Letzten Samstag war ich etwas wirr. Eine grausliche Migräne war über die Nacht meinen Hinterkopf hochgekrochen, um es sich dort dann ordentlich gemütlich zu machen. Ein schnell um sich greifender Darmvirus hatte die Hälfte der eifrigen Sternsingerschar schachmatt gesetzt, darunter auch zwei meiner Kinder. Ich reichte Wärmflaschen, Tee und Toilettenpapier. Der Gatte grippte ein wenig vor sich hin. Draußen schüttete es aus Kübeln und es blieb durchgehend dunkel. Einer jener Tage eben, still und verhalten, geschaffen für Sofa, Bilderbücher und Salzbrezzelchen.

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Am Abend war die Dunkelheit tiefschwarz geworden, es regnete immer noch Bindfäden und ich machte mich zähneknirschend auf den Weg zur Kirche, wo ich meinte, für einen Dienst eingeteilt zu sein. Nun musst du wissen, dass unsere Kirche oben an einem kleinen Berg liegt und nur ein schmales, gewundenes Sträßchen hinaufführt. Eigentlich meide ich dieses Sträßchen aus Furcht vor Gegenverkehr so gut ich kann. Lieber unten parken und ohne Zusammenstöße nach oben laufen. Ich halte mich eigentlich für eine gute Autofahrerin, aber ich bin eine sehr mäßige Sharanfahrerin. Das Auto ist groß und hat nur sehr kleine Spiegel. Außerdem bin ich stark kurzsichtig und sehe in der Dunkelheit äußerst schlecht, bei Regen noch weniger.

Hach, aber eben dieser Regen, die Dunkelheit und der Kopfschmerz! Wer würde an einem Samstagabend schon in der Kirche sein? Die Woche zuvor waren das kaum fünfzehn Leute gewesen. Kurz entschlossen lenkte ich die Familienkutsche den Berg hinauf und- landete umgehend in der Vorhölle. Hinter mir krochen drei weitere Autos den Berg hoch, schon vor der Einfahrt des eigentlichen Parkplatzes war alles zugeparkt, keine Chance zu wenden. Es gab nur den Weg nach vorne, auf den schon komplett überfüllten Parkplatz. Mitten darauf musste ich stehenbleiben, kein vor und kein zurück, ich parkte damit meinerseits wieder diverse Autos zu. Als ich ausstieg um die Lage zu betrachten, hatten weitere Autos die Ein und damit Ausfahrt endgültig zugestellt. Diesen Parkplatz würde man erst wieder verlassen können, wenn mindestens zehn Autos wegführen und auch dann nur im Rückwärtsgang, durch die schmalste aller schmalen Einfahrten. Habe ich schon erwähnt, dass ich bei Dunkelheit und Regen sehr schlecht sehe und das auch nur vorwärts? Oh bitte, ich wollte dem armen Auto nicht noch eine Beule zufügen!

Ich meldete mich zum vermeintlichen Dienst und erfuhr, dass dieser heute gestrichen sei. Liebe Güte, in meinem Herzen war Vieles, wenig davon friedfertig, aber definitiv kein  Impuls mehr einen Gottesdienst zu besuchen. Wieder zurück auf dem Parkplatz betrachtete ich die ausweglose Situation, in die ich mich völlig umsonst hineinmanövriert hatte. Und wusste: es gab nur eine Lösung.

Ich rief den Gatten an und sagte: „Komm!“  Und er antwortete: „Ich komme!“ Zehn Minuten später quietschte er den Berg hinauf, durch den pladdernden Regen, hatte Feuerwehrmann Sam und die älteren Geschwister als Zwillingsbabysitter rekrutiert, und nicht eine Sekunde gezögert, sondern war im Affentempo herbeigeradelt, auf seinem uralten, wirklich klapperigen Herrenrad. Er besah sich seine Frau, den Parkplatz und unser armes, eingekeiltes Auto. Keine Fragen, kein Vorwurf, kein „hättest du doch…“. Er packte das alte Fahrrad in unseren Kofferraum und meinte, dass er dann jetzt wohl in die Kirche ginge. Der beste Gatte von allen besuchte die Messe und ich feierte Gottesdienst auf meinem Marsch durch den strömenden Regen nach Hause, heim zu meinen Kindern (Feuerwehrmann Sam ist ein guter Babysitter und ältere Geschwister auch, aber man darf sie nicht überstrapazieren). Es war ein Dankgottesdienst in der Dunkelheit, gefeiert aus und in tiefster Seele. Ich dankte für die Ehe und diese Ehe im Besonderen. Für meinen Mann, dafür dass er immer da ist, dass er kommt, wenn ich rufe, ohne zu fragen, ohne zu klagen, zur Not durch den Regen, auf einem alten, klapprigen Herrenrad, Erkältung hin oder her. Das ist für mich die Essenz von Ehe und Familie, das Kostbarste, was es gibt auf der Welt, mehr brauche ich nicht, darauf kommt es an, reicher kannst du nicht werden.

 

Als der Gatte später nach Hause kam, da bedankte ich mich natürlich auch bei ihm. Er winkte ab und meinte nur, ich könne mich ja vielleicht erinnern, wenn er so etwas wie Blumen mal wieder vergessen würde. Keine Sorge, wer braucht Blumen und Schmuck, wenn er einen Mann auf einem alten Herrenfahrrad haben kann?

Lasst sie uns hüten, unsere Familien und Ehen, füreinander Sorge tragen und füreinander da sein, egal, wie dunkel es wird, egal, wie sehr der Regen pladdert, egal, wie verfahren die Situation erscheint. Dann wird ein Stückchen Himmel auf Erden sichtbar.

 

 

6 Gedanken zu “Ein altes Herrenrad

  1. Was für ein schöner, mal wieder herzerwärmender Text, der es so gut auf den Punkt bringt!

    Manchmal kommt der Prinz eben nicht auf dem weißen Schimmel (wobei in den heutigen Vorstellungen vermutlich sogar wohl eher ein Einhorn erwartet wird!) – sondern auf einem alten Herrenfahrrad. Und erkältet ist er auch noch. Das alles macht es aber doch eigentlich nur noch wertvoller. 🙂

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  2. Was für ein herrlicher Text. Wie wahr! So oft vergessen wir, wie glücklich wir uns schätzen können!
    Danke für deine wohltuende, humorvolle und dankbare Sicht.

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  3. Ach, wie schön geschrieben! Mal wieder. Danke, liebe Sandra! Da möchte ich gleich meinen Mann umarmen gehen, der heute Mittag kocht, damit ich in Ruhe einen Artikel fertig schreiben kann. Du hast so recht, manchmal schaue ich mich um (kurzsichtig wie ich bin) und denke auch: „Reicher kannst du nicht werden!“ Liebste Grüße zu Dir (und Feuerwehrmann Sam hilft uns auch so manches Mal aus der Not:-))

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  4. Wie herrlich , liebe Sandra, da kommen bei mir gleich Erinnerungen hoch, an die drei Jungs,( der vierte war noch ein Baby), die bei mir zu Gast waren, um meiner Tochter, die ein Einzelkind war, ein wenig die Brüder zu ersetzen, die sie gerne gehabt hätte.
    Ganz klar, dass aus ihnen Mal so tolle Ehemänner werden würden, wie du es jetzt geschildert hast.
    Ich wünsche euch weiterhin Glück und Zufriedenheit, in allen Lebenslagen, auch wenn es nur ein zugeparktes Auto ist.
    Mit lieben Grüßen
    Siglinde

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