Du liebe Güte, eigentlich lag ich heute Morgen richtig gut in der Zeit. Alle waren genau in der richtigen Minute am richtigen Ort, alle hatten ein ordentliches Frühstück im Bauch, alle Zähne geputzt, alle Haare gekämmt, keinen Sportbeutel vergessen, nicht gebrüllt, die Spülmaschine schon beladen und sogar an die Matschhosen gedacht. Pünktlich um 7.24 Uhr trat ich mit minutiös ausgearbeitetem Zeitplan und einem Auto voller Kinder die tägliche Rundfahrt zu Kindergarten und Schule an. Läuft ja wie am Schnürchen heute, dachte ich noch, als plötzlich gar nichts mehr lief. Das Auto beschloss mitten im Berufsverkehr auf einer vielbefahrenen Hauptstraße, dass es jetzt lieber nicht mehr weiter fahren wollte. Mit Mühe und Not bewegte ich es noch auf den Parkplatz des Kindergartens, verabschiedete mich von meinen Zwillingen und machte mich auf, zu einem spontanen Besuch in der weltbesten Autowerkstatt, zu Fuß natürlich.

Und nun sitze ich hier, gut durchgelüftet nach meinem Fußmarsch, angespannt wie ein Flitzebogen und warte auf eine Meldung über das Befinden des bockigen Patienten. Mein minutiöser Zeitplan ist komplett hinüber, mein wohlüberlegter Blogeintrag für heute irgendwie auch, stattdessen türmen sich Sorgen auf. Ist ja fast schon lächerlich, wie angewiesen wir auf so etwas wie ein Auto sind und was da alles so dranhängt. Nun muss ich mich mal wieder in Geduld üben (eine meiner einfachsten Übungen…) und irgendwie noch eine elegante Kurve zu meinem Eintrag hier hinbekommen. Hmm, also, ich will es versuchen, wenn es etwas holpert, dann weißt du ja Bescheid, obwohl…eigentlich passt es…

Der Gatte und ich zelebrieren seit einigen Tagen die letzte Staffel von „Downton Abbey“. Wir sind etwas spät dran, aber ach, was habe ich mich darauf gefreut und sobald die beste Titelmelodie aller Zeiten erklingt, bekomme ich erst Gänsehaut und dann verliere ich mich in dieser anderen Welt, in klugen Dialoge und geistreichem Wortwitz. Schon am Ende der ersten Folge heulte ich wie ein Schlosshund (gut, das ist nicht sonderlich schwer zu erreichen…). In der letzten Szene stehen der altehrwürdige Butler Mr Carson und die nicht minder ehrwürdige Hausdame Mrs Hughes einander gegenüber, steif und unsicher, beide durch und durch integer, von Pflichterfüllung durchdrungen, schon lange nicht mehr jung und doch gänzlich unerfahren in Herzensangelegenheiten. Und sie möchte so gerne wissen, ob der Mann, den sie heiraten wird, ob er sie wirklich ganz will, mit allem, was dazu gehört, verbraucht und runzelig, wie sie nun mal ist, oder ob in ihrem Alter nicht eine Ehe auf rein geschwisterlicher Ebene vorzuziehen sei. Sie ringen um Worte und endlich fasst er sich ein Herz: “ Ich will dich, den ganzen Menschen, mit all deinen Falten und all deinen alten Narben!“ Wirklich, da hättest du die Tränen kullern sehen können, mitten ins Herz trafen mich diese Worte, so etwas schafft keine auf Hochglanz polierte Hollywoodschönheit in glitzernder Kulisse. Dieser Satz, wenn er auch nur aus einer Fernsehserie stammt, er hat mich die ganze Woche begleitet, immer wieder kam er mir in den Sinn, bin ich über ihn gestolpert.

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Seit siebzehn Jahren sind der Gatte und ich nun ein Paar, der Jahrestag fiel in diese Woche, und ehrlicherweise muss man zugeben, dass in diesen Jahren einige Falten und Narben an Leib und Seele hinzugekommen sind. Ich mag uns heute aber fast lieber, als das junge Paar, das wir damals waren. Unsere Gesichter und Herzen erzählen unzählige gemeinsame Geschichten, sie erzählen von Niederlagen und dem großen Glück, von Herausforderungen und Erreichtem, vom Gelingen und Scheitern, vom Hinfallen und wieder Aufstehen, von Treue und Zusammenhalt. Sie sind wie Teile, einer Lebenskarte, die nur zusammen einen Sinn ergeben. Das erfüllt mich mit so großer Dankbarkeit. Man stelle sich Gesichter vor, die keine Geschichten erzählen können. Nichts erschreckt mich mehr, als Makellosigkeit, als glatte, polierte Fassaden, ohne Spuren echten Lebens.

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Dieser Tage waren wir auch wahnsinnig fleißig und haben Kinderzimmer renoviert, dass es nur so staubte. Und in meinem Kopf dieser Satz. Als wir vor neun Jahren in dieses Haus einzogen, da hatten wir zwei Kinder und einen Keller. Heute haben wir fünf Kinder und ein Souterrain. Jeder Winkel und jedes Eckchen dieses Hauses wird bewohnt und genutzt, in Besitz genommen von dieser großen Familie. Schon als wir es kauften, hatte dieses Haus eine Geschichte, hatten bereits Kinder darin gewohnt, hatte es deutliche Gebrauchsspuren und lechzte nach etwas liebevoller Zuwendung.  Heute erzählt jede Wand und jede Ecke eine andere Geschichte, du findest Spuren von Buntstiften, an der ein oder anderen Stelle ist der Lack abgeplatzt, das Parkett sieht deutlich benutzt aus. Ich liebe dieses Haus so sehr, das voll mit Leben, Kindern und Büchern ist, bis in den hintersten Winkel, das keinen Preis bei „Schöner Wohnen“ gewinnen würde, das aber unfassbar gemütlich ist, eine sichere Burg für unsere Familie, ein echtes Zuhause mit genug Platz, um so zu sein, wie du bist. Es ist, wie wir sind. Und immerhin hat es jetzt wirklich hübsche Kinderzimmer.

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Ich sehe meine Kinder an, die tatsächlich noch ganz faltenfrei sind. Ich höre ihren Geschichten zu, die von Schule erzählen, vom Kindergarten, von Freundschaften und Geschwistern, von Freude und von Streit, von Herausforderungen und auf die Nase fallen. Und ich sehe die ein oder andere kleine Narbe auf Kinderherzen. Du kannst es nicht vermeiden, das Leben will gelebt werden, mit all seinen Emotionen, es will Spuren hinterlassen in deinem Gesicht und in deinem Herzen. Du bist ein Mensch, kein Roboter. Ich hoffe nur, dass irgendwann die Lachfältchen und nicht die Kummer- und Zornesfalten überwiegen werden. Oh, und unser Auto ist im Übrigen auch kein neues Hochglanzmodell mit Vollkaskorundumschutz. Es hat den ein oder anderen Lackschaden und hier und da eine klitzekleine Beule. Ich mag es. Und ich hoffe, dass es ihm bald wieder besser geht.

Und wenn es mal nicht läuft, wie am Schnürchen, dann weißt du, einer will dich immer, den ganzen Menschen, mit all deinen Falten und deinen alten Narben, von deinem Beginn an und durch die ganze Ewigkeit hindurch.

 

 

3 Gedanken zu “„Mit all deinen Falten und all deinen alten Narben“

  1. Ganz herzliche Glückwünsche zu eurem Jahrestag . Bei uns sind es nun 24 Jahre , die wir zusammen sind . Als wir in unser Haus einzogen, hatten wir drei Kinder und einen Dachboden. Jetzt haben wir acht Kinder und Ausbaupläne 😉

    Liebe Grüße
    Andrea

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