Irgendwann letzte Woche kroch ich, wie jeden Morgen, früh um sechs unausgeschlafen und zerknautscht aus meinem Bett, wankte ins Badezimmer und versuchte gleichzeitig einen Fünftklässler zu wecken und dabei den richtigen Weg in meine Klamotten zu finden. Dringend nötige Renovierungsarbeiten an Gesicht und Frisur vertagte ich auf später- soviel Zeit hat das große Schulkind am Morgen nicht und  er zieht sein Frühstück eindeutig einer renovierten Mutter vor. Auf dem Weg nach unten traf ich auf einen erstaunlich ausgeschlafenen Dreijährigen und herzte ihn, wie es sich gehört. Und er nahm mein zerknittertes Gesicht in seine kleinen Patschehändchen, sah verliebt in meine schlafverquollenen Augen und sagte aus tiefster Seele: “ Du siehst so schön aus!“ Dann drückte er mir einen herzhaften Schmatzer auf den Mund und fügte hinzu:       „Du hast zwei Augen! Ich will jetzt Saft.“ Vergnügt zog er von dannen und ich blieb noch für ein paar Sekunden, wo ich war. War er denn blind? Sah er nicht den rausgewachsenen Haaransatz, die dunklen Ringe unter den müden Augen, die lästigen Pfunde, die sich zu einer Trennung von mir einfach nicht entschließen wollen? Zwei Augen, immerhin, aber der Rest? Hm. Ich sah das alles. Alles weit entfernt von optischer Makellosigkeit. Trotzdem entschloss ich mich das Kompliment dankbar in die Tasche zu stecken und machte mich schon deutlich beschwingter an die Zubereitung des Frühstücks.

Später am Tag las ich in einem Blogeintrag von Lena eine Liebeserklärung an ihre Mutter und deren Schönheit. So liebevoll beschreibt sie die Frau, die sie geboren hat, dass es einem ganz warm ums Herz wurde. Liebe macht schön- den der sie gibt und den, der sie empfängt.

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Am Sonntag dann waren wir zur Feier der Erstkommunion unserer Tochter alle ganz unfassbar hübsch zurechtgemacht. Alle Haare frisiert, die Buben und der Gatte in Hemden und Krawatten, alle Damen der Familie  in schönen Kleidern. Am hübschesten natürlich unser Kommunionmädchen, die wirklich zauberhaft aussah mit ihrem Kleid, ihrem Haarschmuck und ihrem strahlenden Gesicht. Die ganze Pracht hielt selbstverständlich  nicht lange, je nach Persönlichkeit kaum bis nach dem Gottesdienst und der Anfertigung einiger Fotos. Dann mischten sich schon Saucenspritzer mit einigen Flecken Mousse au chocolat, zerrissen beim Spielen feine Strumpfhosen und ein Regenschlammgemisch zierte dunkelblaue Hosen.

Aber so hübsch und prächtig wir alle an diesem Morgen waren, am schönsten sah mein Mädchen aus, als es mit wehendem Haar und weißem Kleid selbstvergessen und völlig entspannt durch den Regen rollerte- ein Bild wie ein Gemälde. Am schönsten ist sie früh am Morgen, wenn sie noch schlafwarm und zerwuschelt aus dem Bett aufsteht oder versunken durchs Wohnzimmer tanzt. Mein großer Junge hat eine Art seinen Kopf in den Nacken zu legen und von ganzem, tiefen Herzen zu lachen, es kullert ganz unten aus ihm heraus und ist nicht nur ansteckend sondern ganz unglaublich schön. Nie ist mein Erstklässler schöner, als wenn er mit hochrotem Kopf, erschöpft und glücklich von einem Fußballplatz wankt. Wenn er völlig vertieft ist in ein Bilderbuch. Wenn er eine Schleichwelt baut, gelöst und voller Frieden. Es sind zauberhafte Momente, wenn sich meine Kleinen scheinbar unbemerkt in den Armen halten. Wenn sie ins Spiel versunken sind oder in den Armen ihres Vaters schlafen. Selbstverständlich sind meine Kinder die schönsten Kinder der Welt, gar keine Frage. Alle Kinder dieser Welt sollten die schönsten sein, weil liebende Augen auf ihnen ruhen und die Liebe Schönheit sichtbar macht. Schönheit, wenn ich es recht bedenke, bedeutet wohl nicht optische Makellosigkeit. Schön sind wir vielmehr dann, wenn wir ganz bei uns sind und ein liebevoller Blick mitten in unser Herz fällt. Ich hoffe, dass fällt mir wieder ein, wenn ich das nächste Mal morgens früh um sechs vor meinem zerknitterten Gesicht im Badezimmerspiegel erschrecke. Ich bin schön, weil ich geliebt bin. Und weil ich darauf vertrauen darf, dass derselbe Blick, mit dem ich die unvergleichliche Schönheit meiner Kinder sehe, auch auf mir ruht. Weil ich ein Kind Gottes bin. Und du auch.

2 Gedanken zu “Im Auge des Betrachters

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