Heute morgen öffnete ich um 6.40 Uhr die Türe und schob ein paar schlaftrunkene, tapfere und bis zur Unkenntlichkeit vermummte Schulkinder und einen leise grummelnden Gatten hinaus in den pladdernden Regen. Gelbe und braune Blätterhaufen wirbelten durch die immer noch tiefschwarze Dunkelheit, mehr Herbst kann nicht mehr werden, der November erfüllt pflichtschuldig alle Erwartungen, die gemeinhin an ihn gestellt werden.  Während ich den tropfenden Gestalten schnell noch ein paar gute Wünsche hinterherschob, fing es hinter mir an zu bellen, als hätten wir uns zur Babykatze auch noch einen rachitischen Hofhund zugelegt. Haben wir nicht, es ist nur unser Zwillingsjunge, der da vor sich hin kläfft.

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Und mit einem Seufzer der Erleichterung kehrte ich zurück in das warme, hell leuchtende Haus, in dem es trocken ist und nach Kaffee riecht. Ein wenig später wagte ich mich selbst hinaus, um einen aufgeregten Drittklässler zur Schule und zur anstehenden Grammatikarbeit zu bugsieren. Während ich vorsichtig das Auto durch all das Gepladder steuerte, überlegten wir kurz nochmal, ob es nun „ich gang“ oder „ich ging“ heißt, dass man mit festem Stand auf dem Boden besser denken kann, und dass das Klassenzimmer nichts weiter ist, als ein Wald mit rauschenden Bäumen, in dem man sich ohne Ablenkung aufs Papier konzentrieren kann. Uff, auf dem Rückweg schnell noch ein ungesundes Frühstück gekauft, weil es im Hause 7Geisslein nun mal wesentlicher Bestandteil jeder Gesundwerdtherapie ist, dass man mit einem ungesunden Frühstück und einem Glas Saft auf der Couch sitzt. Außerdem muss man dabei unbedingt „Petterson und Findus“ schauen, am besten eingekuschelt in eine Decke und mit einem lieben Menschen an der Seite, in diesem Falle eine sich solidarisch krankfühlende Zwillingsschwester. Dann steht der Gesundwerdung nichts mehr im Wege. So früh am Morgen und schon so viele gute Wünsche, so viele Worte, ein paar Umarmungen, so viele kleine Zeichen der Liebe, so viel Beziehung.

Und nun sitze ich am Laptop und sinniere darüber nach, dass dies wohl das größte Gottesgeschenk an die Menschheit ist, dass er uns als beziehungsfähige und beziehungsbedürftige Wesen geschaffen hat. Wesen, die hungrig sind nach Liebe, guten Worten und Fürsorge, wie nach dem täglich Brot, durstig nach persönlichem Austausch, Gesehen und Verstanden werden. Die Sehnsucht nach Beziehung lässt uns immer wieder über den Schatten unseres eigenen Ichs hinausspringen, sie ist größer als die Angst, zurückgewiesen zu werden, stärker als die Furcht vor Verletzung und Scheitern. Vom Augenblick unsere Geburt suchen und ersehnen wir Beziehung und sie ist genauso essentiell zum Überleben, wie die Luft zum Atmen. Aufeinander einlassen, für einander da sein, Nähe spüren und Geborgenheit, immer wieder – obwohl und trotzdem wir so oft aneinander leiden, scheitern und uns verlieren, obwohl es nie eine Geling- Garantie gibt.

Letzten Freitag habe ich mich auf den Weg nach Essen gemacht, mit schlotternden Knien und Übelkeit im Bauch. Im Laufe der Woche waren mir ungefähr eine Trilliarde Gründe eingefallen, warum ich der Einladung des SCM-Bundesverlages zu einem Treffen christlicher Bloggerinen besser nicht folgen sollte. Allein die Autofahrt! So viele fremde Menschen, was, wenn keine mit mir sprechen würde, was, wenn ich mutterseelenallein und voller Scham drei Tage auf meinem Stuhl kleben müsste, was, wenn die anderen merken, dass ich da gar nicht hingehöre, nur eine Mama bin, die hin und wieder ein paar Worte in ihren Laptop hackt, und wenn überhaupt  alles ein schreckliches Missverständnis wäre? Die Selbstzweifel überfluteten mich, ein Meer aus Fragezeichen und Seelennöten, die nicht nur an meinen Nerven zerrten, sondern aus mir auch eine ziemliche Nervensäge machten, die der Gatte tapfer erduldete.

Am Donnerstag fand ich völlig überraschend in meinem Briefkasten ein kleines Päckchen. Ein Päckchen voll Ermutigung von einer lieben Freundin, die ich gerade erst beginne richtig kennenzulernen. Und ich fuhr ich trotzdem. Ich wagte die Fahrt, ich wagte Beziehung und wurde mehr als reich beschenkt. Mit wunderbaren Begegnungen, mit Ermutigung und Worten. ich durfte Frauen persönlich kennenlernen, deren Worte mich schon so lange begleiten, die mich durch ihr Schreiben schon so oft ermutigt und getröstet hatten. Da waren sie, ganz in echt, entwaffnend offen, entwaffnend ehrlich, schön, klug und herzlich. Allesamt. Ich hatte gewagt und ich hatte einen riesengroßen Beziehungsschatz gewonnen. Ich durfte zuhören und lernen, das Herz öffnen und staunen. Ein Schatz, den ich am Sonntag in meinem übervollen, dankbaren Herzen nach Hause fuhr.

Zuhause angekommen wurde ich schon sehnsüchtig erwartet. Auf meinem Kopfkissen lagen tatsächlich fünf Briefe, gestaltet mit Worten und Farben der Liebe und des Vermissens. So viel Beziehung, so viel Gnade. Und weil Martinstag war, nahmen wir die Laternen und liefen zum Umzug. Martinsumzüge sind in der Regel laut und wuselig und auch ein wenig anstrengend. Aber jedes Jahr gibt es den Moment, an dem wir zurück nach Hause gehen. Der kürzeste Weg führt durch Koppeln und Wiesen, eingetaucht in tiefschwarze Nacht, nur ein paar Sterne am Himmel und die schmale Sichel des Mondes. Da brauchst du wirklich zwei Laternchen, um nicht versehentlich im Graben zu landen. Ich hielt meine Zwillinge an den Händen, wir sangen die alten Martinslieder ganz alleine, nur für uns und ich dachte: nicht nur den Mantel sollst du teilen. Vor allem teile dein Herz, deine Liebe, deine Sehnsucht nach Nähe. Dann wirst du überreich beschenkt.

 

11 Gedanken zu “Beziehungsweise

  1. Also auch ich erfinde jetzt hier mit meinem Kommentar nicht das Rad neu! Und gleichzeitig doch, denn ich möchte mich mit meiner eigenen Stimme hier für diesen Beitrag bedanken. Es ist (einschließlich meines Posts) der vierte den ich lese. Und wieder lese ich etwas Neues. Jede von uns hat ihre eigene Perspektive von dem Wochenende und und bei jeder ist diese besondere Beziehungszeit in einen ganz eigenen familiären und alltäglichen Rahmen gepackt. Ich finde das spannend. Liebe Grüße von Sandra aus dem Sommerzimmer

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  2. Du hast eine herrliche Art Dinge in Worte zu fassen. Mit dir am Tisch zu sitzen und zuzuhören hat am Wochenende so viel Spaß gemacht. Und jetzt durfte ich feststellen, dass deine Texte genau so herrlich geschrieben sind. Wie schön, dass es dich & deinen Bog gibt.

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  3. Liebe Sandra, jetzt habe ich mich auch endlich in Ruhe durch die Beträge von unserem besonderen Wochenende gelesen…habe immer überlegt, wer war das noch, die gesagt hat: „Sprache ist meine Spielwiese?“ Das warst du, oder? Mir geht es ähnlich, ich liebe Sprache…man kann sie so grob und kühl einsetzten, oder bewusst wählen, damit spielen, ihr die Ehe erweisen, dass sie sich im besten Licht zeigen darf. Da haben wir wirklich Macht über die Sprache. Wie schön, dass es dir wichtig ist und so gut gelingt, sie achtsam einzusetzen, so, dass sie dem Leser sanft um die Hirnwindungen streift 🙂 und ihn kitzelt, immer weiter lesen zu wollen…weil deine Sprache und auch inhaltliche Tiefe einfach Spaß machen! Es war schön dich kennenzulernen, leibe Grüße aus dem Großstadtjungel, Anna

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