imageAber: das Essen soll selbstverständlich auch allen schmecken! Und damit hätten wir nichts anderes als die Quadratur des Kreises. Der eine ist kein Gemüse, außer Spinat, aber kein Rahmspinat, denn der schmeckt sandig. Der nächste verweigert alles was in irgendeiner Form Stückchen enthält, egal ob Zwiebel, Gemüse, Hackfleisch oder überhaupt irgendetwas Bröckeliges und- Suppe. Auch die ganz ohne Stückchen. Die kluge Mutter püriert Saucen mit Gemüse, dass es nur so schäumt, aber dem Gatten sind pürierte Saucen ein Graus, genau wie Spinat, verständlicherweise. Ich habe wegen der seltsamen Vorliebe der Kinder für Spinat ( außer dem mit dem Rahm natürlich) soviel Spinatrezepte gekocht, dass wir eigentlich alle dauerhaft grün im Gesicht sein müssten. Hier gehen Mais und Bohnen, da rennen zwei  aber schreiend weg. Die Jungs bevorzugen Nudeln, die Mädchen aber sind die Nudeln leid und bestehen auf Alternativen. Fleisch stehen fast alle skeptisch gegenüber, aber meine Tochter ist eine richtige Fleischfresserin und auch der Gatte sehnt sich nach guter, alter Hausmannskost. Vorbildfunktionen sind nutzlos. Denn die Eltern dieser Kinder essen wirklich schüsselweise Salat, ohne dass sich uns einer anschließen wollte, außer Gurkensalat natürlich, geht aber nur bei dreien. Alle hassen Marmelade und Obst in verarbeiteter Form, nur die Zwillinge nicht- die mögen gerne bittere Orangenmarmelade.  Ich könnte diese Liste wirklich endlos fortsetzen. Neulich habe ich bei Miri von leckerleckerliese den Auspruch ihres Mannes gelesen: “ Ein Schwein spinnt immer!“  und ich würde ihn dahingehend erweitern: wenn man Glück hat!

Nun, die Stimme der Vernunft und der Weisheit würde natürlich sagen: was schert dich das Genöle? Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Ist ja auch ein Erziehungsauftrag. Punktum. Man will schließlich keine verwöhnten Plagen, die ständig an allem herumnörgeln. Manchmal denke ich so. Die Sache hat nur ein paar Haken. Zum einen nölen meine Kinder in der Regel nicht. Meine Kinder sagen Dinge, wie: „Heute bin ich gar nicht so hungrig.“ Oder:“ doch, echt lecker, mir ist nur nicht so wohl…“ Oder sie sitzen und schweigen ihr Essen an, stochern und schieben in der Hoffnung, es möge sich in Luft auflösen. Meine Kinder wollen mich nicht kränken, sie wissen, dass ich mir Mühe gegeben habe und das macht mich ganz wahnsinnig.

Zum anderen ist es ein Ausdruck von Zuwendung und Aufmerksamkeit in einer immer trubeligen  Familie. Fällt ein Schuljunge mittags um zwei müde auf seinen Stuhl, dann soll er auftanken dürfen, an Leib und Seele und nicht erstarren müssen vor einem Gebirge aus Broccoli und Kartoffelbrei, das ihm unüberwindbar scheint. Essen ist ein ganz elementarer Ausdruck von Liebe und Versorgen, es soll Freude bereiten und Stärkung sein. Gemeinsame Mahlzeiten sind wenig harmonisch und kraftspendend, wenn es drei der Beteiligten vor dem Essen graust. Ein Lieblingsessen kann einen fiesen Tag erträglich machen, weil es zeigt: ich habe an dich gedacht und ich weiß, was dir Freude macht.

Das Essen ist ein Spiegel all dessen, was Familie ausmacht. Liebe und Kompromiss, die Suche nach dem gemeinsamen Nenner, der Spagat zwischen Beharren und Nachgeben, zwischen Vernunft und auch mal fünfe gerade sein lassen. Fürsorge und füreinander Sorge tragen.

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Also versuche ich weiterhin jeden Donnerstag die Quadratur des Kreises, halte drei Bohnen und ein Broccoliröschen für eine ausreichend große Portion Gemüse, sammle ausdauernd Spinatrezepte, püriere nur die Hälfte der Sauce, rühre mein Pesto wenigstens selbst an (ist gesünder) und koche auch mal Nudeln und Kartoffeln. Gestern habe ich endlich ein Rezept für Müsliriegel ohne Trockenobst gefunden, für den Schulbrotverweigerer ein Segen. Kompromiss eben.

9 Gedanken zu “Mahlzeit!

  1. Ach, wie schön… das hätte von mir sein können 🙂 Es gibt da ja so schlaue Sprüche wie „Extrawürste gibt es nicht“, „gegessen wird, was auf den Tischt kommt“ oder „probieren muss jeder“… Aber irgendwie passt das für uns auch nicht. Irgendwann habe ich eine Liste angefangen, die hieß „was ALLE gern essen“ und hoffte, hier einen Fundus anlegen zu können. Aber ach… Nur weil einmal ALLE Kinder gern die Dinkelbratlinge gegessen haben heißt das nicht, dass das beim nächsten Mal noch genauso ist! Die Liste habe ich wieder aufgegeben. Manchmal denke ich, ich könnte auch gleich rufen: „Kinder, kommmt nörgeln, das Essen ist fertig!“ Einmal war ich vor den Sommerferien so frustriert, dass ich zwei Wochenlang Spagetti gekocht habe. Jeden Tag. Bis es allen zu den Ohren herauskam. Inzwischen experimentieren wir weiter an der Quadratur des Kreises. Freitags gibt es etwas, was (vermutlich) alle gern essen, weil sogar alle Schulkinder mittags da sind und weil das Wochenende vor der Tür steht. (In der Regel: Süßspeise.) Einen wechselnden Tag in der Woche ist Kinderkochtag, da kocht am Abend ein Kind mit Mama oder Papa (oder zunehmend selbstständig) für alle und darf auch aussuchen, was. Mein Wochenplan hängt im Flur und hat eine Spalte „Was ich mir zu Essen wünsche“, das versuche ich dann in der nächsten Zeit mit einzubauen… Der Große isst eigentlich nur Fleisch ohne irgendwas drumherum und brutzelt sich das dann selbst (Der Rest isst selten oder gar kein Fleisch). So wurschteln wir uns durch. Solidarische Grüße und weiter viel Spaß bei der Quadratur des Kreise, Martha 🙂

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  2. 😀 😀 😀 Ooooohhhhh Sandra, Du triffst wieder den Nagel auf den Kopf, ich saß grad lachend vorm PC und denke, der Text könnte von mir sein… ich habe es letzte Woche gewagt, Reis zu kochen… Du glaubst nicht was hier los war. Nur dass meine Kinder mir gegenüber kein bisschen sensibel sind, sondern es knallhart sagen (das ist ja voll eklig, bäh ich ess das nicht, wie kannst Du nur Reis machen usw usw…), da war ich echt gefrustet (aber da ich selbst kein Reisfan bin, kann ich es ihnen nichtmal übel nehmen… und als sie mich dann am nächsten Tag fragten, was es zu Essen gibt, sagte ich: ‚Reis mit Scheiß‘ – das ist seither hier der running gag)… puh, echt immer wieder eine Herausforderung! Gute Nerven Dir! LG, Miri

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  3. ich erinnere mich, dass ich als Kind ganz andere Geschmacksknospen hatte als heute: manches hat mir einfach nicht geschmeckt, intensiv nicht geschmeckt, das hat sich im Erwachsenenalter beinahe ganz verloren, ich esse fast alles gerne 🙂 ich glaube auch, dass man Kindern da echt gnädig sein sollte…ich lese gerne bei dir. Danke für deine schönen Texte. e.l.

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