Eines unserer Kinder klagt schon seit einem zu langen Weilchen über Ohrenschmerzen und so unternahmen wir dieser Tage eine Expedition zum Ohrenarzt um diese lästigen Beschwerden mal ordentlich abklären zu lassen. Wenn schulpflichtige Kinder einen Facharzt aufsuchen, dann müssen sie das am Nachmittag tun und das bedeutet, dass auch alle nicht schulpflichtigen Kinder und der ganze Rest mit zum Termin müssen- sonst bräuchte man hinterher womöglich noch einen Notarzt und die Feuerwehr. Es war also eine echte Expedition, inklusive Verirren (der Arzt war plötzlicher und kafkaesker Weise einfach umgezogen), Tränen (kleinkinderseits), Schweiß (mütterlicherseits) und dem Verlust kostbarer Nervenbahnen (ebenfalls mütterlicherseits).

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Die Ohren wurden sachgemäß untersucht. Sie sind kerngesund. Dabei hatte das betroffene Kind noch im Wartezimmer bemerkt, dass es jetzt hoffentlich auch was an den Ohren habe- bei dem ganzen Theater. Der Arzt war so nett und untersuchte noch ein bisschen drumherum, vielleicht hatte er meinen entgeisterten Gesichtsausdruck bemerkt. Nein, es gebe kein Ohrenproblem, aber es gebe ein Kieferproblem. Wir sollten den Zahnarzt aufsuchen, denn das Kind bräuchte dringend eine Beißschiene.

Der Gatte, der mir direkt von der Arbeit zu Hilfe geeilt war, stöhnte im Auto auf: „Du bist echt das Kind deiner Mutter!“. Nun, wo er Recht hat, da hat er Recht (wirklich du müsstest mich sehen, wie ich mich abends zum Schlafen lege, mit meiner Schlafbrille, den Ohrstöpseln und meiner Beißschiene…. wegen des Backenzahnes, den ich mir zähneknirschender Weise gespalten habe…klägliche Versuche die bunte Welt wenigstens für ein paar Stunden aus meinem Hirn auszusperren…) Also, wo er Recht hat, da hat er Recht, aber es gäbe doch wirklich Netteres, was man den eigenen Kindern gerne vererben würde, an Stelle eines Hanges zum Überangespanntsein.

Und so überlegte ich nun, welche Erbstücke meiner Wesensart ich meinen Kindern gerne weiterschenken würde. Natürlich weiß ich von der absoluten Einzigartigkeit eines jeden Individuums, also Zeigefinger ganz schnell wieder runter, aber als Mama von fünf dieser einzigartigen Individuen darf ich feststellen, dass es nun mal Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen gibt. Was dann daraus wird, steht ja wieder auf einem ganz anderen Blatt. Jetzt ist es nur so, dass mir auf Anhieb etwa fünf Dutzend meiner Persönlichkeitsmerkmale einfallen, von denen ich schwer hoffe, dass sie meinen Kindern erspart bleiben mögen, ganze Listen könnte ich darüber anlegen. Auf der Suche nach brauchbaren Erbstücken muss man sich selbst mit liebevollem Blick und dem Lächeln des Wohlwollens betrachten- boah und das ist echt schwer.

Mein offenes, weiches Herz, dass dürfen sie gerne erben, auch wenn es das Leben nicht unbedingt einfacher macht.  Aber lieber sollen auch sie immer das Beste von den Menschen annehmen, als misstrauisch und argwöhnisch zu sein. Lieber zu durchlässig als zu verstockt.image

Über mich selbst lachen zu können, über meine Schusseligkeiten und Macken, über das, was ich eben einfach nicht kann, schenke ich sehr gerne weiter- das entspannt das Leben ungeheuer und macht es auch lustiger.

Die Freude am Wort und die Lust am Kreativ sein. Ausgeprägte Empathie und eine wirkliche Neugier auf andere Menschen. Aus vollem Herzen lieben zu können, lachen und weinen. Fleiß und Fürsorge. Und das große Glück in den kleinen Dingen zu sehen. Die Bereitschaft um Verzeihung zu bitten, oh und jede Menge Phantasie. Na also bitte, die Erbmasse ist doch ganz ordentlich. Und der Gatte steuert ja auch noch etwas bei. Sie stehen nicht nur mit verkrampften Kiefern und zusammengebissenen Zähnen da, die lieben Kleinen, Gott sei Dank.

Und wo ich schon aus allen Ecken meine eigene Großartigkeit zusammensuchte, da unterstützte ich meine Bemühungen mit diesem wunderhübschen Print, den man sich freundlicherweise auf mamaabba runterladen kann. Der hängt nun am Kühlschrank und erinnert mich daran, dass ich durchaus Gutes weitergeben kann. Ein paar Stunden nach dem Aufhängen wurde das Bild ergänzt. Ich sehe es als positives Zeichen…

Unterstützung gibt es gerade auch vom Leben selbst, dass sich in seiner ganzen Fülle offenbart, das blüht und grünt und duftet, dass es eine wahre Freude ist, überbordend und gewaltig in seiner Farbpracht nach der langen Winterruhe. Es erinnert dich an die Großartigkeit der Schöpfung und welch unverschämtes Glück es doch ist, ein Teil davon sein zu dürfen, an diesem Ort, mit diesen Menschen um dich herum. Es schenkt uns Abendspaziergänge und frischgebackenen Kirschkuchen auf der Terrasse.P1060416

Meinen neuen Lieblingstee und Vorlesen in der Hängematte.P1060412

Die Lust am Selbermachen blüht, wie der Flieder in all seinen Tönen, der Gatte lässt sich von seiner neunjährigen Tochter das Gitarre-Spielen beibringen, die dank eines neuen Lehrers endlich wieder Freude am Instrument gefunden hat. Der Gatte geht unter der Woche einer durchaus anspruchsvollen Tätigkeit nach. Gitarrenunterricht bei seiner kleinen Tochter zu nehmen, ohne jeden Dünkel, ist eine der Trilliarden Gründe, wegen denen er mein Lieblingsmann ist- diese Eigenschaft darf herzlich gerne weitervererben.

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Jeden Morgen sehr ich meine Kinder auf die Räder steigen und in den frischen, blanken Morgen radeln, fröhlich und gutgelaunt, trotz der frühen Stunde. Dieser Anblick hinterlässt Aufbruchstimmung und Neugier auf den Tag, Hoffnung und ein Lächeln auf meinem Gesicht.  Natürlich ist nicht immer alles rosig, natürlich gibt es verspannte Kieferknochen und zusammengebissene Zähne, zu durchlässige Herzen und sorgenvolle Gedanken. Denn es ist ja das Leben in Fülle. Großartig, oder?!

 

3 Gedanken zu “Vom Erben und dem Leben in Fülle

  1. Hahaha danke für die Lacher. Die Gedanken kenne ich zu gut. Aaaaaber wie du schreibst die Mischung aus Papa und Mama und das Leben selbst macht’s letztendlich.

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  2. Oh ja – das kenne ich auch – die Angst, und auch die Beobachtung, dass sie Eigenschaften entwickeln, die ich an mir nicht so gut leiden kann, bzw. unter denen ich leide… Aber ich denke, alleine schon, dass wir es sehen und bei Gelegenheit auch mal mit ihnen darüber sprechen, könnte auch einen Unterschied machen. Und manchmal bin ich bass erstaunt, wenn ich die guten Dinge sehe, die sie so ganz anders entwickeln, als ich… wie ist das bloß gekommen? Danke für deinen Artikel und die Erinnerung an die Fülle 🙂

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