„Aber warum?? Warum denn nur?! Sie sieht doch so wunderschön aus!“ Fassungslos steht mein großes Mädchen vor meinem kleinen Mädchen. In der Hand hält sie ein wirklich ausgesprochen hübsches Blüschen, rot- weiß gestreift, mit ein paar eingewirkten, glitzernden Fäden, gerade richtig schön, gerade nicht kitschig. Vor einigen Jahren hat sie selbst diese kleine Bluse getragen, sich schön damit gefühlt und sie sehr geliebt. Vor ihr stehen ein Meter eiserner Wille und geballte Entschlossenheit, mit blitzenden Augen und wildem Haar. „Nein!!“, sagt der eiserne Wille. „Ich will ein richtiges Oberteil.“ Und es besteht keinerlei Zweifel daran, dass sich an diesem Entschluss nichts, aber rein gar nichts ändern lässt, weder durch gutes Zureden noch durch liebevolle Überzeugungsversuche. Da ist sie eigen. Blusen, Tuniken und Röcke, Kleidchen und Strumpfhosen gehören auf gar keinen Fall und unter  keinen Umständen zu den tragbaren Kleidungsstücken. Die Situation hat etwas rührendes und komisches zugleich. Ich verstehe meine Große, die weitergeben will, was ihr viel bedeutet. Und ich kenne meine Kleine. Zu oft stand ich selber vor diesem einen Meter eisernen Willen, unbeugsam und entschlossen. Das Kind trägt Hose und Oberteil. Das Oberteil darf gerne glitzern, oder funkeln. Aber es muss ein Oberteil sein, ohne Schnick und ohne Schnack, keine Knöpfchen oder Biesen oder Puffärmel oder sonstigen Chichi. Mir passt das gar nicht in den Kram. Bei Kleidung gilt im Hause sieben Geisslein strikte Erbfolge. Ich horte doch nicht umsonst Säcke voller Kinderkleidung in allen vorstellbaren Größen. Manche Bubenhose wird schon in vierter Generation getragen, wenn wir sie denn schon selbst damals erbten. Dummerweise trug mein großes Mädchen zwischen drei und sieben ausschließlich Blüschen, Röckchen, Kleidchen und Strumpfhosen. Deshalb haben wir ja soviel davon. Und was nützt es mir? Nix. Ein Meter eiserner Wille kann ein unüberwindbares Hindernis sein (du kannst ihr das Kleidchen anziehen, sie wird es mit sich machen lassen, aber wenn du sie eine halbe Stunde später wieder triffst, dann wird sie eine Hose tragen. Und ein Oberteil. Basta.)

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Mal abgesehen davon, dass dieser Wille unseren Geldbeutel strapaziert, finde ich das ganze ziemlich genial. Mein kleines Mädchen ist, wie sie ist. Und in manchen Dingen ist sie eigen. Immer wieder ist es ein spannender Drahtseilakt, herauszufinden, ob ich etwas von meinem Kind (oder Mann, oder Mitmensch) verlangen kann, oder ob es an sein Allerinnerstes, ans Eingemachte geht. Das Allerinnerste ist eine Grenze, an die man tunlichst nicht rühren sollte. Da beginnt das aller privateste Privatgrundstück, betreten für Umerziehungsmaßnahmen verboten, Respekt vor der ureigenen Persönlichkeit eines Menschen geboten, auch wenn es manchmal schwer auszuhalten ist. Damit meine ich natürlich nicht, das Tragen schlammiger Gummistiefel im Haus, das Zerstören von Eigentum, Frech sein oder anderen Unsinn, der einem so in den Kopf kommen könnte. Aber wenn man genau hinschaut, dann merkt man recht schnell, wo diese Grenzen liegen. Ich erwarte zum Beispiel sehr wohl, dass jedes Essen auch probiert wird und gehe davon aus, dass der Verzehr von einem Röschen Broccoli oder zweier grüner Bohnen auch für den Gemüsemuffel nicht zum sofortigen Tod oder aber zu tiefem seelischen Trauma führt. Wenn ich aber sehe, dass sich ein kleines Gesicht schon beim Geruch von Kartoffelpuffern grün verfärbt, dann weiß ich Bescheid. Und setze Nudelwasser auf.

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Dabei finde ich es ziemlich irrelevant, ob die Grenze etwas scheinbar Banales oder etwas wirklich Wichtiges betrifft. Ich für meinen Teil trinke meinen Kaffee nur aus einer einzigen Kaffeetasse. Nur in ihr stimmt das Mischungsverhältnis zwischen Milch, Süße und Kaffee. Da kann ich leider nichts dran ändern. Ohne Lesen schlafe ich nicht ein, ich würde niemals freiwillig ungeschminkt aus dem Haus gehen, Schmatzgeräusche machen mich wahnsinnig und gekochter Fisch dreht mir den Magen um. Der Gatte zum Beispiel besteht morgens um sechs auf seiner Zeitung und darauf, das es zu jedem Teller auch die passende Tasse gibt. Dekordurcheinander geht gar nicht. Da ist er eigen. Wir achten alle sorgfältig darauf und mischen Tassen und Teller nicht kunterbunt. Nur mit meiner Kaffeetasse, mit der muss er leben. Und so baut sich aus all unseren Eigenheiten und der Rücksicht auf die Eigenheiten der anderen, unsere Einzigartigkeit zusammen. Unsere Einzigartigkeit als einzelner Mensch und unsere Einzigartigkeit als Familie. Ich finde Eigenheiten großartig, auch wenn sie dich und deine Mitmenschen so manchen Nerv kosten.

Diese Woche verbrachten wir drei wunderbare Tage mitten im Pfälzer Wald in einer wirklich tollen Burgjugendherberge (falls ich es bis hierher versäumt haben sollte, ein Loblied auf rheinlandpfälzische Jugendherbergen zu singen, dann muss ich das umgehend nachholen. Sie sind tatsächlich fantastisch, besonders für Familien, und haben mit Jugendherbergen, wie wir sie von früher kennen, gar nichts mehr zu tun). Direkt vor dem alten Rittersaal, der als Speisesaal fungierte, hatte man, strategisch günstig, einen Stand mit ritterlichen Spielwaren platziert. Unsere Kinder kennen ihre Eltern. Keine Spielzeugeinkäufe im Vorrübergehen. Da sind wir eigen. Deshalb schenkten sich die klugen Kleinen das Bitten und Betteln auch direkt, und überließen es uns, ihre sehnsuchtsvollen Blicke auszuhalten. Nach drei Tagen Wandern, Wald und Frischluft kehrten wir in die rheinhessischen Weinberge zurück. Der Gatte kramte ein wenig im Keller und verzog sich dann mit seinen Kindern in den Garten. Jeder durfte mal ein bisschen sägen und ein bisschen pinseln. Eine Weile später erschütterte wildes Rittergeheule das Haus. Jetzt sind sie ausgestattet mit ritterlichem Spielzeug. Das hat er sich nicht nehmen lassen, der Gatte. Da ist er eigen.

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