Am Abend des Gründonnerstages besuchte ich den Gottesdienst. Oben saß ich, auf der Empore, denn ich durfte ein wenig singen, zusammen mit einigen anderen Frauen. Ich sitze nicht gerne auf der Empore, denn sie schafft eine eigentümliche Distanz zum Gottesdienstgeschehen und man nimmt unwillkürlich eine Art Beobachterrolle ein.

Nach dem Gloria wurde es still, keine Orgel mehr, draußen Dunkelheit.

Ein zentraler Teil der Feier bestand auch an diesem Abend in der Fußwaschung. Neun Freiwillige hatten sich gefunden- eine ganze Menge, wenn auch nicht die angestrebten zwölf. Der Priester begann die Füße der Beteiligten zu waschen und umgehend wurde eine Veränderung der Atmosphäre spürbar- angefangen in meinem eigenen Befinden. Leise Unruhe in den Bänken, Köpfe drehten sich, hier und da Getuschel. Das Ganze ist immer irgendwie unangenehm, seltsam anzusehen, als würde etwas Unanständiges vor sich gehen, ein bisschen peinlich, mal ehrlich, oder?

An diesem Abend dachte ich plötzlich darüber  nach, was mich selbst eigentlich so unangenehm an diesem Teil der Gründonnerstagsliturgie berührte. Würde ich denn nicht die Füße der unten Anwesenden waschen wollen? Wäre ich mir zu fein, fände ich es eklig oder wäre es mir widerlich? Nein! Ich hörte tief in mich rein- aber nein. Ganz ehrlich, nicht die Spur. Jeder Zeit würde ich mich mit einem Waschzuber und einem Handtuch hinknien, um ein paar Füße zu waschen. Daran konnte es also nicht liegen. Hmm. Fand ich es schlimm, dass die Freiwilligen da unten sich die Füße waschen ließen? Eigentlich auch nicht- ich bewunderte eher ihren Mut. Würde ich mich aber selber aufs Stühlchen setzen, Schuh und Socke ausziehen, um mir die Füße waschen zu lassen? Nein! Auf gar keinen Fall! Ha!Da lag also der Hund begraben. Schon beim bloßen Gedanken daran gruselte es mir den Rücken hinunter.  Der, der die Füße wäscht, macht sich zwar körperlich klein, er bückt sich und kniet, er ist aber der Macher, der aktive Teil des Geschehens, der Handelnde. Der andere ist der Teil, der etwas geschehen lassen muss, der die Sache nicht im Griff hat, passiv und zumindest am Fuß entblößt. Und das ist kaum auszuhalten.

Da saß ich dort oben auf der Empore, müde war ich und erschöpft, von den letzten, schier endlosen Wochen, von den vielen Krankheitstagen, den Sorgen um die Kinder, von traurigen Nachrichten und der Wintertrübnis. „Ach“, dachte ich, „ach, das ist das Problem, immer und immer wieder.“ Wir wollen die Macher sein, die, die immer alles im Griff haben, die handelnden Aktiven. Oh, ich kenne jede Menge Leute, einschließlich mir selber, die sich selbst als gestresst bezeichnen würden. „Viel los gerade, unglaublich, immer zu viel Arbeit, man weiß ja gar nicht wo einem der Kopf steht…“ „Na, wem sagst du das, was glaubst du, was hier los ist- ich komme zu nichts, schon gar nicht zu mir selber!“ Wir tragen unseren Fleiß, unsere Tüchtigkeit und unseren Stress wie eine Standarte vor uns her- wehe dem, der keine hat, ist ja direkt verdächtig. Noch nie habe ich aber jemanden sagen hören:“ Ganz ehrlich, ich schaffe es nicht. Gerade gelingt nichts mehr, es ist zu viel, ich kann es nicht leisten. Ich brauche Hilfe!“. Sagt kaum ein Mensch, ich auch nicht. Stattdessen halte ich sehr viel von Disziplin, viel vom Zusammenreißen, Zähnezusammenbeißen und „stell dich nicht so an“. Ich bin ja kein Jammerlappen und halte meine Fäden schön selbst in der Hand, getreu dem Motto: meine Füße wasch ich mir schön selber. Und die von 23 anderen gerne auch. Ich habe nämlich immer alles im Griff. Jederzeit.

Gründonnerstag, ob mit oder ohne  Fußwascherei, offenbart die Aussicht auf ein gigantisches Hilfsangebot- die Frage ist, ob du es annehmen wirst.

Zwei Tage später saß ich wieder dort oben auf der Empore zur Feier der Osternacht. Uralte Gesänge, Zeichen und Worte verkündeten das Ostergeheimnis. Warm leuchtete das Meer der Kerzenflammen in der Dunkelheit. Wenn du Ostern feiern willst, dann musst du dir Gründonnerstag gefallen lassen. Dann musst du deine Bedürftigkeit und Schwäche, dein Menschsein und dein Zerbrochensein eingestehen. Und dann das Geschenk annehmen.

Frohe Ostern also, von ganzem Herzen! Die Dunkelheit hat nicht das letzte Wort. Der Winter erstaunlicherweise auch nicht, obwohl ich dieses Jahr die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte. Der Himmel ist blau, zumindest stundenweise, es blüht und grünt und zwitschert, dass es ein wahre Freude ist, als wollte alles Leben da draußen uns zurufen: es ist Ostern geworden, vergiss nicht dich zu freuen und das Geschenk auch anzunehmen! Sieh nur all die Farben, wie bunt die Welt gemalt ist! Genug der Tüchtigkeit und des Eifers, für einen kurzen Moment, wenigstens. Wer zu viel die Zähne zusammen beißt, kann gar nicht mehr lächeln… geh hin und freu dich, geh schaukeln und feiere das Leben!

 

 

2 Gedanken zu “Grün und blau und bunt

  1. Danke für diese „österlichen“ Worte. Sie sprechen mir aus dem Herzen. Die Litrgie der Kar- und Ostertage erschließt sich mir jedes Jahr mehr und ich empfinde sie als sehr wertvoll, um sich dem Verstehen von Ostern anzunähern.

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