Ferien sind ja etwas ganz Wunderbares und trotzdem fand ich es gestern auch ein winziges bisschen wunderbar, als ich nölige Schulkinder in die morgendliche Dämmerung hinausschob und Matschhosen für den Kindergarten suchte. Alltagsgewöhnlichkeiten können nämlich auch sehr erholsam und entspannend sein. Vor allem, wenn es dabei ganz still um mich herum ist. Vor allem wenn das Herbstlaub in allen Farben leuchtet und der Himmel ganz blau ist. Niemand musste in gruselige Regenfinsternis hinausgehen, obschon da wieder ein Kerzchen auf dem Frühstückstisch leuchtet, um den Morgen etwas freundlicher und heller zu machen. Es war ein guter Anfang für die nächsten langen, arbeitsreichen und nebeltrüben Wochen. Es waren gute Ferien.

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Eine Woche taten wir nahezu gar nichts, außer Schnupfennasen zu kurieren, zu lesen, alte Brettspiele rauszukramen. Kastanien wurden gesammelt und zu langen Ketten aufgezogen, nicht sehr kunstvoll, aber schön. Draußen spielen. Kekse backen. Hin und wieder ein Übernachtungskind, das Playmobilfort vom Gatten, sorgfältig verwahrt auf dem Speicher, kam zu neuen Ehren und eine neue Welt entstand. Das Alter der Figürchen minderte ihren Reiz nicht, wenigstens in der Spielzeugwelt kann das sehr gut funktionieren.Wir waren faul. Unaufgeregt. Und fast schon beunruhigend friedlich.

In der zweiten Woche wanderten wir durch die verregnete Eifel, bewaffnet mit Schirmen und Regenjacken, rundherum um alte Maare, durch den Wald und hinauf auf Burgen und Ruinen. Ich fragte den Gatten, ob unsere Kinder es wohl irgendwann übel nehmen würden, diese Art der Ferien, Jugendherberge und Eifel statt Clubhotel und Balearenstrand, Wälder und Burgen statt Citytrips und Vergnügungspark. Irgendwie  lächerlich old school. Der Gatte verneinte, was natürlich nicht wundert, ist er doch in dieser Hinsicht Überzeugungstäter, kaum etwas macht den Mann glücklicher als eine gut erhaltene Burgruine. Sind dann noch Familie und Fußwege dabei, ist er rundherum zufrieden. Ich brauche den herbstlichen Wald, weil es mich, der Liebe wegen, in eine baumfeindliche Gegend verschlagen hat und ich hin und wieder meine Sehnsucht stillen muss. Kein guter Gradmesser. Also wischte ich mir die Regentropfen aus den Augen und nahm die Brut selbst in Augenschein. Nein, keinerlei Zeichen von Unbehagen waren zu entdecken. Sie trollten durch die Wälder, lernten auf Eichelhülsen pfeifen, entdeckten Fliegenpilze, beschuldigten sich gegenseitig den Wolf vertrieben zu haben und wirkten eigentlich sehr zufrieden, egal ob fünf oder dreizehn Jahre alt. Es scheint nichts verkehrt zu sein, an old school, an Mühlespielen und hartgekochten Eiern, zumindest jetzt nicht, aber wer weiß…

Zu meinem vierzigsten Geburtstag nahm der Gatte sehr viel Mühe auf sich und schenkte mir eine Kamera. Kein Profigerät, aber eine ordentliche. Ich liebe dieses Ding. Weil es mir Freude macht. Weil ich weiß, unter welchen Umständen sie mir geschenkt wurde. Weil sie schöne Bilder macht, ganz unprofessionell und unbearbeitet. Dieses Jahr im Sommer trat der Gatte eine neue Arbeitsstelle an und damit zog dieser aufgeblasene, kleine Kasten bei uns ein, ein Ding, das irgendwie alles kann, ein Arbeitsgerät und ein Angeber gleichermaßen. Unser Teeniejunge zog empört die Augenbrauen hoch. Ausgerechnet sein Vater, der würde das Teil doch gar nicht zu schätzen wissen. Im Urlaub stellte ich entsetzt fest, das Teil kann auch Photos. Und die können dann gleich gedreht, gewendet, aufgehübscht und bei Bedarf auch noch mit Musik unterlegt werden.

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Urplötzlich war mein Klotz von Kamera überflüssig geworden. Viel zu schwer und unhandlich auf Wanderungen an der Steilküste. Keine Faltenretousche. Und keine musikunterlegten Tagesrückblicke. Ausgebootet von diesem kleinen Mistding war sie von einem Moment auf den anderen oll geworden und, obwohl wirklich tieftraurig über diesen radikalen Wertverlust, ließ ich sie immer öfter daheim. Und dachte darüber nach, dass kein Mensch mehr weiß, wie der andere aussieht, wenn er nicht leibhaftig vor einem steht. Ich zumindest war auf Fotos plötzlich zehn Jahre jünger und je nach Drehwinkelarmstreckung auch zehn Kilo leichter. Trotzdem kam ich mir alt vor. Instagram in Kombination mit I Phone ist, als würden ich und mein altes Smartphone versuchen auf der Autobahn spazierenzugehen, echt anstrengend. Kein Wunder wird das nichts mit mir und den social medias.

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Wieder zu Hause stellte sich heraus, dass das kleine Mistding viel heiße Luft produziert hatte. Was auf dem kleinen Bildschirm bombastisch wirkte, war auf dem Computer plötzlich verpixelt und für ein Fotobuch ungeeignet. Heroisch verkniff ich mir jedes „hähähä“ und holte statt dessen meine alte Speicherkarte, die ja jetzt auch schon old school ist.

Smartphones sind super, denn sie erleichtern das Leben ungemein. Instagram kann Spaß machen und bereichernd sein, solange du nicht vergisst, dass das echte Leben nicht immer in warme Beigetöne getaucht ist. Citytrips und Strandurlaub sind tolle Ferienziele, dann und wann, für den, der mag. Aber old school ist auch okay. Oft auch entspannter, echter, langsamer. Und das kann sehr befreiend sein. Wir müssen nicht alles direkt über Bord werfen, nur weil es neuere Modelle gibt, im Alten liegt viel Segen, Nachaltigkeit hat mannigfaltige Gesichter und alles hat seinen eigenen Charme.

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Also wanderten wir weiter durch tropfnasse Eifelwälder, picknickten mit Käsebrötchen und hatten eine gute Zeit. Weil wir draußen waren, weil wir zusammen waren, weil wir Zeit füreinander hatten. Das ist es, was zählt. Ich denke nicht, dass das irgendwann aus der Mode kommt.

Und falls dir die ein oder andere Frage in den Sinn kommt- die Jugendherberge war definitiv zu old und hatte defintiv zuviel school (drei Bonner Schulklassen der Jahrgangsstufe 7 sind nicht unbedingt Erholungsgaranten). Never again. Aber wenigsten hatte das Haus w-lan und es blieb zwischen all dem Wandern und Mühlespielen genug Zeit zum daddeln. Wir sind ja nicht von vorgestern….

 

 

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