Also, ich gehöre ja zu den Menschen, die richtige Heulbojen sind, nah am Wasser gebaut, nie um ein Tränchen verlegen, furchtbar rührselig. Dieses Phänomen hat sich dummerweise mit jedem weiteren Kind verstärkt und jetzt kann ich ohne Taschentücher keine Medallienverleihung anschauen- und sei sie noch so abstrus, Nationalhymnen sind auch ganz furchtbar, oder schöne Musik, wenn jemand etwas Nettes über meine Kinder sagt oder ein ansprechender Zeitungsartikel, schon öffnen sich die Schleusen. Die zweite Folge von „Anne with an e“ hat mich so beansprucht, dass ich erstmal eine Guckpause brauchte, manche Lieder im Chor, ein „Tatort“, in dem ein Kind verschwindet- vergiss es. Meine Familie weiß um diese nasse Macke und sieht freundlicherweise großzügig darüber hinweg. All das rührt mich irgendwie, irgendwie sogar zu Tränen, aber es berührt und erschüttert mich nicht wirklich (sonst müsste ich mir echt Sorgen machen!).

Am Abend des letzten Schultages ging ich ins Bett und fand darin mein persönliches Zeugnis- und das hat mich wirklich berührt, in meinen tiefsten Tiefen (da heule ich übrigens nicht, das findet irgendwo eine Etage tiefer statt) Und ich dachte daran, wie wichtig es ist, dass wir gesehen werden, von denen, die uns etwas bedeuten. Wieviel es uns bedeutet, dass wir wahrgenommen werden, so wie wir sind und in dem, was wir tun. Eine Bestätigung dieses Gedankens fand ich nur einen Tag später. Da fuhr ich mit meinem Zwillingsmädchen alleine zum Einkaufen. Eigentlich nichts aufregendes, aber ich mache das sonst nie. Still, stolz und strahlend thronte sie in ihrem Kindersitz neben mir. Ab und an streichelte sie meine Hand, die schaltete. Und mir wurde schlagartig klar: Oft sehe ich nur den Doppelpack. Es sind „die Zwillinge“. Das passiert schon deshalb, weil sie so unwahrscheinlich aneinander hängen. Aber es sind eben auch zwei einzelne Menschen. Und jeder will auch für sich wahrgenommen,gesehen und gewürdigt werden. imagePassend dazu lese ich gerade dieses Buch. Ich weiß, ich bin spät dran. Aber ich habe eben wirklich eine Abneigung gegen Ratgeber und dieser ist in gruseliges Deutsch übersetzt. Nichts desto trotz sind mir Teile davon so oft über die Füße gelaufen, dass ich das ganze Werk lesen wollte. Letztlich geht es wohl um nichts anderes, als um das gesehen werden, um das wahrnehmen und würdigen, in einer Ausdrucksform, die wir begreifen und verstehen können. Was nützt die schönste Würdigung, wenn ich sie gar nicht verstehe? Die Idee gefällt mir. Sie gefällt mir für den Gatten und mich als Ehepaar, das auch ganz unterschiedliche Liebessprachen spricht. Es gefällt mir für uns als ganze Familie und ich denke viel nach, über die Sprachen, der einzelnen Sippenmitglieder, ihre unterschiedlichen Dialekte. Ich möchte Sie gerne sprechen lernen, denn sie sollen wissen und verstehen, dass sie gesehen werden. Und geliebt, selbstverständlich. Das „Zeuknis“ war in meiner Liebessprache geschrieben. Es hat mich nicht gerührt, es hat mich berührt. Und dem Himmel sei Dank, glaube ich fest daran, dass es einen gibt, der uns alle wahrnimmt und würdigt und uns einfach liebt. Dich auch.

Ein Gedanke zu “Gesehen und berührt

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