Es sommert, dass es nur so kracht und ich sitze hier in unserem mittlerweile toskanisch anmutenden Höfchen und versuche ein paar klare Gedanken aus dem hitzeumnebelten Hirn zu wringen. Gar nicht so einfach, wenn um einen herum das pralle Kinderleben tobt mitsamt der Geräuschkulisse, die das pralle Leben eben so mit sich bringt. Es sind ja Ferien. Noch. Eine. Woche. Irre Vorstellung. Eine Rückkehr ins normale Leben scheint im Augenblick so realistisch, wie Mondwandern.. Wie soll ich es bloß den Kindern sagen? Weckerklingeln morgens um sechs? Kleidung tragen noch vor dem Mittagessen? Hausaufgaben und Vokabellernen? Feste Zubettgehzeiten? Och nö. Aber- eine Woche haben wir ja noch…kostbares, zähflüssiges und honigsüßes Ferienzeitgold.

 

Vor einigen Wochen saßen der Gatte und ich in einer Runde Erwachsener, die sich über Ferien im Allgemeinen und Urlaub im Speziellen unterhielten. Die Erwachsenen hatten gemein, dass sie alle Eltern von jeweils zwei Kindern, schon im Urlaub und sich darüber hinaus alle einig waren. Ihr einstimmiges Credo: Sommerferien sind eine völlig überholte und vor allem eine viel zu lange währende Einrichtung. Braucht kein Mensch und schaffen nur Probleme, vor allem Organisationsprobleme. Mit dem Urlaub hingegen hatte man gute Erfahrungen zu vermelden. Es gibt nämlich, halleluja, Kinderhotels, bei denen die Kinder direkt vom Zimmer per Aufzug in den Indoorspielbereich fahren können und damit den lieben langen Tag beschäftigt sind. Dauerbespaßte Kinder und unbehelligte, erholte Eltern. Und Bauernhöfe, auf denen der Bauer die Kinder betreut, ganztägig und wirklich gut gemacht (also eigentlich kein echter Bauer aber er fährt noch Traktor). Überhaupt war die Kinderbetreuung für die Qualität des Urlaubs von entscheidender Bedeutung. Wenigstens gibt es vor und nach dem Urlaub das städtische Sommerferienprogramm, von acht bis fünf, wie die Schule, immerhin, sonst wäre das ja alles nicht auszuhalten. Der Gatte und ich starrten angestrengt in die angrenzenden Weinberge und verabschiedeten uns alsbald, um zu unseren verwilderten Sommerkindern nach Hause zurückzukehren. Im Herzen hatte ich viele Fragezeichen.

Ich weiß natürlich, dass die Ferienzeit, gerade die langen Sommerferien, eine herausfordernde Zeit ist, besonders für Berufstätige in Organisationsnöten. Und nicht nur für die. Da ist Chaos im Haus und Unruhe, ständig fliegt irgendwo Zeug rum, keiner will Abends im Bett und damit geht auch jedes Feierabendgefühl flöten. Gefühlt kommt man zu überhaupt gar nichts mehr und ist trotzdem immer irgendwie beschäftigt. Sechs Wochen sind eine lange Zeit und es wäre ja völlig abwegig anzunehmen, dass diese Zeit komplett harmonisch und konfliktfrei ablaufen würde, nein, manchmal knallt es und manchmal ist da Genöle und Gegrunze, dass es zum Davonlaufen ist.

Und trotzdem ist dies mein Plädoyer für sechs herrlich lange, ausgedehnte und vor allen Dingen freie Wochen Sommerferienzeit.

Bitte nehmt euren Kindern den Sommer nicht weg! Lasst sie spielen und die Zeit vergessen, bis die Tage ineinander verschwimmen, ein Gefühl von Freiheit sich einstellt und der Horizont sich in die Unendlichkeit weitet. Traut ihnen etwas zu, ja auch Langeweile, und wartet ab und staunt was passiert. Ihr müsst nicht mit dem ersten Ferientag zu Bespaßungsrobotern mutieren, nicht jeden Tag verplanen und vollstopfen mit Aktivitäten. Lasst sie machen, lasst sie herausfinden, was ihnen Freude bringt.

 

Es muss doch eine Zeit geben dürfen, in der keine Pflicht die Seele schnürt, wo man in den Tag hineinlebt, völlig zweckfrei, einfach nur, weil das Leben schön ist. Und vielleicht kommt die Lust, etwas Neues auszuprobieren oder ein kleines Abenteuer zu erleben. Beim Zelten im Garten und beim Brombeerenpflücken irgendwo draußen. Beim Spielen an endlosen Sommerabenden, ganz ohne Zeitlimit, da wo aus Sommerluft, Chlorgeruch und Eisgeschmack die schönsten Geschichten und aus Sofapolstern perfekte Höhlen entstehen. Lasst ihnen die Zeit, sich neu kennenzulernen, Zeit um rein gar nichts zu tun, Zeit für Hörspiele und endlose Quatschgespräche, Zeit um zu lesen oder es eben zu lassen. Zeit, den leisen Stimmen der Phantasie zu folgen, die im Alltagseinerlei so schnell überhört werden. Hört auf, ihnen Bullerbü vorzulesen und lasst sie ihr eigenes Bullerbü entdecken. Ich habe hier einen vierjährigen Jungen, der morgens um acht beschloss, er müsse jetzt Pfeil und Bogen haben und am Nachmittag hatte er ihn, ganz ohne mein Zutun. Auch Geschwisterliebe braucht Zeit und Freiraum, um sich zu entfalten und sich immer wieder neu zu entdecken. Als der Bogen noch am selben Abend zerbrach, da baute er sich eine Angel daraus.

Lasst den Kindern die Sommer ihres Lebens, um wirklich zu wachsen und wirklich zu werden. Lasst euch die Chance, Zeit mit ihnen zu verbringen. Macht Urlaub miteinander und nicht voneinander, lasst los, die Idee von der perfekten Ordnung, die Angst vor dem Ungeplanten und  ein Stückchen auch das eigene Ego. Setz dich hinein, mitten hinein ins Sommergewimmel, mit einem Kaffee oder einem gutgekühlten Weißwein und genieße das Leben um dich herum. Ich bin mir sicher, dass es diese Sommer sind, die das feingewobene Netz des Lebens wie Goldfäden durchwirken, das Gold der Sonne und der Freiheit, von Gott geschenkt und unendlich wertvoll.

12 Gedanken zu “Ein kleines Plädoyer

  1. Auch wenn wir hier mit Anfang der Ferien einen neuen Rhythmus finden müssen (und das immer SEHR holprig ist): Amen dazu. Ich freu mich auf unverplante Wochen, die die Freiheit mit sich bringen, entweder gar nichts zu tun oder spontan etwas unternehmen zu können, wofür sonst nie Zeit ist.

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    1. Nach meiner Erfahrung mit unseren Kindern dauert es mindestens eine Woche bis die Systeme auf Entspannung runterfahren. Ich brauche auch total lange, um vom Dauerpowermodus in den Ferienmodus zu kommen. Jeder hat ja so seine eigene kleine Alltagswelt, die eigene Klasse, Freunde, Hobbies…da müssen auch alle erstmal zueinanderfinden. Deswegen mag ich Sommerferien ja so gerne. Da ist es okay eine Woche zu motzen und es bleibt immer noch genug Zeit übrig. Schöne Zeit euch und liebe Grüße

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  2. Liebe Sandra,
    dem ist echt gar nichts mehr hinzuzufügen. Ich freue mich so, dass es noch mehr dieser Spezies gibt! 🙂
    Und ganz ehrlich: ab jetzt warte ich insgeheim darauf, dass du ein Buch schreibst! Schon mal drüber nachgedacht???
    Habt einen wunderbaren Sommer….unser ist von einem großen Umzug in 9 Tagen gekennzeichnet und die Kinder haben durch den Wechsel leider nur zwei Wochen Sommerferien bis die Schule wieder anfängt. Schrecklich, aber dieses Jahr nicht zu ändern…
    Liebe Grüße, Maike

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  3. Liebe Sandra, ein kraftvolles kleines Plädoyer, und wieder so seidig formuliert, dass es auf der Zunge vergeht. Danke dafür. Ich bin total deiner Meinung: Die Sommerferien, das Sein-können, das brauchen wir alle als Familie total. Und selbstverständlich geht es oft nicht friedlich zu, gibt es neben den Instagram-Momenten auch Prügeleien, Gejammer und Langeweile. Auch für mich als Mutter ist es immer wieder herausfordernd, dauernd präsent sein zu müssen (ich versuche, bewusste kleine Pausen zu machen, aber sie fallen mir nicht in den Schoss). Da finde ich mich immer wieder in Christinas neuem Blogpost. Und trotzdem: Diese Zeit schweisst uns als Familie wieder total zusammen, die Kinder geniessen die Gemeinschaft und das Zusammensein und werden dadurch gestärkt. In all dem Trubel das ganze Jahr über könnte ich mir Schule ohne Sommerferien überhaupt nicht vorstellen. – Herzliche Grüsse!

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  4. Vielen lieben Dank für deine tollen Worte, Werte und Gedanken, die ich schon lange „verfolge“. Sie bereichern mich und machen den Alltag heller. Auch, weil ich merke, es gibt Menschen mit ähnlicher Sicht… Danke! Zu deiner Sommerliebe gibt es ein wunderbares Lied auf YouTube“Weißt du wie der Sommer riecht“. Sonnige Grüße!

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  5. Liebe Sandra! Mal wieder hast du das so wunderbar geschrieben. Und man kann dir ja eigentlich nur von Herzen zustimmen. Und doch will ich ein kleines Plädoyer hinzufügen: für die Mamas (und Papas) die so angeschlagen sind und selbst so gar kein Bullerbü erlebt haben, dass sie ihre letzten Kräfte aktivieren müssen um mit ihren Kindern einigermaßen gut durch den Sommer zu kommen. Die Ferienprogramme sind für sie keine Option oder freudige Ausrede sich nicht mit den Kindern von morgens bis abend auseinandersetzen zu müssen, sondern es sind ihre Rettungsseile, damit sie nicht untergehen. (und manchen Kindern in meiner Umgebung wünsche ich von Herzen ein Ferienprogramm, weil ich sehe, dass ihre Eltern total fertig und überfordert sind; ein Hoch auf jede Mama die Hilfe annehmen lernt, weil sie es nicht alleine schafft! ). Ich glaube mir ist es wichtig das hinzuzufügen weil ich selbst oft kräftemässig ziemlich durch bin und in der Vergangenheit aus verschiedensten Gründen immer mal wieder „Rettugsseile“ annehmen musste … Das nicht als Widerspruch zu dem was du geschrieben hast; nur als Ergänzung. Liebe Grüße und einen schöne letzte Ferienwoche für euch!!!

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    1. Liebe Christina, gerne darfst du dieses Plädoyer anhängen. Denn natürlich gibt es jede Menge gute Gründe, warum Kinder in einem Sommerferienprogramm gut aufgehoben sind- nicht zuletzt deshalb, weil sie da vielleicht schlicht Spaß dran haben. Von tollen Ferienfreizeiten mit einem hohen Einsatz an ehrenamtlichen Engagement, ganz zu schweigen. Sei lieb gegrüßt

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