Das Tolle an vielen Geschwistern ist ja, dass man nie alleine ist, immer ist etwas los, das Haus voller Leben, Geschichten, Ansprache. Immer findet sich jemand zum Spielen, Streiten, Quatsch machen. Man läuft nicht in Gefahr, ein lästiges Zuviel elterlicher Aufmerksamkeit abzubekommen. Einer der wenigen Erziehungssätze, den ich wirklich schon ganz früh verinnerlichte und an dem ich immer festgehalten habe, lautet: „Das Kind sollte immer im Zentrum des Geschehens sein, aber es sollte nie Zentrum des Geschehens sein“ ( Anna Wahlgren). Hat man sich eine gewisse Anzahl an Kindern zugelegt, dann ergibt sich die Umsetzung dieses Satzes quasi von allein, denn für zuviel Aufhebens um den Einzelnen fehlt schlicht die Zeit. Das Blöde an vielen Geschwistern ist natürlich, dass man nie alleine ist, immer ist etwas los, das Haus voller Leben und man muss sich nicht nur das letzte Stück Pizza teilen (wenn man schnell genug ist…) sondern eben auch die elterliche Aufmerksamkeit, die man manchmal ja schon gerne hätte.

Vor zwei Jahren waren wir zum ersten Mal auf der Suche nach einem Erstkommuniongeschenk für unseren Ältesten. Etwas wirklich Wertvolles sollte es sein, etwas, was man nicht nach kurzer Zeit achtlos wegwirft, etwas mit Bedeutung, das den Anlass würdigt. Das Kostbarste, was wir unserem Kind schenken konnten, war Zeit. Ungeteilte Aufmerksamkeit, ein Abenteuer nur zu zweit. Und so packte der Gatte den Knaben ein und reiste mit ihm für drei Tage nach Berlin. Sie besuchten den Reichstag, rannten alle historischen Sehenswürdigkeiten ab und hatten noch genug Zeit für alle geschichtsträchtigen Museen, die mein Sohn so liebt. Noch heute erzählt er mit leuchtenden Augen von dieser Reise, die Erinnerung daran, an die Zeit allein mit dem Papa, als Schatz in seinem Herzen.image

Vor einigen Monaten waren wir wieder auf der Suche: ein Erstkommuniongeschenk für unser Mädchen. Und wieder kamen wir zum selben Schluss: das Wertvollste, was wir schenken können, ist Zeit. Glücklicherweise war ich dieses Mal an der Reihe mit dem Abenteuer zu zweit. Am Freitagmorgen bestiegen wir den Zug nach München und hatten dort eine ganz wunderbare Zeit. Mein großes Mädchen saugte alles auf, wie ein Schwamm: U-Bahn fahren und das Glockenspiel am Rathaus, der Hofgarten und ein Bummel über den Viktualienmarkt. Wir bestaunten die Köstlickeiten im Dallmeyer-Haus, zündeten eine Kerze in der Liebfrauenkirche an und erholten uns am Nachmittag im Englischen Garten. Sie genoß es mit mir ein Zimmer zu teilen und die improvisierten Mahlzeiten auf der Fensterbank des Hotelzimmers. Den Besuch im Augustinerbiergarten und natürlich den Höhepunkt: die Show der Moving Shadows im Cirkus Krone Bau ( unfasslich, zu was der menschliche Körper fähig ist-  nicht meiner, natürlich…). Randvoll mit Eindrücken reisten wir gestern nach Hause, müde, glücklich und zufrieden.

Dieses Geschenk war und ist aus vielerlei Gründen unendlich wertvoll. Die Zeit, nur Mama und Tochter, wird ihr keiner mehr nehmen können, es ist ein Schatz in ihrem Herzen. Und in meinem auch. Wer weiß, welche pubertären Stürme irgendwann an uns rütteln, dieser Schatz bleibt uns. Dafür bin ich sehr dankbar.

Wertvoll ist es aber auch deshalb, weil es natürlich nicht nur eines finanziellen Aufwandes bedarf, sondern vor allem auch eines gigantischen, organisatorischen, um eine solche Reise zu ermöglichen. Um am Freitag alle Kinder unterzubringen und zu versorgen, brauchte es Patentante und Freunde. Um das Wochenende zu wuppen, brauchte es den Gatten in Höchstform. Der war nämlich nicht nur allein mit vier Kindern, sondern schaffte mit ihnen auch die Einweihung eines Rasenplatzes (inklusive Elfmeterschießen), den Besuch des Kindergartensommerfestes und das Fußballturnier des Erstklässers (vier Spiele an einem Nachmittag in sengender Hitze!). Er beruhigte die unwirschen Zwillinge, und kochte ein Abendessen für die müden Krieger. Sogar ein Filmabend mit Chips war für die Buben noch drin. Als ich gestern in ein aufgeräumtes Zuhause kam, war der Teig für das Faltenbrot schon gemacht und wir konnten gemeinsam direkt weiter- zum nächsten Sommerfest. Zur Belohnung durfte er seinen Sonntag in der Notaufnahme der Uniklinik beenden, denn der Erstklässler im Fußballfieber, wurde auf die letzten Meter noch am Bein verletzt. Es brauchte meinen Ältesten, der dem Papa tapfer zur Seite stand, unaufgefordert den Tisch zu den Mahlzeiten deckte und immer wieder die Zwillinge unterhielt.

Alle gemeinsam haben ihre Zeit geschenkt und uns dieses Wochenende möglich gemacht. Danke! Danke, für eine schöne Reise und glückliche Heimkehr. Das Kostbarste, was wir einander geben können, ist Zeit. Sie ist unbezahlbar.

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Und falls du dir Sorgen um das seelische Wohlergehen des Gatten machst: keine Bange! Wir haben ihm ein Bier mitgebracht. Und diese Woche fährt er drei Tage beruflich nach Berlin. Da kann er sich erholen, von der ganzen Sippe.

3 Gedanken zu “Reich beschenkt

  1. Ich musste so lachen bei dem Futterneid… Das kennen wir natürlich auch! Was für ein Geschenk, die vielen Kinder 🙂 Wir haben uns auch fürs „Zeitschenken“ entschieden, aber bei der Konfirmation sind die Kids natürlich schon kaum mehr Kids… Mein Großer war mit Papa in Prag zur Zeit der Eishockey-WM. Unvergesslich! Wenn mein erstes Mädchen 14 ist bin ich dran und freu mich schon, etwas Schönes auszusuchen, was ihr liegt und zu ihr passt… Ihr macht das echt wunderbar ❤ Liebe Grüße, Martha

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  2. Schön, von euch zu lesen… Schön wie ihr euch ergänzt und euch gegenseitig Liebe und Aufmerksamkeit schenkt… Und es macht gleichzeitig auch Vorfreude auf noch mehr Nachwuchs im eigenen Haushalt! DANKE für diesen Einblick… Alles Gute für euch…

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