Vor zwei Wochen unternahmen die 7geisslein eine lehrreiche Familienexpedition nach Düsseldorf. Schon die Anreise ließ uns an Geist und Charakter reifen, ich möchte die Erfahrungen nicht missen. Wir lernten, dass ein einstündiger Stau mitten in einer Baustelle und 15 km vor dem Ziel die effektivste und schnellste Möglichkeit ist, mir jede Contenance zu rauben. Die Kombination aus „nicht entrinnen können“ und „wir werden definitiv zu spät kommen“ führte zu gewissen Missstimmungen meinerseits. Ich zeterte wie ein Rohrspatz, der Rest ging eine Runde auf der Autobahn spazieren. Wir lernten, dass man die richtige Autobahnausfahrt verpasst, wenn man sich zu Beginn der Baustelle versehentlich für die falsche Spur entschieden hatte. Es gab leider im vorhinein keine Entscheidungshilfen. Endlich wissen wir auch, dass es in Düsseldorf drei Düsseldorfer- Straßen gibt, sehr interessant, wir haben sie alle kennengelernt und erst die letzte war die richtige. Vor der Ankunft in der richtigen Straße verursachten wir beim Abbiegen noch einen ordentlichen Blechschaden -sowohl an unserem Auto als auch an einem weiteren. Der Düsseldorfer mit nun ramponierten Mercedes war sehr nett. Netter als ich- mein erster Gedanke war nämlich: „Gott sei Dank bin nicht ich gefahren!“ Ich sag ja, ich habe mich schlecht benommen. Und leiden konnte ich mich an diesem Morgen auch nicht.

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Als wir endlich da waren, waren wir zu spät für vieles, aber nicht für alles. In der Düsseldorfer Jugendherberge fand der jährliche Bundeskongress der Kinderreichen Familien statt und es gab noch genug Interessantes zu hören und zu entdecken, trotz der strapaziösen Anreise und trotz meines bockigen und nun auch müden Herzens. Denn müde, ein wenig überfordert und bockig, das war ich wohl an diesem Vormittag. Und dann sagte ein Vater, ein ganz normaler, kein Experte, wobei- er hatte viele Söhne und schon ein ordentliches Quentchen Erfahrung,  in einer Gesprächsrunde zum Thema Pubertät folgenden Satz:“ Das wichtigste ist, dass ich immer und immer wieder den Segen über meinem Kind ausspreche, ihm Gutes zusage, ihm mitteile, was ich an ihm schätze und mag- und wenn es noch so drunter und drüber geht!“ Wumms, das saß. Manchmal braucht es nur einen Satz und du fühlst dich wirklich klüger.

Ich nahm den Satz als Andenken mit nach Hause, mitten hinein in meine aufgebrachte Seele war er gefallen, und seit dem betrachte ich ihn immer wieder, von allen Seiten. Wir haben hier gar keine Pubertätskrise, nur normales Familiengedönse, aber der Satz gilt wohl immer- und für alle. Wie oft herze und drücke ich meine Kleinen, wie sehr feiern wir jeden Erfolg, jeden Fortschritt, vom ersten wackeligen Schritt über das erste Wort, erste krakelige Striche auf Papier und alle anderen ersten Male und auch die zweiten und dritten. Du hälst sie beim Vorlesen kuschelnah im Arm, streichelst ihre schlafwarmen Wangen, tröstet Wuttränen hinweg und hilfst aus der Bockigkeitsfalle behutsam hinaus und du sagst ihnen immer und immer wieder, wie sehr du sie liebst, wie wunderbar es ist, dass sie da sind, wie wertvoll wichtig sie sind und wie  traurig es doch auf der Welt zuginge, ohne sie. Sie sind ein Segen, diese Kinder, oh ja und sie müssen es wissen.

Doch unmerklich werden sie immer größer, deine Kleinen, Innen und Außen, werden selbständiger und eigenwilliger, dem Himmel sei Dank, sie übernehmen immer mehr Verantwortung für sich und ihr Leben und du überträgst ihnen mehr und mehr dieser Verantwortung. Und natürlich feierst du nicht mehr jede gelungene Schleife, jede Bastelei und jede aufgeräumte Schublade. Kaum ein Dreizehnjähriger möchte beständig geherzt und geknuddelt werden oder seine Wuttränchen abgetupft bekommen, er ist, verflixt noch eins, kein Baby mehr.

Kinder werden größer, Erwartungen werden größer, Meinungen werden größer und manchmal auch Konflikte. Alles gut, so muss es sein, wir kommen immer mehr auf Augenhöhe, ohne dass einer die Knie beugen muss. Und irgendwo auf diesem Weg geht sie häufig verloren, die Selbstverständlichkeit einander Segen zuzusprechen. Dem großen Kind, der Freundin, dem Freund, deinem Ehemann, deiner Ehefrau, als hätte diese Gabe in all der würdigen Selbstständigkeit, der Übernahme von Verantwortung und der Ernsthaftigkeit des Seins keinen Platz mehr. Dabei brauchen wir es doch so sehr, dass uns jemand den Segen zuspricht, uns Gutes sagt, uns vergegenwärtigt, wie geliebt, wie gewollt und wie wertvoll wir sind, ganz egal ob wir dreizehn, dreundvierzig oder dreinundneunzig Jahre sind. Vor allem, wenn wir zweifeln und verzweifeln, an uns, an den Menschen, am Weltenlauf. Wenn wir bockig sind und müde, uns schlecht benehmen und uns selbst nicht leiden können. Wenn wir nach dem richtigen Weg suchen und die Richtung doch nur ahnen, wenn wir an unsere Grenzen unsanft anstoßen. Wenn wir traurig sind und die Angst uns übermannt. Dann brauchen wir unbedingt jemanden, der uns Segen zuspricht und uns daran erinnert, wessen Kinder wir eigentlich sind. Ich glaube, es ist ein menschliches Grundbedürfnis, das sich nicht auswächst und es ist ein Segen, dass wir einander segnen dürfen.

Manchmal lohnt eine Reise nur für einen Satz, im rechten Moment gesprochen. Sei gesegnet, in diesen Tagen, was auch immer dein Herz bewegt. Wie schön, dass du da bist!

 

Nein, ich habe es selbstverständlich nicht vergessen! Eine unabhängige Expertenkomission hat mit Hilfe verklebter Schokoladenfingerchen ein Zettelchen gezogen…and the winner is….Johanna Gottschalk! Herzlichen Glückwunsch, liebe Johanna, und wenn du mir eine PN schickst, mit deinen Daten, dann schicke ich dir dein Buch. Danke allen, die mitgemacht haben und so wunderbare Kommentare hinterlassen haben.

5 Gedanken zu “Segen

  1. Liebe Sandra – ich kann dir sooo nachfühlen! So wie du auf der Hinfahrt, so fühle ich mich auch oft und lerne dabei ganz ähnliche Sachen… und diese unabhängige Expertenkommission mit ihren Fingerchen, das muss eine wunderbare Truppe sein. Danke, dass du genau diesen Satz von diesem weisen Vater mitgenommen und hier weitergegeben hast. Er ist mir tief ins Herz. Ja, unsere Grossen brauchen uns doch ganz besonders. Diese Erinnerung brauchte ich. Danke, danke, danke!!! Alles Liebe!

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  2. Liebe Sandra, eben habe ich in der aktuellen family next Ausgabe dein Bild angeschaut, deinen Text zu den kinderreichen Familien gelesen und mich sehr gefreut darüber und vor allem natürlich auch am Link auf unsere Schweizer IGFAMILIE3PLUS !
    Und nun bin ich hier bei den 7geisslein gelandet. Und das werde ich gerne wieder tun.
    Dürfen wir hin und wieder einen deiner Texte als « Sonntagstexte » bei uns auf Facebook verwenden? Mit dem Link auf den Blog selbstverständlich!
    Danke herzlich und liebe Grüsse aus der Schweiz
    Katharina Kaufmann
    kaufmanns@livenet.ch

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