Vor ein paar Wochen traf ich mit dem Gatten an unserem Esstisch zusammen, Sonntagnachmittag, draußen noch wenig frühlingshaft. Ziel der Zusammenkunft war das Abgleichen der anstehenden Termine für die nächsten Wochen (keine Sorge, eine halbe Stunde später trafen wir uns wieder ganz normal und wenig offiziell an eben diesem Esstisch, um einen Kaffee zu trinken und ein Schwätzchen zu halten). Die Erfahrungen der letzten Jahre haben uns, ansonsten eher improvisationsfreudigen Menschen, gelehrt, dass es vernünftiger ist, daraus eine halb offiziöse Veranstaltung zu machen. Ein im Vorrübergehen freundlich hingeworfenes „Ach übrigens am Dienstagabend bin ich unterwegs, am Mittwoch schaffe ich es nicht und am Donnerstag könnte es aus diesem und jenem Grund später werden“ kann im absoluten Chaos enden, denn man hört einander im Alltagsgewusel doch deutlich weniger zu, als im Allgemeinen wünschenswert wäre. Wir trugen Termine ein, seine Termine und meine Termine und die der Kinder, zumindest diejenigen, die sie nicht fußläufig oder aus eigener Kraft erreichen können würden und welche aus diesem Grund zwangsläufig auch zu unseren Terminen werden würden.

Eine Weile bestaunten wir die ausgefüllten Kalenderseiten und seufzten ehrfurchtsvoll:    „Ach, sieh an, echt viel los, so alles in allem…!“  Da fanden sich Unmengen an Abendterminen, Dienstreisen, Elternabenden, Einladungen, Veranstaltungen, Sitzungen und Wochenendereignissen und mir schwante schon an diesem frostigen Sonntagnachmittag, dass wir einander in den nächsten Wochen kaum sehen würden. Das ist beileibe nicht immer so, aber hin und wieder, vor allem im Frühling und rund um Weihnachten, geht wirklich die Post ab und kommen dann noch Ausnahmeereignisse hinzu, wie in unserem Falle die Feier einer Erstkommunion, dann bleibt kaum ein Quentchen unverplante Zeit übrig.

Mittlerweile sind aus frostigen Spätfebruartagen sonnige Apriltage geworden, das Terminkarussell hatte seine vorhersehbare Fahrt aufgenommen, drehte sich immer schneller und schneller und erst heute Morgen konnte ich darüber nachdenken, dass es vielleicht langsam etwas langsamer werden wird, mir ist schon ganz schwindelig im Kopf  und hin und wieder etwas wirr. Ein Zuviel von allem strengt mich immer wahnsinnig an, ich werde dünnhäutig und überreizt, meine Stirn legt sich allzu oft in unvorteilhafte Falten. Meterweise wurden schon Bücher und Blogs über Ruhezeiten, Selbstfürsorge und Balance, über Sonntagsruhe und Auszeiten geschrieben und die haben wohl auch alle Recht. Aber es ändert nichts an den Tatsachen, dass es eben hin und wieder turbulente Zeiten im Leben gibt, herausfordernd und vielleicht ein wenig überdreht, nichts, was man auf lange Dauer leben sollte, nicht, wenn einem langfristig etwas an der geistigen und seelischen Gesundheit der familieneigenen Köpfe und Herzen gelegen ist.

Was mir in solchen Wochen wirklich fehlt ist Schlaf (der verabschiedet sich leider immer dann, wenn ich ihn eigentlich am nötigsten bräuchte, launisch, wie eine alternde Diva) und mein Mann. Letzteres ist erstmal ja eine gute Nachricht. Es wäre doch höchst ärgerlich, wenn man auf solchen Durststrecken plötzlich feststellen würde, dass der andere einem gar nicht abgeht, dann hätte man wahrlich Grund zur Sorge. Wir fehlen einander und das weiß ich deshalb so genau, weil wir trotzdem immer und immer miteinander reden, wenn nicht anders möglich, dann eben am Telefon, mehrmals täglich, immer wieder. Wir hören, wie es läuft, wie es dem anderen geht, wo es zwickt und zwackt oder wo etwas einfach gut gelaufen ist. Wir sind beide äußerst gesprächige Menschen und das ist in solchen Wochen durchaus von Vorteil. Solange wir miteinander reden, aneinander Anteil nehmen und auch das Zuhören nicht vergessen, verlieren wir einander nicht aus dem Blick. Falls du mit weniger Sprechfreude ausgestattet bist, du oder dein Mann, dann hilft es vielleicht zu schreiben, what`s app oder Briefchen, Flaschenpost, wenn es nicht anders geht.

An vielen Abenden geben wir uns zur Zeit die Klinke in die Hand oder sehen uns erst sehr spät oder eben auch gar nicht. Mir helfen kleine Zeichen der Wertschätzung und des Wahrgenommen Werdens. Komme ich am Abend spät, dann wartet da immer eine Tasse Tee auf mich und sie ist dann so viel mehr, als nur ein Heißgetränk vor dem Schlafengehen. Ich für meinen Teil bin leidenschaftliche Kartenschreiberin und ein Kärtchen auf dem Kopfkissen ist fast schon ein Gute Nacht Küßchen.

Fast so wichtig, wie das Gespräch, auf welchen Wegen auch immer, ist das Akkzeptieren der Gegebenheiten und das Üben von Meckerverzicht. Das ist tatsächlich Übungssache, weil man vielleicht ein wenig gereizt und kurz mit den Nerven ist, in all dem Durcheinander. Übernimmt der Gatte den Wocheneinkauf, weil ich nun mal nicht da bin, dann fehlen drei bis fünf Sachen, die doch sonst selbstverständlich, weiß doch jeder, wie kann man nur…aber dafür sind die Glühbirnen ausgewechselt, die ich schon seit zwei Monaten vergesse. Wäre doch doof, die rare Zeit, die man gemeinsam hat, mit Nölen über Nichtigkeiten zu verbringen.

Keinesfalls sollte man an einem Sonntag voller Termine auch noch ein mittägliches Festmahl einplanen und sich damit komplett überfordern. Ich hielt das am vergangenen Samstag noch für eine ganz hervorragende Idee, nur um am Sonntag vor Erschöpfung ins Hähnchen zu heulen. Hätte es nicht gebraucht, hat keiner erwartet, außer mir, Nudeln hätten es auch getan. Platzt der Kalender aus allen Nähten, ist auf allen anderen Gebieten Einfachheit das Motto der Stunde. Das habe ich jetzt auch kapiert, wieder mal.

Es ist eine Durststrecke, wie sie das Leben manchmal mit sich bringt, die irgendwann ein Ende findet. Hinterher wird man feststellen: das haben wir ganz gut gemeistert, aber schön, das heute einfach nur Sonntag ist, ohne Termin, ohne Verpflichtung, ohne Rennen. Dann sitzen wir in der Abendsonne, trinken ein Glas und haben es fein, wieder mal.

 

9 Gedanken zu “Durststrecke

  1. Hallo liebe Sandra, was für ein schöner Artikel! Dürfte ich ihn auf meinem Blog expatehe.wordpress.com als Gastbeitrag verwenden oder darauf hinweisen und deinen Artikel verlinken?

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  2. So viele wunderschöne Bilder. Cool, dass du Prioritäten setzen konntest im Gewusel. Danke für die Inspiration, ich will es mir merken, vor allem dieser Meckerverzicht. Alles Liebe!

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  3. Hallo liebe Sandra,
    16.30 Uhr und ich sitz hier, müde, unkonzentriert, ich will die Küche putzen (die 3 Kinder sind hurra alle zum Sport gegangen) und hole mir Kraft und Erholung bei deinem Blog.
    Eine Oase für mich. So echt – das mit dem Hühnchen gesalzen mit Tränen kenn ich auch –
    danke für die ungeschönte Wahrheit. Jetzt kann ich mit dem Putzlappen tanzen!

    Birgit

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  4. Liebe Sandra, ach danke. Fünf Minuten Ruhe mit dir und einer Tasse Kaffee. Danke für deinen ehrlichen Post !!! Meckerverzicht auch hier. Schönen Tag dir, Gruß Abigail

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  5. Es ist wie du schreibst, 8 Monate weiter und das gleiche Karussell, nur etwas notgebremst von Fieber und Grippeviren bei nahezu allen Personen hier. Dein Text beschwingt trotz allem beim Lesen und den Meckerverzicht merke ich mir besonders 😊. Ganz liebe Grüße

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