Oh, da sind ja wirklich schon einige Tage seit meinem letzten Eintrag hier ins Land gezogen. Aber wenn du quasi unmittelbar vor den Toren von Mainz lebst, dann bist du nahezu ununterbrochen damit beschäftigt, Kindergesichter bunt anzumalen und wieder abzuschminken, Drachenköpfe, Katzenschwänze und Wikingerhelme zu suchen, Verpflegung für alle Feierlichkeiten bereitzustellen, Luftschlangen aufzuklauben und dabei ausdauernd „Helau!“ zu rufen. Mit dem gestrigen Rosenmontagszug ist nun der Höhepunkt des närrischen Ausnahmezustandes vorübergezogen, Unmengen an Kreppel sind verzehrt, die Beine schmerzen vom Hüpfen, die Arme vom Winken und nur die fünf Riesentaschen an Schokolade und Bonbons müssen noch fastenzeittauglich im hauseigenen Hochsicherheitstrakt (Keller, hinten links) verwahrt werden. Hat man die Kinder morgen wieder erfolgreich aus dem Haus gescheucht, darf man sich an den dringend nötigen Hausputz machen. Alle Verkleidungssachen in Mülltüten stapeln, saugen, saugen, saugen, denn das Zeug staubt entsetzlich, Luftschlangenreste und Chipskrümel zusammenfegen und die letzten Spuren klebriger Kinderhändchen beseitigen. Eine passendere Einstimmung zum Aschermittwoch und zur Fastenzeit kann es ja gar nicht geben.


Denn Fastenzeit als Vorbereitung auf Ostern ist Hausputz von innen, wie ich nicht müde werde zu erklären. Da kann es schließlich nicht schaden, auch das äußere Drumherum ein bisschen auf Vordermann zu bringen. Aber die eigentliche Festvorbereitung besteht darin, die Schmuddelecken deiner Seele ein wenig auszumisten und in Ordnung zu bringen, damit du mit leichtem Herzen und frohen Mutes Ostern entgegensehen kannst. Für einen kurzen Moment dachte ich, dass ich ja fein raus bin in diesem Jahr. Denn meine übliche Schmuddelecke, der ich jedes Jahr in der Fastenzeit entgegentrete, ist in diesem Jahr ganz hübsch ordentlich. Ein paar kleine Rumsteherchen vielleicht, aber die habe ich schnell beiseite geräumt, nichts was wirklich Arbeit wäre. Nein- Essen und Trinken sind nicht das Problem, hurra! Natürlich könnte ich dieses aufgeräumte Eckchen jetzt noch auf Hochglanz polieren. Ich könnte verzichten und fasten, was das Zeug hält, erstaunlich was da alles möglich ist und ich bewundere all die Verzichter und Danielfaster wirklich sehr. Aber, wenn man sich gerade ein einigermaßen vernünftiges Essverhalten angewöhnt hat, dann sollte man es auch dabei belassen. Alles andere wäre wohl nicht im Sinne des Erfinders. Und schlussendlich bin ich hungrig leicht reizbar, keine gute Zuhörerin und auch kein sehr netter Mensch, beides unabdingbare Voraussetzungen für ein einigermaßen harmonisches Familienleben. Nein, nein, dieses Eckchen darf so bleiben wie es ist.

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Kaum drehe ich mich aber bei meinem Rundgang wieder um und laufe drei Schrittchen weiter, stolpere ich natürlich über all die anderen Chaosecken und Rumpelhaufen, die mir das Herz zumüllen und dringend einer ordnenden Hand bedürfen.

In den letzten Tagen und Wochen falle ich ständig über den selben Berg, als wolle er mir zurufen: “Fang hier an, um mich kommst du sowieso nicht herum!“ Da stapelt sich ein großer Haufen Anspannung bunt durcheinander mit einigen Lagen Verspannung, jede Menge Kontrollzwang und einem ganzen Berg von Perfektionsansprüchen. Neulich ruhte der Gatte am Nachmittag (und er ist wirklich nicht nur einer der fleißigsten Menschen, die ich überhaupt kenne, nein er hatte auch an diesem freien Tag schon drei Bücherregale befestigt!) und seine Frau stand entgeistert vor ihm: „Am hellichten Tag?! Bist du krank oder nur verrückt geworden?!“ Er war nett, er wies mich nicht daraufhin, dass ich wohl diejenige sei, die langsam verrückt wird. Ich habe es selber gemerkt. Ich erlaube nicht nur mir keine Auszeiten und Pausen, ich nerve mittlerweile auch meine arme Familie. Es ist nichts weiter, als eine besondere Form der Eitelkeit, wenn du dich für so unersetzlich hältst, dass noch nicht mal kleine Oasen mit unverplanter und ungenutzter Zeit gestattet sind. Es ist anmaßend, immer alles im Griff haben zu wollen, immer leistungsbereit, alle Lebensbereiche immer im Blick. Außerdem sorgt es für einen schmerzenden Nacken und schlechte Laune. An jenem trüben Nachmittag habe ich mich erst entschuldigt. Und dann zugegeben, dass ich furchtbar müde bin. Dann habe ich, am hellichten Nachmittag!!, zwei alte Folgen „Gilmore Girls“ mit meiner Tochter geschaut. Und der Gatte schaute mit den Buben irgendeine Jungsserie. Alles ohne irgendeinen Mehrwert, noch nicht mal einen pädagogischen. Es war schön.

Und ich dachte, dass ich das in den nächsten Wochen wieder lernen möchte. Ein wenig lockerlassen und mich nicht so wahnsinnig wichtig zu nehmen, in all meiner Verantwortlichkeit. Loslassen und ein bisschen vertrauen, meinen Mitmenschen und meinem Gott. Wenn mir das gelänge, dann ginge ich ein ganzes Stück befreiter in Richtung Ostern. Weiter brauche ich auf meinem Rundgang gar nicht gehen. Die Herausforderung ist groß genug. Und immerhin ist ja auch der Nachtisch weg.


Vielleicht heißt Fastenzeit ja nicht nur Hausputz von innen, als Vorbereitung auf das wichtigste und schönste Fest der Christenheit. Vielleicht heißt es, dass Gott dir schon beim Ausmisten zur Seite stehen will. Wenn du ihn lässt.

 

4 Gedanken zu “Putzplan

  1. sehr schön 🙂 und ja, es ist wirklich nicht einfach loszulassen, Pausen zu machen, und alles andere liegen zu lassen! Man denkt man kommt nicht weiter, wenn man Pause macht, aber in Wirklichkeit schhöpft man soviel Kraft und Liebe, dass alles danach viel leichter und schwereloser von der Hand geht. Und mit viel mehr Liebe! Liebe Grüße Claudia

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  2. Liebe Sandra, jetzt muss ich doch mal ein paar Worte hier lassen. (Ich finde kein Kontaktformular, also einfach hier unter deinem neuesten Post) Ich freue mich, dass ich vor kurzem auf deine Seite gefunden habe. Du hast eine so schöne Seite, ich mag deinen Schreibstil sehr und finde mich so oft in deinem Erleben und Denken wieder (hab selber 5 Kinder, einen ähnlichen Beruf wie du…). Danke einfach mal für das, was du mit uns teilst. Ich würde dich gerne in meinen Blogempfehlungen verlinken.
    Die Perfektionsansprüche und den Kontrollzwang kenn ich auch, hab schon einige Gedanken dazu im Kopf, mal sehen, vielleicht wird demnächst noch ein Blogbeitrag draus.
    Liebe Grüße, Jojo

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