Vorgestern am frühen Morgen musste ich eine Fahrt ins rheinhessische Hinterland unternehmen. Ich hatte zu dieser Fahrt überhaupt gar keine Lust, sie lag mir schon Tage vorher im Magen und vergällte mir die Laune. Nicht die Fahrt an sich natürlich, eher das Ziel, der Reise. Am Ende der Fahrt würde auf mich ein Wald aus Fragezeichen warten, nichts dramatisches, wirklich nicht,  aber schon unruhestiftend und nervös machend. Entsprechend grummelig und unwillig stieg ich also ins Auto, aber schon nach wenigen Kilometern blieb mir nicht anderes übrig, als ein bisschen zu staunen. Denn der Himmel an diesem Morgen war ganz unfassbar blau, septemberblau mit roten Sprengseln (das Christkind backt Lebkuchen, so heißt es bei uns…). Die Weinberge, immer noch schwer behangen, leuchteten in diesem Morgenlicht, Kürbisse stapeln sich schon vor den Hofeingängen, ein Hauch von Stars Hollow in Rheinhessen. So schlecht war meine Laune dann auch wieder nicht, als das ich mich diesem Septemberzauber entziehen könnte. Das erste was mir in den Sinn kam war: „Was für ein Geschenk doch solch ein Morgen ist! Lass ihn dir nicht vergällen“. Und der zweite Gedanke, der mir plötzlich im Hirn rumspukte: „Zähle deine Segnungen!“ Der Gedanke ist natürlich nicht von mir, ich habe ihn gelesen, aber just auf dieser Fahrt hatte ich ihn laut und deutlich in meinem Kopf.

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Innerlich befinde ich mich schon lange auf dieser Fahrt, an deren Ende ein Wald von Fragezeichen wartet. Veränderungen stehen an und ich hasse Veränderungen, auch wenn ich weiß, dass sie nötig sind. Ich tue mir schwer damit, Vertrautes loszulassen, tausend Fragen spuken in meinem Kopf herum, so viele Wenns und Danns und Abers. Und vor lauter Grübeln und Bedenken und Sorgen machen, übersehe ich leicht die Schönheit der Landschaft, durch die ich gerade reise, das Gute, was schon längst da ist, die Geschenke am Wegesrand. Zähle deine Segnungen! Und ich zählte.

Unser Haus ist fertig. Und wir finden es wunderschön. Unglaublich, dass wir dieses Projekt endlich angehen konnten, unglaublich, was Menschen mit ihrer Hände Arbeit für Veränderungen bewirken können, unglaublich, was ein wenig Farbe ausmacht. Und was für ein Segen, dass wir ein Zuhause haben, in dem wir uns alle wohlfühlen, dass uns Geborgenheit schenkt und in dem wir beieinander sein dürfen.

Ein kleines Fellknäuel ist bei uns eingezogen und hat uns direkt alle um den Finger gewickelt. Ihr Name ist Pünktchen, denn sie hat genau ein solches auf ihrem kleinen Köpfchen, obenauf, herzallerliebst. Und es ist wahrhaftig ein Segen und eine Freude, wie vorsichtig, liebevoll und achtsam wirklich all unsere Kinder mit diesem kleinen Lebewesen umgehen, besonders aber ihr Besitzer, unser schweigsamer, zurückhaltender Drittklässler. Fast haben wir den Eindruck, als sei er drei bis fünf Zentimeter gewachsen, unter der Wichtigkeit der Verantwortung, die nun auf seinen schmalen Schultern ruht.

Das letzte Wochenende war ein Geburtstagswochenende, obwohl gar keiner Geburtstag hatte. Aber beständig mussten Kinder zu irgendwelchen Feierlichkeiten gefahren und auch wieder abgeholt werden, was zwischenzeitlich einem organisatorischen Harakiri gleichkam. Ich freute mich darüber. Ich freue mich, dass sie Freundschaften schließen und haben, dass sie gemeinsam feiern und einander so besser kennenlernen, fernab von Schule und allem anderen. Und wir selber hatten am Samstag tatsächlich zehn Zwölfjährige zu Gast, was aus genau den selben Gründen einfach großartig war. Freundschaften sind ein Segen, sie bereichern und bestärken. Abgesehen davon lernte ich, dass Zwölfjährige unfassbar große Mengen an Nahrung verdrücken, ihnen drei Stunden Geocachingtour bei Nisselregen einen Heidenspaß macht und sie ansonsten die Anwesenheit von Erwachsenen nicht brauchen.

An den Nachmittagen konzentriert sich unser Leben vor allem rund um unseren Esstisch. Da stapeln sich Hefte und Gläser, Bücher und Bastelsachen, es wird viel gelernt, in diesen Tagen und viel gearbeitet. Ein Segen, ist dieser Tisch, der das alles trägt und an dem alle Platz finden. Und er steht in unmittelbarer Nähe zur Küche, in der auch alles nach Arbeit aussieht. Wenn die Köpfe zu sehr rauchen, oder sogar ein Tränchen fließt, dann hilft ein Stückchen Apfelkuchen, oder eine Tasse Tee, ein gutes Wort und das Wissen, hier bist du nicht alleine. Familienleben in höchster Konzentration, geballt in zwei Räumen (erstaunlicherweise hat unser Haus ja auch noch viele andere Räume, aber…).

Musik ist ein Segen, auch wenn ich sie nur in kleinen Dosen vertrage (die unsägliche „Cordula Grün“ hat mich schon drei Nächte gekostet, weil sie einfach nicht aus meinem Kopf verschwinden will!). Und Zumba tanzen. Ich habe es seit den Ferien nicht jede Woche geschafft, aber doch immer wieder, fast wie früher. Weder kann ich mit den Schultern wackeln, noch ist meine Hüfte sehr schwungfreudig und mein Gesicht hat nach zehn Minuten die Farbe einer reifen Aubergine, hach aber es macht mir Spaß. Eine Stunde lang ist mein Hirn leer, weil ich mich so auf die Füße der Trainerin konzentrieren muss. Und ich finde tanzende Menschen ein Segen, soviel Lebensfreude (als ich den Gatten kennenlernte, da hatte ich mich längst schon in den Tänzer verknallt, bevor ich mich in den Mann verliebte…)!

Ein Segen sind diese Menschen für mich, der kleine Räuber Hotzenplotz, der durch unser Haus streift, ein Lebkuchenherz, für mich gemacht, die Farben des Herbstes und durchnässte Kleidung auf der Haut, nach einem wirklich turbulenten Herbstspaziergang, die letzten blühenden Rosen, Schwesternhände, die einander Zöpfe flechten und ein warmes Bett.

An diesem kühlen, blauen Morgen erreichte ich mein Ziel und aus den Fragezeichen wurden Aussagesätze. Ich stieg wieder ins Auto und kehrte von meiner kleinen Reise zurück. Noch am selben Abend merkte ich, nur von dieser Kleinen, die Reise geht weiter. Veränderungen stehen an, ich werde Mut brauchen, um Entscheidungen zu treffen, um diese Veränderungen zu wagen und Neues zu beginnen. Und ich dachte an all meine Segnungen. Vielleicht sollte ich ein wenig mehr auf den vertrauen, der uns solchen Segen schenkt.

Kennst du deine Segnungen? Zähl doch mal wieder nach…

Ein Gedanke zu “Segnungen

  1. „Count your blessing“s ist aus einem Weihnachtslied, ich glaube von Dianne Warwick oder so ähnlich, Tante von Widney Housten. Ja die vielen Segnungen und Geschenke, die wir allzu gerne übersehen. Ich liebe es meistens morgens mit dem Hund durch den Wald zu gehen, manchmal mache ich das dann auch wieder lieblos weil ich schon wieder ans Nächste denke. Heute bin ich mit Schwindel aufgewacht, Nichts ging, kein Hund und kein Nichts. Bis zum Nachmittag. Und was wünsche ich mir genau dann? Genau, ich wünsche mir wenn ich erkrankt bin immer die Normalität zurück, nicht die Reise an den Südseestrand (wobei ich da auch nicht nein zu sagen würde ;-)) Aber im Ernst, das normale Leben nehmen wie Menschen doch allzu oft zu „normal“ als würde es uns „zustehen“. Ein toller Artikel, der mir auch aufgrund deiner Fotos Vorfreude auf den Herbst macht. Lieben Dank, Sandra aus dem Sommerzimmer

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