Der Gatte hat mich verlassen und eines der Kinder mitgenommen. Die anderen vier hat er hier gelassen, ich muss mich also nicht einsam fühlen. Keine Sorge, höchstwahrscheinlich kehren die beiden Abgänger morgen Abend wohlbehalten wieder nach Hause zurück, hoffe ich auf jeden Fall. Bis dahin paddeln sie bei schönstem Sonnenschein irgendwo auf der bayrischen Altmühl, campieren im Zelt,  essen tellergroße Schnitzel und stricken, bitte schön, ein ordentliches Stück an einmaligen, unvergesslichen Vater-Sohn-Kindheitserinnerungsmomenten. Wir haben unserem Jungen diese Reise zur Erstkommunion geschenkt, eine Familientradition inzwischen, das Verschenken von Zeit, als das wertvollste, was wir verschenken können. Es scheint, als sei es eine gute Idee gewesen, auch wenn noch nie einer von uns gepaddelt ist und das Ganze somit etwas risikobehaftet war. Die wenigen Lebenszeichen zumindest hören sich rundherum fröhlich und gut an.

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In der Zwischenzeit ging ich ein äußerst unliebsames Projekt an und mistete heute früh die Kleiderschränke der Zwillinge aus. Ein wirklicher Nachteil am Kinder- Haben ist ja, dass sie permanent wachsen und beständig andere Kleidung in anderen Größen brauchen. Um diese neue, wenn auch häufig gebrauchte, Kleidung in die Schränke packen zu können, muss die alte, zu kleine Kleidung aussortiert werden. Und das finde ich wirklich ätzend. Anprobieren, überlegen, ob zu klein Gewordenes noch jemandem zuzumuten ist, Altkleiderstapel in Tüten verpacken, weinen, weil manche Teile schon seit 10 Jahren von Kind zu Kind…und nun endgültig fort…, dann wieder ordentlich einräumen. Mari Kondo hätte an mir keine Freude und ich an ihr ehrlich gesagt auch nicht. Zu viel Arbeit, zu viel Trennungsschmerz, zu viele „Weißt du nochs…“. Außerdem empfinde ich ein zu viel an Ordnung ja auch irgendwie irritierend, ich mag Kisten mit Erinnerungen, Regale voller Bücher und hier und da ein paar Rumsteherchen, Kinderkunst und viele Kissen. Kein Chaos, aber Gemütlichkeit, kein wirkliches Durcheinander, aber eben auch keine pedantische Systematik. Trotzdem führt am guten alten Ausmisten kein Weg vorbei, sonst kommen die wirklich wichtigen Dinge abhanden, entsteht eine ungesunde Enge und geht der Überblick verloren, das sehe ich natürlich ein. Bleibt also nur das Misten, ganz egal ob asiatisch angehaucht  oder ganz altmodisch mit Müllsack und Wäschekorb.

Ich fing mit dem Mädchenschrank an und während wir uns noch durch T-Shirts und Schlafanzughosen arbeiteten kam ihr Bruder und fragte: „Mama, wann mistest du endlich mich aus?“ „Gleich, mein Herz, gleich und nicht dich natürlich, nur deine Sachen, dich ausmisten, was für eine Idee….“

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Ich sortierte tapfer weiter, Strumpf um Strumpf und Hose um Hose, und dachte  darüber nach, wie nett es doch wäre, wenn jemand mal mich aussortieren würde, auch nicht in Gänze selbstverständlich. Mein Hirn hätte in diesen Tagen eine Aufräumaktion mehr als dringend nötig, eventuell würde ich sogar Mari Kondo hineinlassen. Dann könnte sie sich bei all den überflüssigen Gedanken und Gefühlen, die mir so den Kopf zustellen, dass ich schon gar nichts mehr zu finden vermag, ordentlich bedanken, und sie dann freundlich lächelnd entsorgen. Auf Wiedersehen Selbstzweifel, habt eine schöne Zeit! Nimm die Gedanken von Unzulänglichkeit und Versagen doch bitte gleich mit. Tschüss, all ihr losen Gedankenfetzen, die ihr so wahnsinnig gerne Karussell fahrt, besonders in der Nacht. Liebe Angst, Dankeschön für all deine Warnungen und Mahnungen, aber jetzt könntest du beruhigt nach Hause gehen und mir stattdessen unsere alte Freundin Zuversicht vorbeischicken, ich vermisse sie ein wenig.

Was bliebe wären allein eine überschaubare Anzahl  hübsch sortierter Kisten und Kistchen, sehr befreiend und erleichternd, ach es wäre zu nett. Aber klar, kaum braucht man mal eine asiatische Aufräumexpertin, ist sie natürlich nicht zur Hand. Hirnmisten ist auch deutlich anspruchsvoller als Schrankmisten, alte Hosen kehren nicht zurück, Gedanken schon. Ich will aber wieder Platz haben für die schönen Erinnerungen, für die guten Gedanken, die kreativen und herzlichen, nicht ständig in alten Zweifeln wühlen, nicht beständig alte Kreise drehen, alte Sorgen wälzen.

Nach einer Stunde weiterem Schrankmisten saßen wir auf dem Boden, inmitten abgetragener, zu klein gewordener Sachen, und hielten uns in den Armen, mein kleiner Junge und ich. Er weinte so herzzerreißend bitterlich um all diese Schätze, die einfach nicht mehr passen wollen. Das T-Shirt mit dem Dino und das mit dem Feuerwehrmann, der Schlafanzug mit den kleinen Autos und ach, dieses hier. Ich verstand seinen Schmerz so gut. Begreifen, dass man immer wieder loslassen muss, weil man das Wachsen und Werden nicht aufhalten kann und eigentlich ja auch nicht aufhalten will, ist niemals leicht, auch nicht, wenn du fünf Jahre alt bist. „Aber jetzt,“ sagte ich zu ihm, „Aber jetzt, ist Platz für etwas Neues.“ Wir packten den Kram zusammen, all die Hosen, Shirts und Abschiedsschmerzen, gingen erstmal ein Eis essen und warfen auf dem Weg einen großen Sack in den Altkleidercontainer.

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Vielleicht sollte man es beim Hirnmisten ähnlich machen. Sich jeden Gedanken anschauen, vielleicht ein wenig um ihn weinen und dann wegpacken, oder, besser noch, mit dem Nachtgebet gen Himmel schicken. Damit wieder Raum ist und Platz, für Neues. Und Erinnerungen schön zur Geltung kommen, solche, bei denen man auf der Altmühl paddelt, mit dem Papa, ganz alleine und tellergroße Schnitzel ist.

2 Gedanken zu “Weg damit, her damit

  1. Ja, genauso sollte man es beim Hirnmisten machen. Doch manchmal ist es einfacher all den alten Plunder im Schrank zu stapeln… aber dann ist kein Raum für Neues… das muss ich mir immer wieder sagen und Prioritäten setzen… Ich wünsche weiterhin gutes Ausmisten draussen und drinnen…
    Du erinnerst mich daran, dass ich auch mal wieder Kleider ausmisten müsste… Da sind noch keine passende Sommersachen im Schrank. Na gut, bisher brauchte man die auch noch nicht, aber der Sommer kommt bestimmt… Puuh… auch nicht meine Lieblingstätigkeit…;-)
    Sula

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