„Liebe Güte, schau dir das an, schau es dir an, du musst es dir anschauen!!!“ Anklagend halte ich dem verdatternden Gatten mein Handy unter die Nase. Es ist Samstagvormittag und der Mann sehnt sich nach seiner Zeitung. Er schaut es sich an und was sieht er? Mandalas. Keine gewöhnlichen Mandalas, nein, nein, Obstmandalas! Wunderschöne Frühstücksteller mit liebevoll drapierten und in ansprechende Muster gelegte Obststückchen. Auf dunklem Naturholz stehend natürlich, in warmes Licht getaucht, ein Becher Kaffee wie zufällig daneben, ein Schäumchen kräuselt karamellig obenauf. So frühstücken Familien am Samstagmorgen. Wir nicht. Auf unserem Esstisch herrscht ein kunterbuntes Durcheinander aus Tellern, Gläsern und Tassen, Wurstplatte und Käse. Irgendjemand hat Milch verschüttet und am Stuhl klebt noch ein Rest Weizensemmel mit Erdbeermarmelade. Der Gatte prustet los und fängt schallend an zu lachen. „Das will ich sehen, wie du für sieben Leute Obstmandalas schnitzt, vor allem wenn man bedenkt, dass fünf von ihnen gar kein Obst essen!“

Er kichert immer noch, als er das 800g Nutellaglas in den Schrank zurück wuchtet und versteht mal wieder überhaupt nicht, wo mein Problem liegt.  Nicht das wir uns hier missverstehen- ich habe gar kein Problem mit Menschen, die Freude daran haben Obstmandalas zu kreieren. Es stört mich auch nicht im geringsten, dass sie ihr Frühstücksidyll noch vor Verzehr auf ihren Instagramaccount packen (erstens zwingt mich ja keiner, mir das anzuschauen und zweitens fotografiere ich auch wahnsinnig gerne jedes selbstgebackene Brot, habe aber komischerweise nie eine Kamera zur Hand, wenn zum Abendessen Aufbackbrezeln vom Aldi aus dem Ofen kommen, oh und ich liebe es alle kleinen Bastel und Frischluftaktionen zu dokumentieren, aber daddelnd vor der Playstation- da behellige ich die lieben Kleinen nur äußerst ungern).

Das Problem liegt viel mehr darin, was diese Bilder mit mir machen. In mir schwappt unmittelbar ein Gefühl von Unzulänglichkeit nach Oben. Noch nicht mal so sehr, wegen meiner mangelnden Fähigkeiten, um die weiß ich und nehme sie mir eigentlich nicht krumm. Es ist das Gefühl, dass ich meinen Kindern irgendeinen essentiell wichtigen Teil zum Gelingen einer glücklichen Kindheit und damit auch zum Werden eines lebensfrohen Erwachsenen rauben würde. Ein grässliches Gefühl. Würde es mir nur gelingen Obstmandalas zu schaffen und ein Waldorftaugliches Wochenendprogramm nicht nur zu planen sondern auch noch in die Tat umzusetzen, ach dann wäre alles bestimmt viel friedvoller und harmonischer, Kindheitserinnerungen gestrickt aus warmen Erdfarben, dann hätte ich alles richtig gemacht. Oder? Andererseits bin ich am Wochenende immer wahnsinnig müde, müssen andere Kinder denn nie Vokabeln lernen und Mathe üben, warum essen die denn alle so schrecklich gerne Obst?!

Ich weiß noch, als alle Welt um mich herum plötzlich anfing, die Kinderkleidung selbst zunähen, aus ganz zauberhaften Stoffen und hinreißenden Applikationen, gerne personalisiert und mit viel Liebe und Aufwand gemacht. Ich kann gar nicht nähen. Echt, ich habe es umgehend versucht, ich wollte schon immer alles richtig machen, habe ein windschiefes Kinderöckchen fabriziert und nach drei Monaten die Maschine geschrotttet. Auch da war dieses Gefühl fast übermächtig, dass ich meinen Kindern ein gigantisches Stück liebevoller Kindheit vorenthalten würde, ein Mangel, denn ich nie wieder würde gut machen können.

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Aber ernsthaft, brauchen Kinder Obstmandalas und selbst genähte Kleidung um glückliche Kinder zu sein, um gut groß zu werden? Nein, brauchen sie nicht. Genauso wenig wie Skiurlaube und Kinderzimmer aus Schöner Wohnen, Bildschirme an den Rücksitzen der geräumigen Minivans, Fernreisen und Murmelbahnen, geschnitzt aus heimischen Hölzern. Wenn es zu dir und deiner Familie passt, wunderbar, aber lebensnotwendig ist wirklich nichts davon. Eine der meistgehörtesten Sätze seit ich Mutter von Fünfen bin, ist „Gaanz toll! Wunderbar! Hätte ich auch gerne, aber das kann sich ja heute keiner mehr leisten. Man muss den Kindern schließlich was bieten!“ Nein, muss man nicht. Es gibt tausend gute Gründe, warum man lieber nicht fünf Kinder haben sollte, der simpelste wäre zum Beispiel, dass eine so große Familie nicht zur eigenen Person und dem eigenen Lebensentwurf passt. Aber bieten musst du deinen Kindern nicht viel.

Liebe musst du ihnen bieten, im Übermaß, von Herzen kommend und mit offenen Armen. Sie brauchen authentische Eltern, die Dinge tun, weil sie zu ihnen passen, weil sie ihren Gaben entsprechen, weil sie ihnen Freude machen. Sie brauchen offene Ohren und jede Menge Respekt, jemand der sie wahrnimmt und sagt: „Wie gut, dass du da bist, was würden wir nur ohne dich machen, du Gottesgeschenk!“ Nichts davon kostet Geld, nichts davon kannst du im Laden kaufen oder bei Amazon bestellen. Es ist egal, wie du deine Liebe zum Ausdruck bringst, ob du mit Hingabe Kleidung nähst, Vollwertkost kochst oder eben mit Begeisterung Obstmandalas legst. Vielleicht tust du auch rein gar nichts davon und ihr habt euren ganz eigenen Weg, eure eigene Sprache, euren eigenen Code, einen den nur ihr versteht und das ist doch das Einzige, was wirklich zählt!

Wir dürfen einander lieben, miteinander leben, miteinander streiten auf unsere ganz eigene Weise, auf unserem eigenen Weg Familie zu sein. Es gibt keinen Maßnahmenkatalog, den du erfüllen musst, um eine glückliche Kindheitsgarantie für deine Liebsten zu bekommen. Wo offene Herzen sind, da ist kein Mangel, da wird jede Kindheit eine ganz eigene, einzigartige Geschichte.

Also mach dich locker Mama, du darfst du selbst sein! Und schau mal nach, ob da nicht noch ein paar Fischstäbchen im Tiefkühler sind…

 

 

7 Gedanken zu “Mandala

  1. „Kindheitserinnerungen gestrickt aus warmen Erdfarben“…diese Formulierung erinnert mich sehr an unser Bloggerwochenende. Liebe Sandra, einfach großartig wie und auch was du schreibst. Ich lese deine Beiträge immer wieder gerne. Zum Thema Obst: Doch meine 3 aßen und essen gerne Obst. Wann immer ich es schaffe schnibbel ich Äpfel (mit Schale wegen der Vitamine!), Mandarinen, Orangen oder auch mal eine saure Kiwi und drapiere alles eher zufällig in eine Schüssel. Mittlerweile brauche ich nur nur 3 Dessertschalen aus dem Schrank kramen. Zwei der Obstsalatfreunde sind ausgezogen und suchen sich ihre Vitamine (hoffentlich) selbst zusammen. Der mir anvertraute Gamer sowie Bastler im Haus nehmen ihre Vitaminbomben dankbar entgegen… Und ich, ich summe dabei das Lied der glücklichen Hausfrau… In diesem Sinne, sei gesegnet, Sandra aus dem Sommerzimmer

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  2. Yep, bei uns gabs heute auch Fischstäbchen. Was wir vergleichen ist unsere ganz normale alltägliche Mittelmäßigkeit mit einem künstlich kreierten Standard. Das muss man sich immer wieder klar machen. Und dann völlig entspannt mit seiner Mittelmäßigkeit, den Nutella-Glas, dem Vokabelpauken und dem selbstgebackenen Brot leben.

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  3. Du bist toll! Mir ging es heute auch so, als gleich zwei mir bekannte Familien in den Schneeurlaub aufbrachen…enthalte ich meinem Kind etwas vor, wenn wir die Winterferien einfach im Großstadtmatsch verbringen? Als ich sie dann die schier endlosen Taschen die Treppe runter schleppen sah, dachte ich: „Hach, was bin ich glücklich, dass ich nicht meinen haben Hausstand in eine zugige Ferienwohnung hieven muss, nur um nach ein paar Tagen endlich wieder dem komfortablen Zuhause entgegenzusehen.“ Zudem steht mein Spross erstaunlich wenig auf das kühle Weiß. Zum Frühstück gibt es übrigens Toast mit Marmelade.

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