Vor einigen Wochen waren der Gatte und ich abends auf der Suche nach medialer Unterhaltung, was sich recht schwierig gestaltete, denn es sollte kurz vorm Schlafengehen bitte ohne Mord, Gemetzel, psychotischen Ermittlern und halbabgedunkelten, düsteren Großstadtszenerien sein (ich bin da ein wenig dünnhäutig von Zeit zu Zeit).

Hängen blieben wir schließlich bei Netflix und einer Reihe, die den Namen „brain game“ trägt. Lustige Sendung von der BBC, man darf als Zuschauer Spielchen mitspielen und sich wundern, was dabei herauskommt. Unsere Folge war zum Thema „Farben“ und wir hatten echt Spaß. Plötzlich gab es eine kleine Mitmach-Aktion, bei dem uns beiden zeitgleich die Kinnlade runterklappte. Fassungslos schüttelte ich den Kopf, der Gatte neben mir rief: „Das gibt es doch gar nicht!“. Am nächsten Abend saßen wir wieder vor dem Fernseher, dieses Mal mit unseren drei Großen. Selbe Sendung, lustige Mitmach-Spielchen, die Kinder amüsierten sich und dann das besagte Spiel vom Vorabend. Unsere Kinder erstarrten nahezu zeitgleich, dann ein dreifaches „hä!!??“ und kriegten sich hinterher kaum noch ein. Willst du wissen warum?

In der Sendung wurde eine gelbe Blume gezeigt, ein bisschen wie Löwenzahn, wächst in jedem ordentlich unordentlichen Garten, hübsch anzusehen, gelb eben. Alle schauen sich brav die Blume an. Und dann siehst du die selbe Blume, aus der Sicht einer Biene. Und das ist der absolute Hammer. Die Blume ist nur für uns Menschen gelb. Die Biene guckt irgendwie infrarot und sieht eine bunte Blume. In der Mitte, also da wo die Biene den Nektar finden soll, ist sie sogar qietschlila, ein farbiges Hinweisschild sozusagen. Die Blume ist vieles, aber nicht ausschließlich gelb. Innerlich ging ich wiedermal in die Knie vor der Genialität der Schöpfung. Und uns allen ging an diesem Abend ein gewaltiges Licht auf: die Welt, so wie wir sie sehen, ist nur eine von vielen.

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Die Welt der Biene ist genauso real und sieht doch ganz anders aus. Könntest du einen Hund fragen, so würde er dir Stein und Bein schwören, dass es so etwas wie Farben gar nicht gibt. Er sieht nämlich nur schwarz-weiß. Irre, oder?

Seit her frage ich mich ja ständig, bei jedem Gewächs und jedem Gesträuch, ob das nun wirklich so aussieht oder doch vielleicht ganz anders?

Auch wenn ich mir ganz viel Mühe gebe, so kann ich die Welt doch nicht mit den Augen einer Biene sehen. Aber zu wissen, dass es eben auch eine andere Ansicht der Dinge gibt, und dass diese nicht weniger richtig ist, als meine eigene, flößt mir eine Menge Respekt ein.

Und ich denke mir, dass ich gar nicht weit gehen muss, um auf andere Weltsichten zu stoßen, die genauso da sind und irgendwie auch genauso wahr sind, wie meine eigene. Nur bis zu meinem allernächsten Mitmenschen, schwups: eine andersfarbige Welt und doch nicht weniger real. Da kommt in unserem Haushalt ein hübsches Sümmchen an Weltenfarben zusammen und die Welt in den Augen eines Vierjährigen sieht ganz anders aus, als die der vorpubertären beinahe Teenies und wieder anders als die einer vierzigjährigen Frau. Die Introvertierte sieht die Welt anders als der Extrovertierte, die Nachtigall anders als die Lerche.

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Zugegebenermaßen finde ich die Weltsicht meiner Kinder manchmal ganz schön rätselhaft, ich gerate häufiger mal in Missverständnisse oder kuriose Situationen und je älter sie werden, desto schwieriger wird es und oft genug suche ich nach dem richtigen Schlüssel. Plötzlich sind Dinge peinlich, ohne ersichtlichen Grund. Manche Dinge sind total unfair, warum auch immer. Manchmal muss jemand müde und traurig sein, ohne äußeren Anlass, obwohl draußen die Sonne scheint. Ein Essen, das gestern noch schmeckte, kann man heute nicht mehr essen. Warum darf man nicht mehr mit Freunden telefonieren, sondern nur Nachrichten schreiben? Wieso ist das eine T-Shirt tragbar und das andere nicht? Warum ist etwas in einer Sekunde lustig und in der anderen eine Kränkung? Und wieso ist Schmutz und Unordnung in ihren Augen unsichtbar?

Und mir dämmert: wir können immer nur versuchen zu verstehen, wie ein anderer die Welt sieht, aber genauso sehen können wir sie eben nicht. Biene bleibt Biene, Mensch bleibt Mensch und in meinem Fall bleibt Sandra eben Sandra. Zu wissen, dass meine Sicht der Welt nicht das Maß aller Dinge ist, ist ja schon mal eine hilfreiche Erkenntnis, es entlastet und erklärt so manches. Und auch wenn mir manches rätselhaft, fremd oder nicht nachfühlbar erscheint, so will ich es doch so weit wie möglich respektieren, kann ich  immer freundlich rüber winken, einen Gruß schicken und sagen: ich bin für dich da, ich denke an dich und lasse dich nicht allein. Ich muss gar nicht alles verstehen, alles begreifen, alles nachvollziehen. Jedes Wesen hat wohl ein Recht, auf seine eigene Rätselhaftigkeit, gerade auch die eigenen Kinder. Denn auch wenn ich die Welt nicht so sehe, wie du, so leben wir doch alle in ein und der Selben. Macht das Ganze ja auch spannend und unterhaltsam, in unserer kleinen Familienwelt und in der großen Welt drumherum.

Ich gehe jetzt, und pflanze ein paar Blümchen für die Bienen, ich vertraue darauf, dass es einen gibt, der alle Farben sieht und alle Facetten kennt.  Und backe bunte Kekse.

2 Gedanken zu “Verborgene Welten

  1. Liebe Sandra, ich bin ganz berührt, so schön beschrieben und so wahr. Wenn das nur jeder begreifen würde, dass es neben seiner Weltsicht noch viele andere gleichfalls wahre gibt… wir könnten uns so viele Probleme im Miteinander sparen. Ganz ähnliche Erkenntnisse lieferten mir unsere Kinder neulich, als sie sich um die Nacherzählung einer Geschichte stritten, (hab darüber gebloggt: Die Auferstehung – Können unterschiedliche Berichte gleichzeitig wahr sein). Ganz liebe Grüße, Jojo

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  2. Ganz wunderbar geschrieben! Vielen Dank Sandra! Die Viehlzahl der Perspektiven. So gut, dass wir einen Gott haben, der unsere „Kurzsicht“ kennt, uns so ganz toll findet und unser Herz gnädig stimmen kann für andere, sodass wir unsere Perspektive neu formen oder verfeinern können. Eine schöne Woche dir. Liebe Grüße, Kim

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