Suchende Hände schieben sich sanft unter meinen Rücken. Sie fühlen und tasten vorsichtig, spüren auf, wo es klemmt und hakt. Stille im Raum und in mir. Die geplagte Rückseite entspannt sich merklich in diesen kundigen Händen der Ostheopatin, die kein schnelles Wunder versprechen, aber nach Ursachen suchen und Blockaden erspüren und lösen. Von Haus aus bin ich ja eine Freundin der schnellen Lösungen. Problem erkannt, Problem gebannt, das große Gezackere ist nicht so meines und Geduld schon gleich dreimal nicht. Nun schaue ich mein mondgesichtiges Kortisonkonterfei im Spiegel an und lerne wieder mal: die schnelle Lösung nützt manchmal wenig. Den Schmerz, die Auswirkungen bekommst du weg, die eigentliche Ursache, das, was hakt und blockiert eben nicht.

Wie passend, dass ich mir das gerade jetzt wieder bewusst machen darf, wo das Jahr nach neuen Schulbüchern und unbenutzten Heftseiten riecht. Noch sind alle Stifte frisch gespitzt, keine Eselsohren stören das Auge, die guten Vorsätze sind frisch erholt und blank poliert. Ich gebe uns keine zwei Wochen, dann hat uns der Alltag wieder fest im Griff- inklusive Eselsohren, Hausaufgabenfrust, persönlichen Grenzerfahrungen und verschlampten Buntstiften. Das normale Leben eben. Und immer wieder wird es haken. Und blockieren. Ich lasse meine Kinder zurück in ihr Alltagsleben ziehen und hoffe, dass es mir immer wieder gelingen möge, hinzuhören, still zu werden, Ursachen zu suchen und Blockaden zu lösen, langsam und ohne zu überdrehen. Man ist ja lieber „heilende Hand“ als „fiese Kortisontablette“ im Leben der eigenen Kinder. Und weil ich das alleine sowieso nicht schaffe, flüstert mein Herz:“Guter Gott, behüte sie!“

Mit Schaudern denke ich an jenen heißen Vormittag in den Sommerferien  zurück, an dem ich es für eine gute Idee hielt, mit fünf Kindern alleine ins Freibad zu gehen. Meine Kinder sind ausgesprochen zuverlässig und vernünftig, wir hatten genau besprochen, wer sich mit wem wo aufhalten darf. Ich ging drei Stunden durch die Hölle. Angespannt wie ein Flitzebogen versuchte ich alle gleichzeitig im Blick zu haben, besonders natürlich meine Zwillinge, ausgestattet mit Schwimmärmelchen und einem Gummireifen um den Bauch. Mit Argusaugen verfolgte ich die lieben Kleinen, um sie vor dem Verlorengehen und Ertrinken zu bewahren und war mehr als erleichtert, als ich nach drei Stunden wieder zusammenpacken durfte. Alles war schon zusammengeräumt, meine Großen wollten mir ein letztes Mal zeigen, wie sie vom Dreier springen können und wir begleiteten sie zum Springerbecken. Glatte, tiefblaue Wasserfläche und ein roter Wasserball. Der Ball rollte und hüpfte, bis er inmitten des tiefen Beckens landete. Und ehe ich mich versah, rannte mein kleiner Junge los, nur noch diesen Ball im Blick, nahm Anlauf, sprang und- ging unter wie ein Stein. Keine zwei Sekunden später war sein großer Bruder runtergetaucht und drückte den hilflosen Zwerg nach oben, wo ich ihn wieder aus dem Wasser fischte. Bedröppelt fuhren wir nach Hause, der kleine Mann war von seinem Wassererlebnis nachhaltig geschockt. Und ich dachte: „Siehst du lieber Gott, du musst mir helfen. Alleine schaffe ich das nicht, so sehr ich es auch versuche!“

Kaum eine Woche später hinderte das Erlebte den Knaben nicht daran, seine Zwillingsschwester in den toskanischen Urlaubspool zu stoßen. Auf der tiefen Seite. Wahrscheinlich wollte er seine Erfahrungen mit ihr teilen. Diesmal sprangen gleich drei Geschwister hinterher. Vielleicht ist das ja Gottes Antwort auf meine Gebete: ein Haufen Kinder, die sich gegenseitig retten, wenn ich gerade nicht hinschaue! Aber so sehen meine Feinde aus: tiefblaue Pools und Riesenrutschen. Hohe Mauern und Busfahrer mit Handy am Ohr. Unbeleuchtete Fahrradwege und vielbefahrene Straßen. Unfreundliche Menschen und städtische Bahnhöfe. Doch: genauso wenig wie ich eine Kortisontablette im Leben meiner Kinder sein will, so möchte ich auch selber nicht zur Blockade werden, nur weil ich überall Gefahren lauern sehe. Meine Ängste dürfen nicht ihre werden. Voll Vertrauen und mutig sollen sie durchs Leben gehen. Sehe ich sie in schwindelerregender Höhe herumklettern, dann ruft mein Mund: „Sehr gut! Vergiss nicht, dich festzuhalten!“ und mein Herz flüstert: „Behüte sie!“. Fahren sie los, mit Rad, Bus und Bahn, dann winke ich fröhlich hinterher und wünsche „Gute Fahrt!“. Mein Inneres aber ruft: „Sei bei ihnen, bitte!“ Machen wir uns nichts vor: Gebete sind keine magischen Zauberformeln, die uns und unsere Lieben vor allem Bösen bewahren. So funktioniert die Welt nicht. Aber ich will darauf vertrauen, dass Gott uns zur Seite steht und nur das Beste will, für mich , für dich, für unsere Kinder.

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Wo auch immer du jetzt bist. In den Ferien, oder auch am Beginn eines neuen Schuljahres, an einem Neuanfang, oder gerade Mittendrin, blockiert, oder richtig schön im Fluss: Sei behütet!

5 Gedanken zu “Blockiert und behütet

  1. Ich mag deinen Schreibstil sehr. Es macht wirklich Lust auf mehr… Noch ist Miniman nicht alt genug um selbst die Welt zu erkunden aber ich kann deine „Zerrissenheit“ im Herzen nachvollziehen…. Man möchte Vertrauen schenken, ihnen Mut zusprechen voran zu gehen und doch hat man Angst um sie….Die Sorgen und Ängste begleiten mich auch täglich. Es beruhigt mich zu wissen: Gott hat auch ein Auge auf unseren Miniman. Und ich darf ihn täglich unter SEINEN Schutz stellen…. Alles Liebe für euch….

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  2. Ich kann dir sehr nachfühlen. Ja, Gebete sind keine Zauberformeln. Aber Gott steht uns bei, verfolgt einen guten Plan und weiss, was jedes Einzelne braucht. „Gott ist immer am Werk!“ Dieser Satz begleitet mich schon ein paar Monate.
    Ich wünsche dir gute Besserung und gutes Landen im Alltag mit Eselsohren und verlegten Buntstiften :-))

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