,Frau Amsel ist schwer beschäftigt. Sie baut ein Nest im großen Zaungebuschels direkt vor unserem Esszimmerfenster. Ach, es ist eine Freude ihr zuzuschauen. Wir hängen am Fenster und beobachten, wie sie aufgeregt flattert und sucht, um schließlich vollbepackt mit Moos und Zweiglein wieder im Busch zu verschwinden. Schwups, zwei Minuten später kehrt sie zurück, auf der Jagd nach neuem Baumaterial, unermüdlich und geschäftig.P1060096

„Ach“, denke ich, „liebe Frau Amsel, ich weiß noch genau wie es war ein Nest zu bauen für unser erstes Küken. Was bin ich umhergerannt, damit nur alles bereit ist, wenn er schlüpft. Was habe ich mir für Gedanken gemacht, was das  noch Ungeborene wohl alles brauchen würde, bei seinem Start in die Welt (Gott sei Dank war das Internet noch nicht so verbreitet mit all seinen Ratgeberseiten, Mama- wir wissen Bescheid-Blogs und Einkaufsmöglichkeiten- ich wäre ja irre geworden, garantiert!) Natürlich braucht es eigentlich gar nichts, außer Liebe, Futter und ein warmes Plätzchen. Du machst das schon sehr richtig und bei aller Aufregung, weißt du instinktiv genau, was du zu tun hast. Bewundernswert. Denn kaum war unser Erstgeborenes geschlüpft, ging es ja schon wieder weiter mit dem Gedanken und Sorgen machen. Welche Nahrung, wann, wieviel, wieviel Frischluft, wo soll es schlafen, wieviel von was ist das Richtige? Schreit es zu viel, schreit es zu wenig, wann muss man laufen, sprechen, essen können? Die Mama von heute würde der Mama von damals gerne zurufen: Mach dich mal locker! Alles halb so wild! Futter, Wärme, Liebe. Hab teil an seinem Leben und lass es an deinem teilhaben. Mehr braucht es nicht.

Heute habe ich ein ganzes Nest voll Kinder und wünsche mir manchmal die Sorgen von damals zurück. Heute reichen Futter, Liebe, Wärme und Teilhabe leider nicht mehr (obwohl ich immer noch glaube, dass dies die besten Antworten auf fast alle Lebenslagen sind). Unser Nest steht im Dschungel aus Erziehungsfragen und Anschauungen, aus Eigenheiten und Eigenschaften, aus hunderten und tausenden kleinen und großen Entscheidungen, die täglich gefällt werden sollen. Wie wollen wir leben, was ist uns wichtig, was ist nicht verhandelbar, welche Werte haben wir, worauf bauen wir und wo haben wir uns gründlich geirrt? Und kaum hast du dir mühselig eine Meinung gebildet, einen Entschluss gefasst und dich festgelegt, da kommt das Leben und lacht dich aus. Du bist zum Beispiel zu dem Entschluss gekommen, dass Kinder vor ihrem 14. Lebensjahr kein Smartphone brauchen, ein sehr teurer Gegenstand, der die Welt eines Kindes auf einen Schlag ins Unendliche hinein vergrößert, der Gefahren birgt und Risiken, du weißt Bescheid, denn du hast dich informiert. Aber wenn dein Kind das Einzige in der Klasse „ohne“ ist, in einer Zeit, wo Verabredungen und Austausch nur noch über diese doofen Dinger läuft, wenn du merkst, du könntest dein Kind genauso gut ohne Hose in die Schule schicken, tja dann kannst du entweder weiter recht haben und deinem Kind beim Einsam sein zu schauen oder du fällst eine neue Entscheidung.

Computerspiele, wenn ja welche, wie lange, welche Schule an welchem Ort, welche Filme, wenn  ja- wer alles, ab welchem Alter, wie lange, Hobbies haben und wann wieder aufgeben, einen Kurs wieder verlassen, obwohl wir gerade den Vertrag unterschrieben haben, Taschengeld, warum, wieviel und wozu, Gemüse essen, Tischmanieren, Spülmaschine ausräumen, wieviel Streit und welche Schimpfwörter, wieviel Ordnung braucht ein Kinderzimmer, wieviel Ordnung erträgt ein Kinderzimmer, wieviel Unordnung vertragen meine Nerven, wann lernen, wieviel lernen, wieviel Unterstützung beim lernen….keine Sorge, ich könnte die Liste ewig fortsetzen. Es ist ein Dschungel des Alltags und mühselig schlage ich mir meinen Weg hindurch.

Und immer lese ich von Erziehungskonzepten mit wohlklingenden Namen, durchbuchstabiert bis ins kleinste Detail und ich winke innerlich müde lächelnd ab. Jedes Kind ist einzig und anders, jede Situation ist einzig und anders und allein von moralischer Überlegenheit und absolut gesetzten Prinzipien ist noch keiner glücklich geworden. Neulich las ich von einem namhaften Erziehungsexperten, man möge die Kindern nicht loben, da sie kein Lob bräuchten sondern wahrgenommen werden wollten. Ganz ehrlich- ich habe schallend gelacht. Liebe Leute, das Leben ist doch schon irre genug. Ich fange doch jetzt nicht auch noch an, jedes Wort  zu meinen Kindern auf die pädagogische Goldwaage zu legen. Das ist eine Familie und keine Gruppensitzung. Wenn wir damit anfangen, dann wird das Dschungeldickicht undurchdringlich.

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Liebe Frau Amsel, bald wird dein Nest fertig sein und ich wünsche dir frohes Brüten. Und wenn die Brut dann da ist, dann wird unser Garten dein Dschungel sein. Du wirst Futter suchen und die Katze vertreiben, wild flattern, wenn Gefahr droht und sie vor dem Sturmwind behüten. Wenn es Zeit wird, dann wirst du sie fliegen lehren, solange bis es auch der letzte begriffen hat. Bei allem wirst du wissen, was du zu tun hast, weil du auf dein Vogelherz hörst und deinen Vogelbauch. Da hat dein Schöpfer schon alles hineingelegt, was es braucht, um eine Vogelmutter zu sein.

Ich winke dir zu und beschließe es weiterhin genauso zu halten. Ich werde lieben, loben, schimpfen und streiten mit ganzem Herzen. Werde mit dem Gatten und unserer Brut jeden Tag einen Weg durch den Dschungel suchen und zwar gemeinsam. Ich werde auf mein Menschenherz und auf meinen Menschenbauch hören. Da hat der Schöpfer alles hineingelegt, was es braucht, um eine Mama zu sein.

9 Gedanken zu “Frau Amsel und der Dschungel

  1. Hey du, das spricht mir – mal wieder – voll auf dem Herzen, das Thema „Lob“ haben wir auf meinem Blog auch gerade in den Kommentaren erörtert… Und bei deiner Liste hab ich innerlich genickt… Oh ja. Das Kind ohne Hose in die Schule schicken, sehr gutes Beispiel. Ich hab längst bemerkt, dass Erziehung nochmal so richtig herausfordernd wird, wenn das Kind in ein zweistelliges Alter gerät… Leider kann ich da Jesper Juul (den ich sonst schätze) nicht ganz zustimmen: Wenn ein Jugendlicher sich in der Schule wohlfühlt, dann braucht er nicht viel mehr als was zu essen und ein Bett zu Hause. Da besinne ich mich doch lieber auf Futter, Wärme, Liebe… Sogar das ist schon nicht immer leicht. Liebste Grüße, Martha

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  2. Liebe Sandra, ich habe geschmunzelt und Tränchen unterdrückt beim Lesen. Du hast wunderschön in Worte gefasst, wie das Leben mit älter werdenden Kindern aussieht, nämlich wie ein Dschungel, und trotzdem ist alles in uns hineingelegt worden. Das nehme ich mir für die nächste Zeit gerne zu Herzen. Es geht mir nämlich soo ähnlich – ich habe das Gefühl, ich bin dauernd am Regeln definieren und wieder über den Haufen werfen. Danke! Auch für die schönen Bilder! (Ich hoffe, ihr seid alle wieder wohlauf!)

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    1. Danke, liebe Sonja, es geht langsam aufwärts- und heute scheint sogar die Sonne. Leider hat sich Herr Pfeiffer mit seinem Drüsenfieber hier einquartiert und so bleibt uns eine kleine Patientin wohl erhalten. Sei lieb gegrüßt

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  3. Danke für den schönen Bericht, meine Kinder sind zwar noch kleiner aber ich erkenne mich in vielen Dingen wieder. Wo sind eigentlich die schönen Ausmalvögel her? Würd mein Sohn auch gerne machen. Liebe Grüße und sei gesegnet Simone

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  4. Ach wie schön! Ich lese schon länger still mit und freue mich jedesmal (und (be)wundere mich auch darüber, wie man das mit einem so vollen Haus nur schaffen kann!) wenn ich diese kleine Alltagsherrlichkeiten zu lesen bekomme. Es ist schön, zu wissen, dass es anderen ähnlich ergeht im Alltagswahnsinn. Danke dafür, dass du das teilst!
    Beste Grüße, Kristina

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  5. Liebste Sandra, ich mag keine Erziehungsratgeber. Aber wenn du einen schreiben würdest, würde ich ihn mir sofort kaufen! 🙂 Du sprichst mir so aus dem Herzen! DAnke, dass du so wundervolle Worte dafür findest.

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