Homer Hickam wollte Raketen bauen. Nichts trieb ihn mehr um, als dieser absurde Plan, nicht seit Sputnik in den Orbit vordrang, und er begann zeitnah mit der Verwirklichung seiner Idee. Als kleiner Junge in einem Bergarbeiterstädtchen, gegen alle Widerstände, gegen die Trostlosigkeit, trotz der offensichtlichen Aussichtslosigkeit des Unterfangens und ohne den Schimmer einer Ahnung, wie das gehen sollte. Homer Hickam baute Raketen. Und landete schlussendlich als Ingenieur für Luft und Raumfahrtechnik bei der Nasa. Wunderbarerweise hat Homer seine Lebensgeschichte aufgeschrieben, voll Leichtigkeit und Leben und in den letzten Wochen sind er und seine „Rocket Boys“ mir sehr ans Herz gewachsen. Ich habe wirklich mit ihnen und ihren irrwitzigen Experimenten mitgelitten, bei jedem Erfolg gejubelt, bei jeder Fiesigkeit des Lebens den Atem angehalten, bei jedem Rückschlag entsetzt den Kopf geschüttelt. Vor allem aber staunte ich, was der menschliche Wille  zu leisten vermag, wenn Traum und Einsatzbereitschaft  nur groß genug sind, wenn das Ziel es wert ist, wenn das Herz brennt.

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Das unterscheidet Homer ganz signifikant von Miles. Miles begleitete mich in den Wochen vor Homer in meinen Abendstunden und in den Schlaf hinein und auch mit ihm habe ich sehr gelitten. Miles ist Hauptfigur in Richard Russos großartigem Roman „Diese gottverdammten Träume“ und auch er hat Träume, Pläne, Wünsche. Aber er schafft es einfach nicht, sie Wirklichkeit werden zu lassen, auch ihm gerät das Leben dazwischen, er vertagt auf später, immer und immer wieder, ist fleißig, fromm und grundanständig, er macht nichts falsch und doch nichts richtig. Eine ganze amerikanische Kleinstadt träumt hier vom Aufbruch und verharrt gleichzeitig in gelähmter Schockstarre, immer in Erwartung von großen Veränderungen, die dann doch nicht kommen, weil nun mal nichts geschieht, wenn man nichts tut. Nun sitzt Miles mitsamt seinem ganzen Clan auf der Bettkante des Gatten und treibt ihn Abend für Abend in den Wahnsinn (ich kann ihn stöhnen hören und lachen von Zeit zu Zeit).

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Schon lange haben mich zwei Bücher nicht mehr so tief bewegt, wie diese beiden. Und ich frage mich seither immer wieder, wieviel Miles wohl in meinem Herzen steckt und wieviel Homer? Dank ihnen, denke ich über Träume nach, die großen und die kleinen, über meine eigenen und die der anderen, über Schicksalsergebenheit und Löwenmut.

Träume sind ein Gewinn, denn sie zeigen dir deinen Weg, aber sie werden zur Last, wenn du nicht losläufst. Dann können sie bleischwer wiegen oder Unzufriedenheit wuchern lassen.

Wovon träumst du? Weißt du es noch? Was treibt dich an, was treibt dich um? Vertröstet du dich immer wieder oder gehst du den langen Weg der kleinen Schritte? Haben dich Rückschläge entmutigt? Bist du gekränkt, weil das Leben dir Steine zwischen die Füße warf? Ist man irgendwann zu alt für Träume und neue Wege? Fragen über Fragen, die ich mir alle selber stelle.

Natürlich ist nicht jeder zum Raketenbauer berufen. Oder zum Auswandern, zum Turnweltmeister oder Nobelpreisträger. Schaut man sich erfolgreiche Träumer an, dann kann einem schon Angst und Bange werden. Und vielleicht packst du die eigenen Träumchen lieber verschämt zurück in die Schublade. Das wäre sehr schade. Denn es geht natürlich auch ein paar Nummern kleiner. Nichts ist persönlicher, intimer und einzigartiger, als deine ureigenen Lebensträume, ganz egal, wie groß oder klein sie ausfallen mögen. Wenn du reisen willst, dann reise. Wenn du etwas erforschen willst, dann forsche, wenn du singen willst singe und wenn du gerne Purzelbäume schlägst, dann nur zu. Trau dich! Tu es für dich! Du kannst natürlich darauf warten, dass irgendein ein smarter Showmaster vorbeikommt und laut Überraschung brüllt. Darauf, dass sich alles von alleine fügt. Aber die Chancen stehen nicht allzu gut und du vertust viel Zeit mit Warten. Oder du legst einfach los. Lass dich nicht entmutigen, probiere dich aus, gestalte dein Leben und lasse Träume Wirklichkeit werden. Natürlich braucht es Mut und Geduld, Ausdauer und Einsatz. Kein Mensch traute Homer den Bau von Raketen zu und auch kein Ingenieursstudium. Geschafft hat er es trotzdem. Ich glaube, ich träume davon, ein bisschen mehr Homer und weniger Miles zu sein. Hier zu sitzen und zu schreiben ist schon mal ein nächster Schritt (ich könnte jetzt auch Socken sortieren, oder Schränke auswaschen. Fenster putzen oder etwas Staubwischen- und es wäre aller Wahrscheinlichkeit nach sehr viel vernünftiger, zumindest aber nötiger…)

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Wieviel Miles steckt in dir und wieviel Homer?

Homer Hickam wollte Raketen bauen. Und er baute sie.

 

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