Seitdem mich nach der Rückkehr aus dem Urlaub der Rücken so plagte, bin ich um Versöhnung mit der angeschlagenen Kehrseite bemüht. Ich habe meine Beteiligung an dem Zerwürfnis eingeräumt, wir nähern uns langsam wieder an, das Verhältnis scheint nicht dauerhaft gestört. Eine Maßnahme im Versöhnungsprozess waren einige Stunden Physiotherapie, die man dem Hausarzt aus den Rippen leiern musste, als wolle man persönliche Goldvorräte plündern. Ungefähr gleichzeitig meldete ich mich bei einem lebe-leichter -online-coaching an. Ein wichtiger Bestandteil der recht einfach zu begreifenden Strategie: 30 Minuten Bewegung am Tag (ich glaube, sie meinen nicht Spülmaschine ausräumen, staubsaugen o.Ä.). „Siehste“ hörte ich den beleidigten Rücken ächzen, „ich sag es dir die ganze Zeit!“

Na da traf es sich doch gut, dass ich  in der Therapiepraxis meines Vertrauens ein neues e-gym Studio entdeckte. Modernste Geräte unter physiotherapeutischer Aufsicht, auf direktem Wege zwischen Schule und Kindergarten, zeitlich flexibel, Ausreden waren keine mehr auffindbar. Am Anfang der neuen Sportlichkeit stand eine „Kraftmessung“, damit sich die Geräte auf den jeweiligen Trainingszustand einstellen können. Unter Aufsicht natürlich. Während meine Kräfte vermessen wurden, trainierten andere schon fleißig vor sich hin, darunter eine entfernte Bekannte, die aber wirklich äußerst sympathisch ist. Ihre Anwesenheit interpretierte ich mal als gutes Zeichen. Das Ergebnis  der Kraftmessung interpretierte ich als ernüchternd. Wobei Teile von mir anscheinend echt stark sind. Die Kraft in meinen Armen ist super (Ha! Zwillinge schleppen zahlt sich aus!). Auch meine Beine sind durchaus belastbar. Alles was dazwischen liegt, scheint ein Vakuum zu bilden und die Bauchmuskeln haben wohl gekündigt. Ich überlegte, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass man sie mir beim Kaiserschnitt versehentlich mit rausgeschnitten hat, behielt die gewagte Theorie aber lieber für mich. Stattdessen schämte ich mich gründlich und dachte irgendwann laut:  „Ach, man muss gnädig sein, mit dem armen Bauch“. Die entfernte Bekannte stimmte mir aus vollem Herzen zu. Und wies daraufhin, wieviele Kinder in diesen Bäuchen wachsen durften. Und wie oft man es ihnen mit schlechtem Essen und mangelnder Bewegung gedankt hat. Man muss gnädig sein, mit dem armen Bauch. Ich ging nach Hause und nahm zweierlei mit.

Erstens: ich wünschte, es gäbe im Alltag so etwas wie eine Kräftemessung von Zeit zu Zeit. Und dann würden sich die hundertdreiundzwanzigtausend Alltagsgewichte auf den momentanen Kraftzustand einstellen und damit stemmbar bleiben. Gibt es so natürlich nicht. Also musst du selbst hin und wieder schauen, ob du noch alles gestemmt bekommst, oder ob du besser das ein oder andere Gewicht herausnimmst, bevor du dich  komplett verausgabst.image

Zweitens: Sei gnädig. Mit deinem Bauch, deinem Rücken, den Armen und den Beinen, deinem ganzen Körper. Er trägt dich durchs Leben, er hat deine Kinder geboren, sie behütet und getragen. Er schleppt die Einkäufe und manche Seelenlast. Er ist deine Wohnung hier auf Erden, hat manchem Sturm standgehalten und schon viel verziehen. Verzeih du ihm die ein oder andere Delle, Beule und Macke. Sei gnädig und kränke ihn nicht mit Scham und Selbstzweifeln.

Sei gnädig mit dir, wenn die Kraft mal nicht ausreicht und dir alles zuviel wird. Sei gnädig, wenn du immer wieder an deine eigenen  Grenzen stößt. Sei gnädig mit deinen Kindern und deinem Mann, mit Socken, die nicht zueinanderpassen, verpatzten Klassenarbeiten und verpassten Gelegenheiten, den tausend kleinen Schritten, wenn du doch viel lieber sprinten willst.

Gnädig sein heißt ja nicht, ignorant zu sein und komplett auf Durchzug  zu stellen. Es ist auch nicht zu verwechseln mit: „jetzt ist eh egal, was soll’s!“ Es ist wohl vielmehr der Schritt weg von vernichtenden Urteilen und Abstrafen hin zum wohlwollenden Wahrnehmen und Sorgen. Es entbindet nicht von der Verantwortung, selbst tätig zu werden und wieder und wieder neu anzufangen. Aber es ist der freundliche, liebevolle Blick, nicht der garstige mit Zornesfalte.

Mein Körper steht der neuen Gnade, die ihm da zuteil wird, noch skeptisch gegenüber. Anstatt Dankbarkeit für das gesunde Essen und all die Bewegung in Form von überbordender Energie und kraftstrotzendem Eifer zu zeigen, nölt er seit Wochen grippig rum, hat mich der Stimme beraubt und stellt sich einfach quer. Ich will mal nicht so sein und übe mich weiter….

…und ist der Regenbogen nicht wunderbar? Seit alters her das sichtbare Zeichen, dass der Eine immer gnädig mit uns ist.

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