Ich bin wieder unterwegs. Unterwegs auf dem Weg zu einer Erstkommunion, schon zum dritten Mal in meiner mütterlichen Laufbahn, dieses Mal besteht die Gruppe nicht nur aus meinem Jungen sondern noch auch sechs weiteren. Ein Umstand, der diesen Weg zu einem ziemlich interessanten Weg macht, lauter zumindest und herausfordernd.

In den letzten Stunden wurde die Horde unruhiger und aufgeweckter  Flöhe auf ihre erste Beichte vorbereitet, am letzten Samstag war es dann so weit. Zwei Tage zuvor stand der mir weltliebste Drittklässler mit etwas bedröppeltem Gesicht vor mir, in der Hand einen knittrigen Umschlag. Ich wusste schon, was sich im Umschlag verbarg, zumindest in groben Zügen. Im Umschlag lagen zehn Zettelchen, für jedes Gebot ein Zettel mit einer hübschen Anzahl Fragen. In einem ersten Durchgang hatte jedes Kind die Fragen für sich mit ja oder nein beantwortet. In einem zweiten Durchgang galt es sich selbst ehrlich zu fragen: „Kann das so bleiben, oder sollte ich das ändern?“. Was sich ändern sollte, wurde rot markiert. Der Umschlag sollte als Stütze mit zur Beichte gehen. Vor mir also mein zerknirschtes Kerlchen, das aufrichtig erschüttert meinte:“ Da sind schon ganz schön viel rote Striche!“

Er hatte die Fragen für sich ehrlich beantwortet, und nein natürlich weiß ich nicht, welche er und warum rot angemarkert hatte, das geht mich schließlich absolut gar nichts an, er hatte seine roten Striche gesetzt und der eigenen Begrenztheit, der eigenen Fehlerhaftigkeit tapfer ins Auge geschaut. Das haut einen ja auch erstmal von den Socken. Ich ging in die Knie, hielt mein Kind ganz fest und sagte: “ Natürlich sind da jetzt rote Striche. Alles andere wäre mehr als seltsam. Jeder Mensch, wenn er denn ehrlich ist, hätte jede Menge roter Striche zu setzen, ich auch. Weil wir nun mal Menschen sind und Menschen Fehler machen. Aber dass du sie dir jetzt ehrlich anschaust und sagst: „Ich will das ändern, es tut mir leid!“ ist einfach großartig. Und am Samstag sind die roten Striche weg. Gott schenkt dir einen neuen Anfang, immer wieder, wenn du es willst!“.

Beruhigt zog er von dannen mit seinem Umschlag, der das Zeugnis seines urmenschlichen Lebens enthielt. Und ich dachte an all die roten Striche in meinem Leben, an all die Fehler, die bewussten und unbewussten, an  harte Worte, Worte, die ungesagt blieben, oder vorschnell meinen Mund verließen, an harsche Urteile und die Grenzzäune meines Wesens, über die ich immer wieder stolpere. Schuld und Versagen. Rote Striche als Wegmarkierungen. Und wenn du erstmal vierzig bist, und nicht mehr acht Jahre alt, dann hat dich das Leben gelehrt, dass diese roten Striche nicht einfach verschwinden werden, sie fügen sich ein, in das Muster deines Lebens, gehören zum Farbspektrum dazu, eingewoben in deine Lebensgeschichte. Dann hast du verstanden, dass die Schuld manchmal zu dir kommt, obwohl du es gar nicht willst, dass sich manches verheddert, ohne böse Absicht und nur schwer zu entwirren ist, dass mancher Schaden irreparabel ist.

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Letzte Woche las ich einen sehr bewegenden Artikel von Sonja, in dem sie sehr offen von einer Vergangenheit voller Brüche und Grenzerfahrungen erzählt. Jede Menge roter Striche. Ich habe sie persönlich kennenlernen dürfen, diese große Frau mit ihrer warmen Stimme und ihren klugen Augen. Eine Persönlichkeit, die dich umhaut und die eine Lebenstiefe ausstrahlt, die gefangen nimmt. Langsam begreife ich warum. Zum Menschsein gehören rote Striche. Kleine feine, grobe, hässliche, selbst gemalte oder reingekritzelt. Sie prägen uns, sie formen Persönlichkeiten, sie gehören dazu. Siehst du ihnen ins Angesicht, dann verschwinden sie nicht. Packst du sie bei den Hörnern, lösen sie sich nicht einfach in Luft auf. Aber sie verlieren ihren Schrecken. Sie entscheiden nicht über dich. Sie sind nicht die Bestimmer deiner Lebensgeschichte. Wir dürfen immer wieder neu beginnen, immer wieder eine neue Farbe wählen. Rote Striche bleiben, aber sie müssen nicht die rausstechende Farbe, das entscheidende Muster sein. Sie prägen uns, aber Vergebung und Gnade prägen um vieles mehr. Liebe, Vergebung und Gnade dürfen wir uns schenken lassen, sie verwandeln das Bild deines Lebens in ein leuchtendes Gemälde, trotz und gerade wegen deiner roten Striche.

Der Samstagmorgen kam und mein aufgeregtes Trüppchen war ungewohnt still und verhalten. Und es geschah, was immer geschieht. Ein banges Kind mit Umschlag geht den Weg ins Beichtgespräch und kommt strahlend, ohne Umschlag wieder heraus. „Das hat sich echt cool angefühlt!“, sagte einer, von dem ich es am wenigsten erwartet hätte. Sie durften den Moment auskosten und ihr persönliches Bild von Umkehr und Neuanfang legen. Im Auto seufzte der mir weltliebste Drittklässler aus tiefster Seele: „Jetzt sind sie weg, die roten Striche!“ Doch ja, irgendwie schon. Sie stechen nicht mehr grell und zornig hervor. Gott schenkt dir einen neuen Anfang. Immer wieder, wenn du es willst. Liebe, Gnade, Vergebung darfst du dir schenken lassen. Und selber schenken. Immer und immer wieder. In der nächsten Stunde wird gefeiert, mit dem ganzen Flohzirkus.

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