Gestern, am späten Nachmittag, suchte ich den örtlichen Discounter auf, um die letzten Sächelchen für unser Sonntagsessen zu besorgen. Für Samstagnachmittag war ordentlich was los, Herrenhosen, alles- für -das -Auto -im -Winter, Sandalenrestposten für Spätentschlossene und Damenunterwäsche im Angebot. Nichts davon wollte ich „jetzt bevorraten“ und so hatte ich meinen Kram schnell zusammen. Am Wühltisch für Damenunterhosen und BHs stand ein junges Mädchen, so dreizehn, vierzehn, und ihre Mutter. Das Mädchen hatte scheinbar Bedarf an Unterwäsche und ihre Mutter war nicht Willens, die Katze in der Alditüte zu kaufen. Und so nötigte sie ihre Tochter den BH direkt vor Ort anzuprobieren, Gott sei Dank über dem Pullover. Für einen kurzen Moment trafen sich die Blicke der jungen Frau und mir, dann wurde ihr Kopf endgültig feuerrot und sie versuchte so schnell als möglich, das dumme Ding vom Körper zu bekommen. Man stelle sich vor, ich wäre Tim aus der Parallelklasse gewesen?!

Kurioser Weise hatte ich zwei Tage zuvor ein ähnliches Erlebnis, anderer Supermarkt, andere Altersklasse. Junge Mutter, kleines Mädchen im Einkaufswagen, na vielleicht so rund um ein Jahr. Und Oma. Oma wollte unbedingt etwas kaufen. Eine Zeitschrift in pink und mit Spielzeug sollte es sein. Die junge Mutter wollte keine rosa Zeitschrift mit Billigspielzeug fürs Kleinkind. Ich fand sie bewundernswert geduldig und freundlich. Oma resignierte, nicht ohne lauthals durch den halben Markt zu lamentieren:“ Ach mein armer Schatz, da haben wir beide Pech gehabt, so gern hätte die Oma dir was gekauft, aber die Mama erlaubt es uns nicht!“ Merke: du bist nie zu alt, um dein Kind mal richtig zu blamieren.

Als ich gestern wieder ins Auto stieg, dachte ich für einen kurzen Moment: „Na, wenigsten werde ich meine Töchter nie dazu zwingen im Aldi Unterwäsche anzuprobieren“. Das war es dann aber auch schon, mit der moralischen Überheblichkeit. Die BH- kaufende Mutter hatte es sicherlich nicht böse gemeint und in dem Moment einfach nicht gewusst, was sie da anrichtet. Wie oft habe ich es schon nicht böse gemeint? Und einfach nicht besser gewusst? Mir schoss die Frage durch den Kopf, was meine Kinder ihrer Mutter später einmal vorhalten werden. Welche Verletzungen und Blamagen habe ich ihnen wohl  schon beschert, wissentlich oder auch nicht? Dabei entschuldige mich oft bei meinen Kindern, es fällt mir nicht schwer. Warum auch? Große Menschen machen Fehler, genau wie kleine Menschen auch. Zum Menschsein gehört die Schwäche. Meine Kinder sollen wissen, dass ich nicht perfekt bin und auch gar nicht erst den Anschein erwecken will. Und ich bitte um Verzeihung, wenn ich Mist gebaut habe, da bricht mir kein Zacken aus der Krone.

Aber ich dachte an all die Male, in denen die Entschuldigung ausblieb. An all die kleinen Ungerechtigkeiten, an manches harte Wort, an unbedachte Sätze, in der Eile dahin geplappert, an überreizte Nerven und mein aufbrausendes Temperament. Und ich dachte an Gerechtigkeit, die es gar nicht geben kann. Jeden Abend, wenn ich das Zimmer meiner Zwillinge betrete, spielt sich dieselbe Szene ab. Egal an welches Bettchen ich zu erst trete, das andere Kind heult. Und findet das Ganze furchtbar ungerecht. Und ja, ich wechsle ab. Jeden Abend. Es ist wurscht, was auch immer ich versuche, hier kann ich es gar nicht richtig machen. Beim Spazierengehen habe ich nur zwei Hände. Und mindestens drei Kinder, die sich daran festhalten wollen. Manche Kränkung kannst du als Mama gar nicht verhindern, auch wenn du dein Bestes gibst. Die perfekte Mutter gibt es nicht und wenn es sie gäbe, dann wäre sie furchtbar gruselig und kaum menschlich. Ich kann beruhigt feststellen, dass ich zumindest durch und durch Mensch bin.

Ich hoffe, sie tragen es mir nicht nach. Und lehre sie, um Verzeihung zu bitten. Und zu verzeihen. Das erscheint mir mindestens genauso wichtig. Damit sie es lernen können, übe ich selber Tag für Tag. Ach, und ich verspreche hoch und heilig, niemals, niemals bei Aldi… oder lustige Badewannenanekdoten am 16. Geburtstag, oh, oder mit pubertären Jungs Hosen vor der Umkleide anzuprobieren….

Ansonsten….

ansonsten ist Herbst, immer noch. Und Ferien. Heute ist der letzte Tag. Leider, denn es war so schön. Vielleicht sollte ich jetzt schon mal um Verzeihung bitten. Nur sicherheitshalber, falls es in den nächsten Wochen hoch hergeht und ich eventuell an der ein oder anderen Stelle ein wenig unwirsch werden könnte…

Ein Gedanke zu “Perfect mum

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