„Nö, wirklich nicht. ich laufe gerne!“ sagte Frau 7geisslein tapfer zum entgeisterten Automechaniker. Gestern früh, um 7.30 Uhr, als ich unser Auto zum TÜV brachte und das Angebot mich nach Hause zu fahren so großzügig ablehnte, erschien mir das als eine ganz fabelhafte Idee. Sooo weit ist der Weg jetzt auch wieder nicht, frische Luft ist gut für Herz und Hirn, Bewegung schadet bekanntermaßen auch nicht. Gestern früh, um 7.33 Uhr bereute ich meine eigene Fabelhaftigkeit zutiefst. Ich hatte nämlich keine Mütze dabei und auch keine Handschuhe. So stapfte ich frierend durch die weißglitzernde Dunkelheit, an den eingefrorenen Pferdekoppeln und Schrebergärten in Winterstarre vorbei und dachte: „Sieh einer an, so fühlen sich also -10 Grad ohne Mütze und Handschuhe an…“ Es war winterkalt und winterstill. Winterstill hört sich ganz anders an, als sommerstill. Kein Knacken in den Zweigen, kein Zwitschern und Rascheln, alle nicht menschengemachten Geräusche verstummen, eine eigentümlich andere Welt, fremd und schön, vertraut und doch ganz anders.

Letzte Woche verstummte ich auch kurzzeitig. Ein fieses grippales Irgendwas hatte mich und meine Stimme lahmgelegt und ab Freitagmittag ging gar nichts mehr, es half allein der Gang zur Couch und von dort stand ich ziemlich lange nicht mehr auf. Ganz ehrlich, ich bin so furchtbar ungern krank und auch wirklich äußerst schlecht darin. Krank sein bringt nicht meine besten Charaktereigenschaften ans Tageslicht. Der Kontrollfreak in mir rebelliert, ich fühle mich ausgeliefert und hilflos, werde grantig und motzig. Und trotzdem kapitulierte ich irgendwann, wurde ein wenig still, winterstill, nahm etwas Tee entgegen und strickte einfach vor mich hin.

Zwei Herzen schlagen in meiner Brust. Das eine merkt ganz deutlich, wie sehr wir hier alle etwas Winterstille vertragen könnten. Müde Augen, und Schnupfennasen, gereizte Stimmung und Stimmen, Unlust und Müdigkeit sind unsere Mitbewohner. Es will die Winterstille ins Haus holen, sie hell und behaglich machen, eine Stille zum Ausruhen und zum verborgenen Wachsen. Aber das andere Herz schlägt im Rhythmus des Alltags, der dem Rhythmus des Lebens, wie es ihn schon immer gab, entgegen steht. Er ruft unbarmherzig zur Pflicht, auch müde Schulkinder, die sich zähneknirschend und vermummt, wie kleine Ninjas auf die Räder schwingen, und an langen, dunklen Winternachmittag vor ihren Büchern wegdämmern. Dieser Herzschlag gibt den Ton an, denn er ist pflichtbewusst, will alles ordentlich machen und empfindet schon grippale Infekte als unsittlichen Antrag.

Da der Mensch nun mal ein Mensch und kein Bär ist, ist Winterschlaf nicht vorgesehen, auch wenn es sich gerade anders anfühlt, als bräuchten wir alle ein wenig mehr Ruhe, mehr stille Momente, mehr Stunden, in denen es so aussieht, als täte man gar nichts, obwohl doch gerade in den stillen Stunden unfassbar viel geschieht.

Irgendwo in dieser Stille liegt die Saat, für das, was wachsen will, wenn die Tage wieder länger werden, wenn uns am Morgen die ersten Sonnenstrahlen wecken und uns nicht länger die Dunkelheit empfängt. Irgendwo in dieser Stille, liegt schon längst der neue Anfang, den du immer wieder suchst, das Wachsen und Verändern, tief verborgen noch, aber trotzdem da, die Urkraft des Lebens, die wirklich bedeutenden Umbrüche.

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Ich kann nicht den Winterschlaf ausrufen, alle Pflichten zur Seite schieben, alles Tun vertagen, aber ich kann die Winterstille für einen Moment ins Haus einladen. Für ein Stündchen auf dem Sofa, für einer Tasse Tee und etwas Seelenessen, einen Spaziergang ohne Ziel. Der Pflicht sagen, dass sie sich etwas gedulden soll, nur ein Momentchen, oder zwei. Den Taktschlag verlangsamen. Winternickerchen anstelle von Winterschlaf.

Winternickerchen sind wie ein wärmender Schal, die dicke Mütze und die warmen Handschuhe für die Seele. Du brauchst sie, wenn du in den Winter hinausgehst, nur ein Dussel würde sie zu Hause liegen lassen und frierend durch die klirrende Kälte laufen.

Und so findest du uns in diesen Tagen doch etwas häufiger als sonst in der Küche beim Backen von irgendetwas Wärmenden, Wohlriechendem, auf dem Sofa mit zwei bis fünf Büchern und einer Kanne Tee, zerre ich unwillige Pflichterfüller von ihren Schreibtischen weg, damit wir die wenigen Sonnenstrahlen einfangen können, die sich den Weg durchs Wintergrau freigekämpft haben. Ein paar Eiszapfen bewundern, kalte Luft atmen. Nur kurz, nur kurz, die Vokabeln laufen nicht weg, versprochen, danach wird es besser gehen.

Ich wünsche uns mehr, von diesen winterstillen Momenten, nicht zwangsverordnet von irgendeinem fiesen Infekt, sondern bewusst gegönnt und geschenkt. Zum Ausruhen, zum Müde sein, zum Wachsen, für neue Anfänge und die Hoffnung auf einen neuen Frühling.

 

 

 

 

 

 

 

 

3 Gedanken zu “Winterstill

  1. Liebe Sandra! Ich bin irgendwie gleich auf der Seite des einen Herzens, das für die Stille schlägt, und kenne doch das andere, tonangebende, besser. Aber die Sehnsucht nach dieser Ruhe und dem Raumgeben für die Saat, die wachsen will, hast du in mir gerade wieder so wunderschön geweckt. Danke dafür! – Und sind da nicht, zwischen all den schönen Bildern, diese mittlerweile schon etwas berühmten Brötchen von Miri? Alles Liebe!

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  2. Ich liebe Deine Texte! Und genau so fühle ich mich auch jedes mal, wenn ich krank werde… ich hoffe, Du bist wieder ganz fit und kannst Dir trotzdem diese stillen Momente genießen! Die Hefebrötchen sehen ja absolut genial aus, hab sie sofort erkannt 😉 :-D. LG Miri

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