Manchmal läuft der Alltag über Monate seinen gleichförmigen Alltagsgang, mit kleinen Höhen und Tiefen, mittleren Katastrophen und netten Highlights. Scheinbar passiert nichts weltbewegendes. Manchmal purzeln die Ereignisse und die Meilensteine nur so durcheinander und man ist überwältigt davon, wieviel in den verborgenen Tiefen des Alltags eben doch  passiert.  So geschehen bei uns in den letzten Tagen und ich bin noch ein wenig atemlos. Wir sind nämlich sauber. Jetzt endlich alle, von einem Tag auf den anderen. Noch immer begreife ich nicht so richtig, wie Zwillinge ticken. Ganz verstehen werde ich es wohl auch nie, denn ich bin ja keiner. Aber auch diese entscheidende Veränderung in ihrem Leben haben sie gemeinsam beschlossen und von jetzt auf gleich in die Tat umgesetzt. Nun wirst du vielleicht müde lächelnd abwinken und sagen „Windelfreie Kinder, na und? So spannend ist das ja nun wahrlich nicht?!“ Recht hast du, wenn ich auch diesen besonderen Schritt in die Selbstständigkeit immer wieder beachtlich finde. Aber in diesem Falle ist es nicht nur ein Meilenstein in zweier Kinderleben. Nein, es ist ein gigantischer Meilenstein im Leben von uns als Eltern, der da überraschend vor uns aufragte. Der Gatte ließ es sich nicht nehmen, überschlug kurz die Bilanz der letzten elf Jahre und er kam auf stolze 26000. 26000 Windeln haben wir so ungefähr über den Daumen gepeilt (Magen-Darminfekte mal nicht mitgerechnet) in diesen Jahren ohne Unterlass gewechselt. Elf Jahre lang war ich zu jeder Zeit Mutter mindestens eines windeltragenden Kleinstkindes. Jetzt bin ich es nicht mehr. Das war am Freitag.

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Am Montagmorgen beschlossen die selben zwei kleinen Menschen, dass sie jetzt Fahrradfahren lernen wollten. Der Gatte sprach begütigend und vorausschauend darüber, wie lange es dauern kann, bis ein Mensch das Fahrradfahren beherrscht. Pustekuchen- am Montagabend sausten sie beide die Straße vor unserem Haus auf und ab, alleine. Gestern nutzte einer bereits die neue Selbstständigkeit und entkam samt Rad auf den nahegelegenen Spielplatz. Ich fürchte, nächste Woche machen sie den Führerschein und ziehen aus.

Meilensteine im Leben unserer Kinder entpuppen sich manchmal als Wegmarker in unserem eigenen Leben.Vor gut vier Jahren saß ich mit meinem dicken Babybauch auf dem Bänkchen vor unserem Haus. Es war Hochsommer, ich durfte mich nicht bewegen und bekam Besuch von drei lieben Freundinnen. Sie brachten mir zwei Rosenstöcke, weil sie wußten, wie sehr ich Rosen liebe. Und weil ich mich ja nicht bewegen durfte, pflanzten sie die beiden Stöcke auch gleich an der gewünschten Stelle ein. Der Boden war knochenhart, das Werkzeug mehr als unzureichend, die Aktion dauerte ewig, kostete die drei Damen viel Schweiß und noch mehr Lachtränen. Irgendwann waren die zwei unscheinbaren Stöckchen in der unwirtlichen Erde. Wenn ich heute zu meinem Auto will, dann gehe ich an einer Wand aus Rosen vorbei. Sie blühen so prächtig, dass ich aus dem Daranfreuen gar nicht mehr herauskomme (und jedes Mal diesen drei Frauen einen lieben Gedanken schicke). Still und leise, fast unbemerkt, sind sie in diesen Jahren gewachsen und immer größer geworden. Ein Meilenstein aus blühenden Rosen.image

Leben heißt Wachstum und Veränderung, manchmal laut und mit großem Trara, manchmal aber auch still, leise und fast unbemerkt, Schrittchen, für Schrittchen, für Schrittchen. Das gilt nicht nur für Kinder und Rosen. Das gilt für alle, ein ganzes Leben lang. Ich bin keine Kleinkindmama mehr. Das eröffnet in nicht all zu ferner Zukunft neue Möglichkeiten und Perspektiven und es gruselt mich auch ein bißchen. Nicht, dass ich je dachte, ich sei fertig. Aber so deutlich bewusst wird es einem ja nicht immer. Ich bin gespannt, wo ich noch hinwachsen darf, am liebsten in vielen tausend kleinen Schritten. Fürs große Trara bin ich nicht so zu haben. Und jetzt mal ehrlich- 26000!

 

 

 

2 Gedanken zu “26000

  1. Ich reich dir Mal die Hand. Sehr witzig, denn auch hier sind nach mittlerweile 16 Jahren (16!!!) durchgehend Windeln wechseln alle sauber. Okay, der Jüngste steckt noch drin in der Phase. Ausgerechnet im Urlaub auf dem Campingplatz hat er beschlossen: Windel weg! Und von früh bis abends spurte ich mit ihm zum Klo, wann immer er muss… Klappt super. Aber ausgerechnet HIER. Ich könnte Kilometergeld verlangen. Und da lese ich jetzt voll Freude deine schönen Meilensteine… Danke! Liebe Grüße, Martha

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  2. Ach, wie freue ich mich für dich!! Es verändert wirklich viel. Schon jetzt mag ich es gar nicht mehr, wenn Kleinkindeltern ihre übelriechenden Abfälle bei uns entsorgen wollen 😉 Ich finde, es ist Freiheit! Herzlichen Glückwunsch den zwei Mutigen – und euch auch!

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