Halleluja- es ist wieder Katalögchenzeit!! Aus allen Ecken und Enden kommen sie ins Haus geflattert, lungern im Briefkasten, fallen beiläufig aus der Zeitung mitten hinein in die Müslischale, tarnen sich als vergessene Rechnung im Poststapel oder hüpfen frech in den Einkaufswagen. Alle rufen sie im Chor:“ Sieh nur, was es alles Schönes gibt, sieh nur, was du alles ganz dringend brauchst, sieh nur, wie weihnachtlich wir schon glänzen, jetzt glänze doch mal ein bisschen mit!!!!“

An graunassen Novembernachmittagen stößt ihr Rufen hier auf offene Ohren. Die bunten Blättchen werden studiert, als enthielten sie die Lösung aller Weltenrätsel. Endlich erfährt man, was einem schon immer fehlte, es wird markiert und angekreuzelt, dass es nur so eine Freude ist und die Wunschlisten werden immer länger. Überlebensgroße Teddybären, gigantische Puppenhäuser und Raumstationen, grellbunte Paw Petroll Rettungstürme, eine Plüschkatzenfamilie mit Jungen- sollten je all diese Wünsche erfüllt werden, brauchen wir ein Zweithaus.

Ich habe meinen Frieden mit der Kataloginvasion gemacht. Es ist ähnlich, wie mit der jährlichen Fruchtfliegenplage: lästig aber im Grunde harmlos, eine hübsche Beschäftigung. Auch ich bin ja nicht frei davon und überlege beim Mittagskaffee, wie überaus gut mich doch so ein Kaschmirpullöverchen kleiden würde und das Essen aus einem „le creuset“- Schmortopf wahrscheinlich viel besser schmeckt (und sich sicherlich auch nahezu von selbst zubereitet…). Ob es Menschen gibt, die sich wirklich über einen Nasenhaarschneider freuen und noch viel interessanter, ob es wirklich Menschen gibt, die so etwas verschenken, weil sie aufrichtig glauben, dass sich darüber jemand freut? Doch, Kataloglesen macht schon Spaß.

Wenn es Advent werden will, dann liegen all diese verheißungsvollen Blättchen längst völlig zerfleddert im Altpapier, alle gruseligen Irrwitzigkeiten sind längst vergessen. Nur wenige Wünsche bleiben. Und die sind es dann in der Regel wert, etwas genauer angeschaut zu werden.

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Meine wunderbaren Kinder finden natürlich ganz unterschiedliche Kataloginhalte spannend, aber dieses Jahr stießen sie bei ihren intensiven Forschungsarbeiten auf ein Wunderwerk der Technik, das sie alle gleichermaßen faszinierte.

Ein Mikrofon. Ein Mikrofon, in das man hineinsingen und sprechen kann. Darüber hinaus zeichnet dieses Zaubergerät auch alles auf und spielt es dann wieder ab. Zwei Stunden lang. Wem das nicht genug ist, der kann das Ergebnis seiner stimmlichen Bemühungen dann noch auf den Computer übertragen und so der Nachwelt auf ewig erhalten. Genial! Fünf der sieben Geisslein waren sich einig: das brauchen wir und zwar unbedingt! Ein ganzes Abendessen lang überlegten sie, welche Möglichkeiten dieses Gerät bieten würde, welche Freude und welche Kurzweil in unser Haus Einzug halten würde.

Ich zeigte mich skeptisch. Der Gatte war nicht da, um mir zur Seite zu springen. Sie gaben nicht auf und begannen mit harter Überzeugungsarbeit. Es dauerte nicht lange, da verfiel das erste Geisslein auf die Idee, dass ich dieses Gerät ja am allerbesten brauchen könnte. Ich könnte alle Vokabeln und Lernihalte darauf sprechen und nachts neben ihren schlafenden Ohren abspielen lassen. Lernen im Schlaf. Häää? Also gut, nächstes Argument.

„Du könntest alles, was du uns ständig wieder sagen musst, auf das Mikrofon sprechen und dann einfach immer wieder abspielen lassen. Das spart dir dann Zeit und Nerven!“ Ich hatte keine Ahnung…ach ja, da kamen schon Beispiele. „Sitz gerade und Schultern zurück“, schlug der erste vor. „Mund zu, keiner will dein Essen sehen“,  „Das Messer ist nicht nur Deko!“ „Ellenbogen, Ellenbogen ist mal wieder …“, gluckste die Nächste. „Die Teller tragen sich nicht von allein in die Küche…“, kicherte es. „Ganz dünnes Eis, gaaaanz dünnes Eis…“ -die ersten Lachtränen kullern. „Oh, oder- was heißt hier angeschaut??!! Angeschaut heißt nicht gelernt!“. Mittlerweile hielten sie sich die Bäuche vor Lachen. Ich starrte sie entgeistert an und merkte wie es in meinem Bauch anfing zu blubbern. Das Blubbern stieg höher und höher, weitere Beispiele meiner Phrasendreschkünste flogen mir um die Ohren und schließlich feierte ich einen richtig schönen Kicheranfall. Hat man ja selten, so einen richtig echten Lachkrampf, sehr befreiend. Ich wischte mir die Lachtränen aus den Augen, scheuchte die Bande zum Tischabräumen und war von Herzen erleichtert.

Ja, ich dresche Erziehungsphrasen. Das ist natürlich nicht die hohe Kunst der Pädagogik, erleichtert das Leben aber ungemein. Weil ich nämlich nicht bei jeder Mahlzeit das Erziehungsrad neu erfinden möchte, nicht bei jedem Essen einen Vortrag über den Sinn und Unsinn von Tischmanieren halten will, nicht in allen Alltagslagen einen vierseitigen Beipackzettel zum wieso, weshalb, warum verlesen kann.

Ich will mich aber beim Essen  auch nicht grausen, weil mir die Fleischwurstbrocken ins Gesicht fliegen, halte es für keine gute Idee Kinder ohne Socken in den Winter ziehen zu lassen und bestehe auf Mithilfe im Haushalt. Und siehe da, unsere Kinder wissen diese Phrasen ganz gut einzuordnen, als das, was sie nun mal sind. Erinnerungshilfen im Dschungel des Großwerdens und Zusammenlebens. Alltagskrücken. Ein wenig nervig, aber nicht schlimm. Darf man nutzen. Kein Trauma und kein Drama.

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Nur wenn es drauf ankommt, dann darfst du keine Phrasen dreschen. Wenn es um Liebe geht, oder um Seelennot. Um ernste Fragen, um Träume und Ängste. Wenn es Streit gibt oder Lebensrätsel, wenn du umarmst und festhältst, wenn du gute Nacht sagst und guten Morgen, wenn du segnest und tröstest. Dann musst du ganz du selbst sein und dein Herz sprechen lassen.

Ich habe meinen Frieden mit dem Phrasendreschen gemacht- genau wie mit den bunten Weihnachtskatalogen. Lästig, aber harmlos, ähnlich der jährlichen Fruchtfliegenplage. Nutze sie, aber vergiss nicht, sie rechtzeitig ins Altpapier zu geben, wenn es wirklich drauf ankommt….

 

13 Gedanken zu “Phrasendreschmaschine

  1. Oh Sandra, wie kannst du nur so wundervolle Bilder mit deinen Worten malen?! Aus dem anfänglichen lächeln wurde Zeile um Zeile ein lauteres Lachen… Und irgendwie finde ich das was du schreibst sehr wohl die hohe Kunst der Pädagogik!! 😉

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  2. Liebe Sandra, so wunderbar geschrieben, ich habe mich sehr amüsiert und wiedergefunden! Fruchtfliegenplage ist ein genialer Ausdruck für diese Katalogschwemme! Der Austausch um die Phrasen, die man aufnehmen könnte, hat mich an eine Situation erinnert. Vor einiger Zeit habe ich mal überlegt, mit unserer Sprechbox, die wir wegen unserer Tochter mit Sprachentwicklungsstörung besitzen, genau solche Phrasen aufzunehmen – bis mir kam, dass wir alle solche ewig gleichen Erinnerungen brauchen. Jetzt steht das Ding bei uns im Gäste-WC und spricht Phrasen wie: „Gott sagt dir: fürchte dich nicht, ich helfe dir! Mach dir keine Sorgen, ich sorge für dich! Vertrau mir, ich hab alles unter Kontrolle…“ hier ist der Artikel dazu: https://vollkommenbesonders.blog/2018/03/10/wie-eine-telefonansage-auf-endlosschleife/ Ganz liebe Grüße, Jojo

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  3. Ach, Sandra! Nach diesem Text hätte ich grosse Lust, nach dir auch noch deine wunderbare Familie kennenzulernen! Das Bild des Nasenhaarschneiders wird mich voraussichtlich durch den Nachmittag begleiten. Einfach köstlich – und vermag mich jetzt grad in Weihnachtsstimmung zu versetzen! Herzliche Grüsse!

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      1. ….ich gehe immer wenn es irgendwie geht, dazu über solche dinge mal auszuleihen ;)…..
        dann haben wir diesen ganzen kram nicht dauerhaft im haus….oder ich versuche es gebraucht zu kaufen….
        lg
        annette

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  4. Liebe Sandra, wie herrlich! Ich fühlte mich sofort einige Jahre zurückversetzt und hörte mich selbst diese Phrasen dreschen. Meine 5 Jungs sind inzwischen erwachsen und haben größtenteils das elterliche Nest verlassen. Aber wenn wir dann mal wieder alle um einen Tisch versammelt sind, erzählen wir uns gegenseitig von diesen Phrasen und so manchem mehr, das ich an guten und weniger guten Erinnerungshilfen gebraucht habe. Und dann lachen wir herzlich und ich bin dankbar, dass meine Kinder mir weder die Phrasen, noch einige Entgleisungen übel nehmen. Und inzwischen sind (beinahe) alle Phrasen im Müll gelandet. 😉 Danke für Deinen tollen Post! Liebe Grüße Ulrike

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  5. Auch ich muss mal wieder danke sagen!
    – für deine wirklich witzigen und in einer so wunderschönen Sprache geschriebenen Beiträge, an deren Ende immer eine Botschaft steht, die in meinen Alltag hinein spricht.
    Grüße von Katharina

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  6. Liebe Sandra,
    Gern möchte ich danke sagen:
    Für deine wunderschöne Sprache, deinen (selbst-)ironischen Blick auf den Alltag und die tiefsinnige Botschaft am Ende der Texte, die in meinen Alltag hinein spricht.
    Gruß von Katharina

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