Letzten Montag kroch ich morgens um sechs aus dem Bett, schmiss die Kaffeemaschine an und nötigte auf penetrante Weise müde Kinder unter warmen Decken hervor. Als ich den fröstelnden Elfjährigen um zwanzig vor sieben aus der Haustür schob, wurde schlagartig spürbar: irgendwann in den zwei Wochen Ferien hatte sich der Spätsommer auf leisen Sohlen davongestohlen und der Herbst mit aller Wucht Einzug gehalten. Merkt man natürlich nicht, wenn man morgens um neun sein Brötchen schmiert und gemütlich überlegt, was der Tag wohl bringen mag. Morgens um halb sieben, an einem ersten Schultag, musst du dir schon ein bißchen Mühe geben, um die goldene Seite des Herbstes zu sehen. Die verbarg sich in diesen Stunden hinter einer dicken Nebelwand, kalter Feuchtigkeit und dunkelster Dunkelheit. „Ach“, dachte ich, „Ach, wie soll das jetzt nur werden?“ (zu gewissen Zeiten und Stunden des Tages neige ich nicht dazu, mein Lager impulsiv und unbekümmert bei den Optimisten aufzuschlagen…) Vor meinem geistigen Auge sah ich unendliche Stunden Vokabellernen und Diktateüben, bei elektrischem Licht und in Gesellschaft überdrehter Kleinkinder, die nicht nach draußen können. Hustete da nicht schon jemand? Wir müssen die Mützen und Schals suchen, oh nein und Matschhosen! Oh, wie wenig ich Matschhosen leiden kann. Zumindest vor Kopfläusen wurde schon wieder gewarnt… Aber ja! Ein wahrer Ausbund an Zuversicht und Lebensfreude sah da der näheren Zukunft entgegen!

Bevor ich es mir in der Dunkelheit richtig bequem machen konnte, belehrte mich die Sonne eines besseren und drängte sich schon nach wenigen Stunden mit Macht durch Nebel und Finsternis. Mit ihr kehrte auch meine gute Laune wieder zurück und ich schämte mich ein bißchen vor mir selber, wegen all der Nörgelei. Nun ist das mit der guten Laune ja deutlich einfacher, bei blauem Himmel und Sonnenschein. Was wäre gewesen, wenn die Sonne an diesem Tag Urlaub gemacht hätte? Na viel Spaß, liebe Frau 7Geisslein, wenn dir schon ein bißchen feuchter Nebel und morgendliche Dunkelheit die Petersilie verhagelt. Frohen November allerseits! Wenn es dunkel wird, dann kannst du da sitzen bleiben und jammern- oder du machst Licht.

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Meine Kinder haben es mir leicht gemacht, denn sie waren dieser Tage ausgesprochen fröhlich und gut gelaunt, trotz der ersten Schulwoche und morgendlicher Unwirtlichkeit.  Dieser Umstand erhellte die Stimmung ungemein. Meine Hauptaufgabe an den Nachmittagen bestand darin, kannenweise Apfelkaramelltee zu kochen und mich damit auf unsere Vordertreppe zu begeben. Dort spielte man nämlich Stunde um Stunde „Feuerwehrmann Sam“ in unserem Kirschbaum. Der Gatte hatte nach dem Beschneiden des Baumes die Leiter nicht weggeräumt- welch ein Segen. Ich saß da, hörte ein paar Vokabeln ab, spielte diverse Runden SkipBo, passte auf und überlegte hin und wieder, was ich denn wohl tun würde, wenn einer der Nachwuchsfeuerwehrhelden tatsächlich aus dem Kirschbaum fiele. Dem Himmel sei Dank musste ich keine Antwort finden.

Nicht nur die Morgende sind dunkel- auch an den Abenden ist nun früher Schluss, stellten der Gatte und ich seufzend fest und beendeten unverzüglich unsere abendlichen Weinbergsrunden (sehr bedauerlich für meine Bewegungsbilanz und den sehr geschätzten ehelichen Austausch). Prompt erhielt ich aus berufenem Munde den sensationellen Hinweis, dass es doch wohl auch in unserem Städtchen Straßenlaternen gebe? Ich teilte dem staunenden Gatten die revolutionäre Erkenntnis mit und nun kannst du uns wieder laufen sehen- im Licht der Straßenlaternen. Bewegungsbilanz und Austausch stimmen wieder und ja- da geht ein ganzer Kronleuchter in meinem Herzen an.

Ein Lichtchen nach dem anderen blitzte auf und machte mir manche Alltagsdunkelheit hell: ich fand ein Rezept für einen sensationell leckeren Rote-Linsen-Curry-Brotaufstrich, ich buk Brownies mit den lieben Kleinen und die helle Begeisterung während dessen und natürlich während des Verzehrs…, ich fand überraschenderweise den perfekten Herbstschmöker für mich, nachdem ich im Sommer nicht so erfolgreich mit meiner Buchauswahl war, Spielbesuch bevölkerte das Haus und brachte Fröhlichkeit mit und Bilderbücher, die ja meine geheime Leidenschaft sind, bekamen wieder einen ganz neuen Stellenwert. Als wir am Sonntag bei einer Familienwanderung unseres Chores auch noch von zwei Eseln begleitet wurden…IMG-20171022-WA0000

Wenn es dunkel wird, dann musst du das Licht anmachen…so simpel ist die Erkenntnis. Gestern war wieder Montag, dunkel, feucht und neblig brach er an. Meine Tochter starrte missmutig auf ihre Toastbrotscheibe, brummelte irgendetwas von: „Wenn der Tag schon so losgeht…“ und klemmt sich zehn Minuten später den Fuß in der Autotür ein. Im Kindersitz hinter ihr stellte ein Dreijähriger plötzlich fest, dass ihm vor über einem Jahr ein unfassbare Ungerechtigkeit zuteil geworden war. Der Schmerz darüber übermannte ihn und er konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen. Ich zündete ein paar Lichter an, kochte schnell einen Thermosbecher voll Apfelkaramelltee, um dem Schulmädchen die Seele zu wärmen, schluckte mein Unverständnis hinunter, hockte mich im Kindergarten auf den Flurboden und tröstete meinen aufgelösten Jungen. Wenn es dunkel wird…und wenn die wirklich großen Dunkelheiten kommen, wenn Teekochen, eine Umarmung von Herzen und eine gute Geschichte vergebene Liebesmüh sind, dann wende dich getrost an den, der das Licht selbst ist.

 

 

9 Gedanken zu “Aus dem Dunkel ins Licht

  1. „Wenn es dunkel wird, dann musst du das Licht anmachen.“ Danke für diese einfache und doch so wichtige Erkenntnis. Ich bin auch so „anfällig“ im Herbst… höre sie schon gleich alle husten. Das mit euren Spazierrunden ist toll! Werde das meinem Gatten mal vorschlagen. Hier gibt es nämlich auch Straßenlaternen! (Und was für welche… Seit ein paar Wochen mit grässlichem, flutlichtmäßigem weißen LED-Licht.) Liebe Grüße, Martha

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    1. Danke, liebe Lena! Spannenderweise habe ich in den letzten Tagen häufiger an dich gedacht- obwohl wir uns doch gar nicht kennen! Ich hoffe dir und deinen Lieben ergeht es gut, ich habe euren Mut sehr bewundert. Liebe Grüße aus dem herbstlichen Deutschland

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  2. Hallo,
    danke für die wunderbaren Texte in deinem Blog!
    Eine Frage: findet man das Rezept zu diesem Rote-Linsen-Curry-Aufstrich (klingt recht lecker!) evtl. irgendwo online oder würdest du mir das Rezept evtl. per Mail schicken?
    Viele Grüße und schönen Sonntag!

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  3. (Natürlich findet man viele verschiedene Rezepte irgendwo online, aber es ist ganz praktisch zu wissen, wenn eines schon erprobt und für gut befunden wurde ;-)).

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    1. Liebe Alessa, puh jetzt müsstest du aber lange warten. Ich war das ganze Wochenende unterwegs, aber jetzt geht es los: Du kochst 150 g rote Linsen mit 300 ml Wasser auf und gibst ein Viertel Lauch und eine Möhre kleingeschnitten dazu. Wenn das Wasser verkocht ist, dann gibst du 3 Esslöffel Olivenöl, 1 Esslöffel weißn Balsamico, 1 Tl Honig und einen Esslöffel Currypulver dazu. Noch zwei Teelöffel Salz und alles pürieren. Reicht für zwei Marmeladegläser und schmeckt zu frischem Vollkornbrot und einem knackigen Apfel absolut glücklichmachend. Viel Spaß damit und ich hoffe, dass es dir auch schmeckt. Liebe Grüße

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      1. Danke für das Rezept – das klingt gut, vielleicht kann ich es am Wochenende gleich mal ausprobieren!
        Und nein, ich musste doch nicht lange warten – im Gegenteil, mit so einer schnellen Antwort habe ich gar nicht gerechnet. Es gibt schließlich ein Leben außerhalb des Internets – und das geht vor 🙂

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