4.55 Uhr  Erstes Erwachen wegen grauenhaftem Blasendruck. Bin eingekeilt zwischen zwei schlafwarmen Wunderwerken. Meine Arme scheinen wegen des dauerhaften Überkopfstrecken aus Platzmangel abgestorben. Versuche Blasendruck zu ignorieren, da Flucht unmöglich.

5.20 Uhr Blase kurz vor der Explosion. Rutsche vorsichtig unter der Decke auf meinem Hintern Richtung Fußende. „Mama, wo gehst du hin??!!“. Mist.

6.03 Uhr Offizielles Weckerklingeln. Drei Kinder und die Katze sind schon lange wach.

6.05 Uhr Versuche Kind 1 zu wecken. Ernte unwilliges Grunzen. Erinnere daran, dass es eine Badehose anziehen muss. Ziehe mich an und versuche Blick in den Spiegel zu vermeiden.

6. 13 Uhr Versuche Kind 2 zu wecken. Stolpere über Badehose. Erinnere Kind 1 eindringlich daran, dass es die Badehose anziehen muss. Kind 1 zieht sich wieder aus.

6.20 Uhr Kind 3 sitzt bereits vollständig angezogen am Tisch und schlabbert zeitungslesend Cornflakes, keine Ahnung, wie er das fertigbringt. Rette Katze vor dem sicheren Hungerstod und rüste mich mit einem Kaffee.

6.31 Uhr Kind 1 sucht Schlüssel. Ich suche mit. Versuchen den letzten Tag zu rekonstruieren, wann war der Schlüssel wo? Gefunden. Erinnere an Schwimmtasche.

6.35 Uhr Kind 1 verlässt Haus mit Schwimmtasche und guten Segenswünschen für die Lateinarbeit. Gatte frühstückt in zweieinhalb Minuten und liest dabei Zeitung. Kind drei spielt Fußball. Zwillinge bauen einen Bauernhof.

6.38 Uhr Kind 2 stellt fest, dass es eine Trinkflasche braucht, während es schon den Fahrradhelm aufzieht. Ich sprudle Sprudel. Gatte und Kind verlassen das Haus mit guten Segenswünschen für die Mathearbeit.

6.40 Uhr Geschirrspüler ausräumen, Geschirrspüler einräumen Betten machen, lüften, Waschmaschine an, das eigene Gesicht renovieren

7.05 Uhr Entwirre Kleinmädchenhaar. Befürchte aufgrund des ausdauernden Schmerzensgeheul Aufstand der Nachbarschaft. Frimmle Brotdosen in Rucksäckchen.

7.15 Uhr Rufe zum Aufbruch. Kind 5 vermisst Schuhe. Wir suchen Schuhe. Überall. Im ganzen Haus. Vergesse kurzzeitig alle guten pädagogischen Vorsätze und halte einen langen Vortrag über den Wert von Schuhen und die Sinnhaftigkeit von Schuhschränken. Finde Schuhe im Garten.

7.25 Uhr Abfahrt zu Kindergarten und Schule

7.45 Uhr Ankunft Schule. Ich reihe mich brav ein. Heute sind Bundesjugendspiele und ich bekomme endlich die Gelegenheit eigene Schultraumata aufzuarbeiten.

8.00 Uhr bis 11.15 Uhr Stehe auf Sportplatz rum und notiere Weiten und Schnelligkeiten. Fühle mit jeder langsamen Schnecke und jedem Wurflegastheniker mit, das dicke kleine Mädchen in mir verdrückt ein paar Tränchen.

11.20 Uhr Besuche Supermarkt. Erwäge frühlingshafte Gemüsereispfanne mit gemischten Blattsalaten. Entscheide zugunsten von Käsespätzle und Gurkensalat. Investiere unser Vermögen in ein Schälchen Erdbeeren.

12.00 Uhr Sammle Kindergartenkinder ein

12. 10 Uhr Lasse mich auf Sessel nieder zur täglichen, ausführlichen Würdigung aller angefertigten Gemälde. Beim dritten Ohnezahn gehen mir die Adjektive aus. Fange an zu Kochen. Rette Katze vor sicherem Hungertod.

13.00 Uhr Kind 3 kehrt heim. Mittagessen.

13. 20 Uhr Endlich Kaffee. Rechne ein paar Matheaufgaben zur Entspannung mit. Kind 3 stellt fest, dass Mathearbeit schon diese Woche, also übermorgen geschrieben wird. Zwillinge lösen Bilderrätsel. Ich finde den Fehler nicht.

14.00 Uhr Kind 1 und Kind 2 kehren heim und brauchen dringend ein Ohr und viel Essen.

14.50 Uhr Gastkind trifft ein und verschwindet mit Kind 4 und 5 in den Tiefen unseres Hauses. Ich backe ein paar Kekse. In unserem Haus soll kein Gast hungern. Setze Brotteig an, um Abendessen zu sichern. Beseitige Küchenchaos.

15.10 Uhr Unterstütze Kind 2 bei den Recherchen zum Tier der Woche. Dieses Mal: die genetzte Ackerschnecke. Ekle mich vor dem Vieh und amüsiere mich wieder mal darüber, dass Schule ernsthaft davon ausgeht, das eine Zehnjährige handschriftlich und fehlerfrei eine Seite Fachwissen zu seltsamen Tieren aus dem Internet exzerpiert, ohne Hilfe aber dafür mit exakter Quellenangabe (Wikipedia ist nicht erlaubt…) und Bildnachweis.

16. 15 Uhr Überrede Kind 2, dass es Kind 3 mit dem Fahrrad zur Messdienerstunde begleitet. Schiebe Brot in den Ofen und sehe nach, ob Gastkind noch lebt.

17.05 Uhr Kind 1 stellt fest, dass seine Klasse morgen Kuchen für Afrika verkaufen will und er die Anlieferung von Muffins zugesichert hat. Ich weise ihn darauf hin, dass er dann wohl Muffins wird backen müssen. Kind ist willig, aber Ofen wegen Brot besetzt. Mist. Zeige mich erziehungstechnisch flexibel und biete an Muffins zu backen, wenn er dafür Kind 3 mit dem Fahrrad von der Messdienerstunde wieder abholt. Deal.

17.30 Uhr Gastkind wird abgeholt, will aber nicht gehen. Tumultartige Zustände. Überlasse Kind 5 und 6 dem digitalen Babysitter, nachdem sie ihr Zimmer aufgeräumt haben. Zweihundert Kapplasteine. Beginne Abendprogramm. Kind 2 wünscht Geld, um morgen Kuchen für Afrika kaufen zu könne („Du willst jetzt Geld, um morgen den Kuchen kaufen zu können, den ich gerade backe??!!“ „Ja, klar, ist ja für Afrika.“). Schulkram packen. Ich weise darauf hin, dass nasse Badesachen in der Tasche anfangen zu gammeln.

18.30 Uhr Der Gatte kehrt heim. Er verbringt Qualitytime mit Kind drei und spielt mit ihm eine Runde Landwirtschaftssimulator auf der PS4. Ich rette die Katze vor dem sicheren Hungerstod. Beseitige Küchenchaos.

19.00 Uhr Abendessen, Stimmengewirr, Geschichten und Debatten, Pausenbrote schmieren. Kind fünf kuschelt sich auf meinen Schoß und flüstert leise in mein Ohr „Mama, weißt du was? Ich habe vergessen, wo meine Schuhe sind…“ Schweig still, mein Herz, schweig still. Große Kinder beseitigen Küchenchaos.

19.30 Uhr Der Gatte bringt Kind 4 und Kind 5 zu Bett, ich höre seine Stimme vorlesen. Ich begleite Kind 3, lege mich zu ihm und lese „Ben und Lasse“ vor. Kind quiekt vor Lachen, mein Herz lächelt.

19.45 Uhr Sage meine Kleinen Gute Nacht. Durch die Dunkelheit flüstert eine Stimme: „Ich habe dich so lieb, Mama, dass es kein Anfang und kein Ende hat!“

20.00 Uhr Laufe mit dem Gatten eine schnelle Runde, man will sich schließlich mal unterhalten

20.40 Uhr Sage großen Kindern Gute Nacht, fordere Handy ein, lösche Licht. Falle erschöpft auf die Couch.

22.00 Uhr Decke Frühstückstisch, klaube im Bad nasse Badehose auf, suche mit dem Gatten ein paar Kinderschuhe. Überall. Im ganzen Haus. Kapituliere.

23. 10 Uhr Liege im Bett. Halbschlaf. Höre Füßchen auf der Treppe.

Nur ein Tag. Ohne Glanz und ohne Gloria, ohne Ruhm und Ehre. Kein roter Teppich,  keine heroischen Errungenschaften, gewöhnlich und unscheinbar, ohne große Bedeutung. Und doch gewoben aus allen Farben des Lebens. Versagen und Lachen, Scheitern und Lieben, Arbeiten und Dienen. Einzigartig und kostbar, wertvoll und von Gott gemacht.

Sieh ihn dir an, deinen Tag. Wahrscheinlich hast du großartiges geleistet, in all den tausend kleinen Schritten, die du heute gegangen bist, in jedem Faden, den du eingewoben hast, in dieses Geflecht, das dein Leben ist. Egal, wie schwer es dir gefallen sein mag, egal, wie oft du müde warst, egal, wie oft du gestrauchelt bist, auch ohne Ruhm und Ehre. Einer hat dich gesehen und ist Schritt für Schritt mitgegangen, sieht deinen Lebensteppich in all seiner einzigartigen Pracht.

 

 

 

8 Gedanken zu “Nur ein Tag

  1. Hallo,
    Bin Mama von vier …
    sehr tröstlich dein Tagesablauf. Ich fühl mich so umarmt von deinem Text, besonders: „fordere das Handy ein“ und „ im Halbschlaf… höre Füßchen auf der Treppe“. Da will man endlich u viel zu spät schlafen, da geht’s noch weiter. 🙂
    DANKE dass du es aufgeschrieben hast – für mich :-))
    Ich lese übrigens schon drei Jahre mit. Es ist mir eine Wohltat. 😉
    Liebe Grüße
    Christiane

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  2. So viele wunderschöne Minuten, die ich heute miterleben darf. Soviele Hinweise, Zuhörminuten, Umarmungen, Aufforderungen, die ich auch selber gebe – und bekomme. Danke für diesen wunderbaren Einblick in einen normalen, himmlischen All-Tag. So schön geschrieben, dass auch beim Tränchenverdrücken (Sportplatz) ein Lächeln über die Seele huscht.

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  3. Ach Gott haben wir jetzt gelacht. Unsere Tage sehen genauso aus, allerdings mit neun Kindern. Ich hatte letztens die Idee, einen Tag festzuhalten, aber ich musste kapitulieren. Es ist einfach nicht zu wollen, zwischen Stillbaby, zwei kleinen Kindern und dem Restgewusel. Dein Beitrag ist so wunderbar geschrieben und so treffend. Achja. Herrlich.

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