Kinderköpfe neigen sich eifrig über Leinwände und Papier, es wird gemalt, gezeichnet, Farben gemischt und geklebt, was das Zeug hält. Rund um den langen Ateliertisch sitzen sie, überall Palletten mit Farbklecksen, Farbtuben und Flaschen. Kunstwerke stapeln sich auf Kommoden und schmücken die Wände. In einer Ecke arbeiten zwei Mädchen mit Ton, ein Junge steht an einer großen Staffelei. Es ist ein friedliches Bild, das sich mir durch die Scheibe bietet, und ich weiß, dass wenn ich gleich mein Plätzchen in diesem wunderschön verwunschenen Hof des alten Fachwerkhauses verlasse, (weil es nun doch zu kalt wird, um länger von draußen hinein zu lugen) dann wird der Raum drinnen erfüllt sein mit leisem Stimmengemurmel, dem Duft von Farbe und der Heißklebepistole. Leise gehe ich hinein, fünf Minuten zu früh bin ich dran, und suche mir ein Eckchen, wo ich nicht störe und das muntere, bunte Treiben noch ein bisschen auf mich wirken lassen kann. Und während ich da so stehe, denke ich plötzlich, dass dies ein wahrhaft guter Ort ist. Es sind vielleicht zehn Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren, die hier ihrer Kreativität freien Lauf lassen und sich an unterschiedlichsten Projekten und Maltechniken versuchen. Seit einigen Jahren kommen meine Kinder nun schon jede Woche hierher zum Malen und noch nie habe ich erlebt, dass in diesem Sammelsurium an unterschiedlichen Altersklassen, Geschlechtern und Charakteren das Chaos ausgebrochen wäre. Noch nie war es zu laut, wurde gepiesackt, verglichen oder gestritten. Stattdessen wurden mir schon die tollsten Kunstwerke ins Haus getragen, Bilder und Töpfereien, Linoldrucke und Skulpturen. Wie genau das funktioniert, weiss ich nicht, aber der Chefin des ganzen gelingt dieses Kunststück.

Ein wahrhaft guter Ort, wo Menschen gemeinsam arbeiten, und doch jeder für sich, in seinem eigenen Tempo werkeln darf, wo schöne Dinge wachsen und entstehen, es aber nicht um Leistungsschau und erste Plätze geht. Ich packe meine Kinder ein, deren Hände mit Farbe verschmiert sind und die so gerne hierher kommen und denke, dass es vielmehr solcher guter Orte geben müsste. Für Kinder, aber auch für Erwachsene. Zum Atemholen und Kreativsein, wo man sich ausprobieren kann, ohne bewertet zu werden, wo Neues entsteht, mit viel Liebe und ohne Zeitdruck, nicht verborgen im Kämmerlein, sondern unter Menschen, die einander gelten lassen. Schule müsste so ein Ort sein, aber es liegt nun mal in der Natur von Schule, dass sie Ergebnisse bewerten und vergleichen muss, dass Lerninhalte irgendwann gelernt sein müssen und das auch Kinder wahrlich nicht immer freundlich miteinander umgehen.

Im günstigsten Fall ist Familie so ein Ort, wo ich sein kann, wie ich bin, angenommen und geliebt, unabhängig von Leistung und Ergebnissen. Wo ich das Leben im Kleinen ausprobieren und Neues lernen darf. Nur das mit der friedlichen Stille haut natürlich nicht immer hin. Heute Morgen hatte ich eine lautstarke Auseinandersetzung um sieben Uhr in der Frühe um ein paar Hausschuhe. Mit einer Vierjährigen. Da war unser Hausflur kein guter Ort sondern ein Krisenschauplatz, an dem mit Worten scharf geschossen wurde. Der Friedensvertrag konnte erst auf dem neutralen Boden des Kindergartens geschlossen werden.

Ich wünsche mir immer, dass Kirche so ein Ort wäre. Ein Ort, an dem persönliche Befindlichkeiten und Eitelkeiten keine Rolle spielen, wo jeder dabei sein darf, egal, wie alt, egal, wie wichtig und wo wir gemeinsam unterwegs sind und jeder seinen Platz findet. Hin und wieder gelingt es.

Vielleicht gibt es die wahrhaft guten Orte hier auf Erden nur in zeitlicher Begrenzung. Wären die zehn Kinder eine Woche jeden Tag am Malen, gäbe es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Konflikte und Radau, dass es nur so kracht. Denn wo Menschen zusammen unterwegs sind, da menschelt es eben auch, da gehören das Vergleichen und Streiten, Eifersucht und Konflikte einfach dazu.

Draußen ist es bangig kalt, auf dem Herd kocht seit zwei Stunden eine Hühnersuppe. Wenn meine Kinder heute Mittag langsam hier eintrudeln, mit vor Kälte geröteten Backen und voll mit den Erlebnissen des Vormittages, dann wird unser Esstisch ein wahrhaft guter Ort sein. Für eine Weile wenigstens. Und wir werden auftanken und aneinander Anteil nehmen, Trost spenden, wenn etwas schief gelaufen sein sollte und uns unsere Geschichten erzählen. Auf dem Bild unserer Familie werden wieder ein paar Farbnuancen mehr erkennbar sein.

Ein wahrhaft guter Ort kann immer wieder neu entstehen, so lange wir einander nicht aus den Augen verlieren, er ist Oase im Alltag und Tankstelle im Trubel des Lebens. Er lässt Neues wachsen und entstehen, dass uns bereichert und unsere Herzen bunter macht. Nur begrenzt natürlich, aber immer wieder möglich. Jeden Tag, jede Stunde aufs Neue. Je mehr solcher Orte wir schaffen, für uns und für unsere Kinder, desto besser sind wir gerüstet, wenn uns das Leben um die Ohren fliegt und ein eisiger Ostwind weht.

Ich wünsche dir heute einen Teller warme Suppe, oder was immer dich sonst so wärmt, ein paar wahrhaft gute Orte, die es dir Innendrin schön wohlig machen und eine wirklich gute Woche!

Ein Gedanke zu “Ein guter Ort

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