„Mama, was ist ein Eunuch?“

Jetzt mal ehrlich, es geht doch nichts über eine gepflegte Tischkultur mit Gesprächen, die tiefgründig, unterhaltsam und horizonterweiternd sind. Selbstverständlich führen wir nur solche Gespräche während der Mahlzeiten und es ufert nie aus. Wir sind ja keine Barbaren.

„Mama, was ist ein Eunuch?“ Die kluge Mutter beantwortet jede Frage der wissbegierigen Nachkommen umgehend, auch wenn ihr für eine Sekunde das Knäckebrot im Hals stecken bleibt. Die kluge Mutter hat in diesem Falle nicht bedacht, dass eine Frage manchmal andere nach sich zieht. Ehe sie sich versieht, landet die Tischgesellschaft von den Eunuchen beim Stimmbruch. Ist ja auch naheliegend. Ich erkläre auch dieses Phänomen geduldig und schneide gleichzeitig ein paar Fleischwurstscheibchen für die lieben Kleinen, die ja auch mit. Nie ist der Gatte da, wenn es um Eunuchen und Stimmbruch geht.

Während ich noch hoffe, dass wir diese Themen jetzt abgehakt und zu etwas Erfreulicherem übergehen könnten, kringelt sich eine Neunjährige vor Lachen auf ihrem Stuhl. Sie findet die Aussicht auf Brüder im Stimmbruch zum Brüllen komisch. „Wie gut,“ quiekt sie, „wie gut, dass ich ein Mädchen bin! Wir brauchen so einen Mist nicht!“ Oha, Achtung! Aus einer nur leicht zweifelhaften Gesprächsgrundlage wird binnen Sekunden ein hochexplosives Minenfeld.

Und da kommt auch schon der verbale Gegenangriff. „Ha, Stimmbruch vielleicht nicht, dafür bekommst du baumelnde Brüste und breite Hüften!“ Grundgütiger. Schon kullern aus eben noch lachenden Augen dicke Krokodilstränen. Treffer versenkt. „Ich will so aber nicht aussehen. Das sieht dann komisch aus!“ Ich versuche zu beschwichtigen, verlange nach so etwas unverfänglichem wie Frischkäse. “ Bekommen außerdem nicht alle! Nena,“ fällt der ins Mark Getroffenen ein, „Nena hat keinen Busen und keine Hüften. und die ist schon voll alt! „Nena?! Wieso denn jetzt Nena!?  „Es ist rein gar nichts auszusetzen an Busen und Hüften,“ breche ich eine Lanze für alle Vollbusigen und Breithüftigen, zu denen ich mich durchaus zählen darf.

„Außerdem ist Nena Frutarierin. Willst du wirklich dein Leben lang nur noch Obst essen?“ Zweifelnd starrt meine Tochter auf die Brezel in ihrer Hand, als hätte sie nur die Wahl zwischen „baumelndem Busen“ und Ananas. Frutarierin scheint keine ernsthafte Option zu sein. Uns fallen Frauen ein, die über weibliche Attribute verfügen, und die sie sehr wohl schön findet. „Aber ich werde nie aussehen, wie Anette Louisan!“, heult sie weiter. „Die hat lange blonde Haare!“ „Natürlich wirst du nicht aussehen, wie Anette Louisan. Weil nur Anette Louisan aussieht wie Anette Louisan! Du siehst aus wie du! Jetzt und als Erwachsene. Und du bist, so wie du bist, wunderschön geschaffen!“ Boah, ich bin schon ganz außer Atem. Ich frage mich, warum meine Tochter schon so etwas wie ein Schönheitsideal im Kopf hat. Woher? Warum? Jetzt steht aber doch hoffentlich so etwas wie ein Themenwechsel an?! Oh nein, erst muss noch nachgeladen werden. „Dafür bekommst du später dann eine Glatze!“, feuert sie auf die andere Seite des Tisches. „Krieg ich nicht, ich habe Mamas Haare geerbt. Die Glatze bekommt er“, wehrt  der Knabe lässig ab und nickt zu seinem kleinen Bruder rüber. „Er hat Papas Haare!“ Empörtes Wutgeheul erfüllt in kürzester Zeit den Raum. „Es reicht!!!, brülle ich, pädagogisch versiert, wie immer. „Schluss jetzt!“. „Können wir jetzt mal was Schönes reden? Über Urlaub?“, maunzt mein kleines Mädchen von der Seite.image

Mein Zweitklässler hat schon seit er „Muh!“ sagen konnte eine seltsame Vorliebe für Kühe. Er liebt Kühe und der schönste Ort auf Erden ist für ihn der Kuhstall.  In kürzester Zeit kann er die eine, von der anderen unterscheiden. Für mich sehen Kühe aus, naja, wie Kühe halt. Leider haben wir keinen Kuhstall, noch nicht mal in der Umgebung. In kuhlosen Zeiten greift das Kind auf Schleichkühe zurück. Er besitzt Unmengen davon und er wünscht sich immer noch mehr. Auch da sehe ich nur einen Haufen Kühe, aber er weiß, von jeder Einzelnen, woher er sie hat. Was das besondere an ihr ist. Welches Kälbchen zu ihr gehört. Stundenlang kann er sich mit seiner Herde beschäftigen. Daran musste ich denken, während ich das Tischgespräch ein paar Tage lang verdaute und darüber nachsann, was ich meinen Kindern in Fragen des Aussehens, von Schönheit und körperlichen Veränderungen eigentlich mitgeben will. Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Wo andere nur eine Herde Kühe sehen, sieht mein Junge das Besondere in jeder Einzelnen. Wir sind auch nicht einfach nur eine Herde Menschen. Wir sind, jeder für sich, wunderbar geschaffen, eine unfassbare Vielfalt. So ein Geschenk. Und so unterschiedlich wir sind, so unterschiedlich sind auch unsere Vorlieben. Gäbe es nur die Großen, Dünnen oder nur kleine Runde, dass wäre doch sehr traurig. Nur Blondinen oder nur Brünette. Farblos. Viele Haare, wenig Haare, Runzeln oder Pfrsichhaut. Diese Vielfalt, der schiere Wahnsinn. Und für jeden ist etwas dabei. Das möchte ich meinen Kindern mitgeben, dass es kein Idealbild gibt. Alles Unikate. Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Und wenn sie sich selbst betrachten, dann sollen sie sich mit Wohlwollen ansehen und nicht mit Verachtung. Das wünsche ich mir. Mir wird bewusst, wie heikel dieser Themenbereich für Heranwachsende ist. Und dass ich einmal mehr Vorbild sein sollte, im wohlwollenden Betrachten, im liebevollen Umgang mit mir selber.  Um das für mich ein bisschen besser zu lernen, habe ich ein lebe-leichter.com– online Coaching begonnen. Irgendwann werde ich mal schreiben, wie es mir damit ergeht. Bis dahin arbeite ich an unserer Tischkultur. Und an der Akzeptanz von altersbedingtem Haarausfall.

 

7 Gedanken zu “Die Schönheit von Kühen

  1. Ich hab vor einem Jahr einen Lebe-leichter-Kurs begonnen und es tat mir sooo gut. War auch eine tolle Gruppe und ein toller Coach… Cool, dass du das online machst! Es ist nicht nur so, dass ich jetzt 12 kg leichter durchs Leben gehen darf und entdeckt habe, dass ich soooo unsportlich doch gar nicht bin… Auch andere Dinge hat es in mir angestoßen. Wie tu ich mir was Gutes, wofür brenne ich… Und dann hab ich zum Beispiel meinen Blog gestartet 🙂 Bin gespannt, wie es dir damit geht, ich wünsch dir von Herzen alles Gute! Liebe Grüße, Martha

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    1. Ehrlich gesagt gab dein Kommentar bei smoorbaer den letzte Ausschlag… Das Buch steht schon länger im Schrank. Zu wissen, wie es einer anderen Großfamilienmama damit gegangen ist, ist doch sehr ermutigend. Und ich hoffe nicht nur auf Verlust von gewichtigem Ballast, sondern auf Aussöhnung mit der eigenen Körper und Essgeschichte und dem Schaffen neuer Freiräume. Ist es nicht toll, wie so ein, wenn auch nur virtueller Austausch, bereichert?! Liebe Grüße und einen guten (Ein)Schulanfang
      Sandra

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      1. Ach schön… Also mein Kurs war ja „echt“, aber die Erfolgsquote online soll wohl ähnlich sein… Ich hab allerdings im Urlaub auch echt gekämpft und geschludert und bin gespannt, was die Waage nun sagt. Ich freu mich jetzt wieder richtig auf geordnete Bahnen, auch beim Essen 🙂 Alles Gute für dich!!

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  2. Liebe Sandra,
    Wieder einmal ein wunderschöner Beitrag von dir. Du hast wirklich eine Gabe, den Alltag so witzig und tiefgründig zugleich zu beschreiben und stellst immer so interessante Bezüge her. Oft lese ich einen Post auch mehrmals. Danke dir!

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  3. Liebe Sandra,

    oh, wie hab ich mich wieder gefunden in deinem Artikel. Das Gespräch hätte auch an unserem Tisch stattgefunden haben können. Danke fürs Teilen deiner Gedanken!
    Sei gesegnet,
    liebe Grüße,
    Judith

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