Gestern stieg ich die Treppe zu den Kinderzimmern hinauf und besuchte mein großes Mädchen. In der Hand hielt ich einen Becher Tee und einen nur fast angekokelten Keks, ich hatte so die Ahnung, dass sie beides gut würde gebrauchen können. Sie saß in ihrem Zimmer und referierte der Katze die zehn Grundregeln des Mikroskopierens, wobei die Katze sich nur mäßig interessiert zeigte und bald das Weite suchte.

Lange saß mein Mädchen schon so in ihrem Zimmer, draußen war es bereits dunkel geworden,  und der Wind rüttelte am Haus. Ein langer Schultag lag hinter ihr, sie hatte Hausaufgaben gemacht, ihre Lateingrammatik wiederholt und englische Vokabeln gepaukt. Nun also noch das Mikroskop. „Unfassbar, wie fleißig sie ist“, dachte ich so bei mir und  dann streichelte ihr ein bisschen das Haar und sprach meinem Kind  Mut zu, weil es nicht nur unfassbar fleißig ist, sondern auch sehr müde, angestrengt und ein wenig angespannt von Zeit zu Zeit.

 

Und schließlich erwähnte ich, dass es zwar nicht unbedingt hilfreich, aber doch tröstlich sei, dass es den anderen Kindern ihrer Klasse genauso erginge und sie ja gar nicht allein sei, mit all der Plackerei. Ich wusste, dass es so ist, ein oder zwei Mütter hatten sich aus der Deckung gewagt und davon erzählt, sogar die Klassenlehrerin war kontaktiert worden und auch die hatte bestätigt, was eigentlich nur logisch ist. Die sind alle müde, angestrengt und angespannt. Weil so ein Schulwechsel eine gigantische Herausforderung ist, die nicht in wenigen Wochen gewuppt ist. Eine neue Klasse, in der keiner irgendjemanden kennt, neue Lehrer und neue Fächer, die große Stadt, allein die Anreise jeden Morgen aus allen Ecken des Umlandes, das gleichzeitige Erlernen von zwei Fremdsprachen und einem dementsprechenden Umfang an Hausaufgaben und schließlich das Leben mit der Erkenntnis, dass in jeder Stunde in jedem Fach eigentlich ein Test geschrieben werden könnte. Alles im Umbruch.

 

Wir selbst haben dieses Prozedere ja schon einmal durch und wissen: wenn der nächste Frühling kommt, ist die Kuh vom Eis. Dann winken sie müde lächelnd ab, wenn es um ein paar Vokabeln, einen verpassten Zug oder eine Hausaufgabenüberprüfung geht. Dann fühlen sie sich zuhause an ihrer neuen Schule und führen souverän und mit altväterlichen Mienen zukünftige Sextaner durchs Schulgebäude. Bis dahin ist es ein langer, steiniger Weg, der vieles verändert und fordert, dass man immer wieder über den eigenen Schatten springt.

P1080547

Verändernde Lebensphasen sind einfach eine irre Herausforderung, egal wie alt du bist. Es ist ein wenig so, als würden wir ein Leben lang immer wieder neu geboren, neu gestaltet und entwickelt, nie sind wir fertig, egal ob acht oder achtzig.  Manchmal ist es von außen ganz offensichtlich: wenn wir laufen lernen, in die Schule kommen, erwachsen werden oder Eltern. Manchmal ist es ein innerer, fast unsichtbarer Prozess. Immer ist da erst eine Zeit des Entwickelns und Werdens bis sich das Neue nicht mehr aufhalten lässt und mit viel Getöse und selten ohne Schmerzen nach Außen drängt, ein riesen großes Durcheinander, das eben auch müde macht, angestrengt und etwas gereizt. Irgendwann gehst du mit sicheren Schritten, irgendwann ordnet sich alles und du richtest dich ein, in deiner neuen Haut. Bis es irgendwann wieder losgeht, alles in dir nach Veränderung ruft und gleichzeitig nach Sicherheit, wo du alles in Frage stellst und doch endgültige Antworten erhoffst:

 

„Weißt du Mama,“ sagte mein Mädchen zu mir, „Ich kann das gar nicht glauben, dass es den anderen genauso gehen soll. Bei denen sieht es immer so leicht aus, die sind nie müde oder haben Angst.“ Aha. „Und,“ fragte ich zurück, „Merkt man dir denn in der Schule an, dass du manchmal müde oder ängstlich bist?“ „Natürlich nicht,“ antwortete sie. „Ich bin ja nicht verrückt.“

Wann fängt das an, dass wir den Rollladen runterlassen und die Vorhänge zuziehen, wenn es um unser persönliches Befinden geht? Im Kindergarten? Oder erst in der Schule? Wann lernen wir das und von wem? Es geht ja nicht um Gejammer, wehleidiges Genöle oder einem öffentlichen Vollbad in Selbstmitleid. Aber stell dir nur mal vor, man dürfte in Zeiten des Umbruchs sagen: „Mir fällt das hier überhaupt nicht leicht. ich finde es schwierig und es strengt mich auch ganz schön an“. Und wie befreiend es wäre, wenn der andere dann sagen würde: „Weißt du was, mir geht es ganz genauso.“ Es würde so vieles leichter machen. Im Kindergarten und bei Schulwechseln, beim Freunde finden, im Studium, beim Heiraten und Kinderbekommen, beim Kindererziehen (oh ja!), Ehe leben und bei Berufswechseln, einfach in jeder verändernden Lebensphase, gleichgültig ob sie groß und offensichtlich oder eine innere Richtungssuche ist. Kein Mitleid sondern Mitgefühl: „kenne ich, ist fies, macht keinen Spaß und ist echt anstrengend.“

 

Es wäre so befreiend und erleichternd und man müsste sich bei allen Anstrengungen nicht noch mehr anstrengen, in dem wir so tun als wäre alles ein Spaziergang. Dann könnten wir uns in den Irrungen der Veränderung daran festhalten, dass wir nicht alleine sind, keine Schwächlinge und Versager, sondern normale Menschen, die immer mehr sie selber werden dürfen.

Draußen tobt der Herbststurm, in nur wenigen Tagen hat er alles verändert. Wir frösteln noch, suchen die warmen Decken und Mützen, richten uns ein in der neuen Dunkelheit. Auch heute werde ich ein paar Becher Tee kochen und die Treppe zu den Kinderzimmern hochsteigen. So unaufhaltsam Veränderungen auch sein mögen, ein paar Leuchtfeuer in der Dunkelheit trösten doch ungemein.

P1080593

2 Gedanken zu “Wind of change

  1. „Wann fängt das an, dass wir den Rollladen runterlassen und die Vorhänge zuziehen, wenn es um unser persönliches Befinden geht?“ „Es wäre so befreiend und erleichternd und man müsste sich bei allen Anstrengungen nicht noch mehr anstrengen, in dem wir so tun als wäre alles ein Spaziergang. Dann könnten wir uns in den Irrungen der Veränderung daran festhalten, dass wir nicht alleine sind, keine Schwächlinge und Versager, sondern normale Menschen, die immer mehr sie selber werden dürfen.“ Das sind ganz tolle Sätze und Aussagen! Habe vielen Dank dafür ❤

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Sandra, eigentlich ist jetzt Kochzeit, aber ich habe mir deinen Text auf dem Sofa gegönnt. Du hast so Recht – Veränderungen brauchen sehr viel Kraft, das sehe ich zur Zeit überdeutlich an meinem ziemlich-frischgebackenen Erstklässer, und kenne es auch selber. Das Sprechen darüber fällt uns so oft so schwer, dabei ist die Erleichterung immer riesengross, ist das Herz einmal geteilt, denn es geht uns doch so oft ganz ähnlich. Danke für diese wunderbare Ermutigung und Erinnerung!

    Gefällt 1 Person

Schreibe eine Antwort zu Sonja Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.