Draußen trübt der Herbst vor sich hin, an diesem Dienstagmorgen, viel zu warm und Fruchtfliegengeschwängert. Eigentlich, so dachte ich, wäre heute der Termin bei der Schulärztin, um zwei aufgeregte Vorschulkinder auf ihre körperliche und geistige Verfassung zu untersuchen. Hören, Augenlicht, auf einem Bein hüpfen und Hütchen ohne Finger zählen, so ein Kram halt. Der Termin ist nicht heute, ich hatte mich im Datum geirrt- schon wieder. Gott sei Dank ist mir der Irrtum gestern Abend schon aufgefallen, aber irgendwie trotzdem Mist, weil ich jetzt einen eigenen Donnerstagstermin vertagen muss. Warum kann ich mir Termine so schlecht behalten und warum trage ich sie im Kalender auf der falschen Seite ein?! Mist!

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In den letzten Tagen stolpere ich ständig über solche kleinen Misthaufen, keine großen, gewaltigen Stinkberge, nein kleine Häufchen, gerade so groß, dass sie dir am Schuh kleben bleiben.

Ich lese zwei Blogbeiträge, hervorragend geschrieben und inhaltlich bereichernd, nur dummerweise nicht von mir. Ich versuche das unangenehme Gefühl wegzuschieben, dass es die anderen eben besser können, mehr zu sagen haben, die richtigen Worte finden, den Tanz auf dem Parkett mühelos beherrschen, während ich nur vor mich hin stolpere und versuche, wenigstens keinem auf die Füße zu treten. Mist.

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Eine Mutter erzählt mir an der Haustüre von ihrer Sorge um ihr sorgenfreies Kind. Es ist einfach ein Selbstläufer, muss für die Schule rein gar nichts tun, eine Faulbacke, die trotzdem pünktlich und zuverlässig Einsen liefert, sportlich und sozial obendrein, ob das alles so seine Richtigkeit hat? In meinem Herzen ist wenig Liebe, als ich sie in ihrer Sorge beruhige. Was für ein Mist!P1120083

Aber gesünder leben will ich dieser Tage auf jeden Fall, mal ehrlich, das kann doch nicht so schwer sein, ich bin ja schließlich ein erwachsener Mensch und kein willenloses Wesen. Disziplin ist aller Fortschritt Anfang. Keine Süßigkeiten bis Weihnachten wäre ein guter Beginn, viel mehr braucht es nicht, Gemüse esse ich genug und Haferflocken, jeden Morgen. Mein Vorhaben scheitert direkt nach dem Mittagessen an einem Balisto. Ach, wirklich, Mist!

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Der Kindergarten fordert Matschhosen, wenn ich doch nur wüsste, irgendwo müssen die doch…warum haben wir keine beschrifteten, nach Größen sortierten, transparente und stapelbare Plastikboxen? Warum wühle ich im Kabuff des Grauens, zwischen Isomatten, Schlafsäcken und Gummistiefeln, zwischen Sandspielzeug und viel zu kleinen Inlinern nur um dann Matschhosen zu finden, die meine Kinder verabscheuen und die nie richtig passen? Warum liebe ich Ordnung, aber Ordnung machen so wenig? Mist, Mist, Mist!

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Ich nehme verkorkste Klassenarbeiten entgegen, unterschreibe seufzend und frage mich, warum bei uns eigentlich keiner ein Selbstläufer ist, unkomplizierte Gernelerner, reibungslos und ohne Trara, wo soll das nur hinführen? Mpf, diese Arbeit war Mist.

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Ein Flasche Tomatensauce fällt aus dem Kühlschrank und zerschellt auf dem schwarzen Schieferboden. Zumindest wird mir nicht langweilig. Mist. Außerdem vergesse ich Zahnpasta zu kaufen und werde geblitzt, mistige Wegelagerei, ich war echt dieses Mal kaum spürbar zu schnell. Doppelmist.

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Ich lese kluge Sätze über die Auswirkungen harter Worte auf Kinderherzen, sie fallen mir direkt in die Seele. Noch am selben Abend finde ich selbst harte Worte, genervt und gereizt, im Wörter finden bin ich eindeutig besser als im Finden von Matschhosen. Mist. Ich gehe mich entschuldigen.

Alles Kleinvieh, alles normaler Alltagsmurks, aber Kleinvieh macht eben, ganz genau, auch Mist. Irgendwann kriecht es dann hoch und immer höher, das Gefühl von Unzulänglichkeit und Versagen. Was stimmt nur nicht mit uns? Aus all dem Kleinmist ist ein riesiger Misthaufen geworden und er stinkt. Jeder normale Mensch bekommt es besser hin, hat sich besser im Griff und den ganzen Kram, der dazugehört, auch. Mehr Begabung, mehr Talent, mehr Herz, mehr Ordnung. Der Misthaufen türmt sich auf, ich stehe erstarrt davor, gelähmt von allem, was ich nicht bin, was ich nicht kann, was ich nicht auf die Reihe bekomme.

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Kennst du? Das Misthaufengefühl? Wenn nicht, dann behalte es bitte für dich, du Glückliche, du willst ja nicht bei anderen noch eine Schippe drauflegen! Und wenn du es kennt, so wie ich, dann tritt einen Schritt zurück. Moment mal! Klar liegt hier viel Mist rum. Jede Menge Unzulänglichkeit und menschliches Versagen. Aber sieh nur! Dazwischen blühen die herrlichsten Blumen!

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Den aller größten Teil meiner Termine habe ich nämlich nicht vergessen. Und meistens war ich sehr freundlich. Ich weiß, es gibt Menschen, denen mein Geschreibsel etwas bedeutet. Es hat auch Vorteile, sich nicht um sorgenfreie Kinder sorgen zu müssen, ich erschrecke mich immerhin nicht mehr so leicht….Ich mag manchmal harte Worte finden, aber viel häufiger finde ich die richtigen, die, aus denen meine Liebe spricht, und meine Fürsorge. Ich bin der Mutter an meiner Haustüre nicht ins Gesicht gesprungen- immerhin, Contenance ist auch eine Gabe.

Ich darf unperfekt sein, und meine Kinder auch, denn mein Gott ist gnädig. Ich muss nicht vergleichen, denn wir sind alle Unikate und es nützt ja auch niemandem. Es blüht so viel Gutes, Schönes und Wunderbares in unserem Lebensgarten, trotz oder vielleicht gerade wegen all der kleinen Misthaufen. Die liegen übrigens in jedem Leben rum, auch wenn es nicht immer so aussieht, man vergisst es hin und wieder. Lass nicht zu, dass sie sie sich auftürmen und dir die Lebensluft nehmen. Sieh nur hin, was da alles an Gutem wächst! Über kleine Häufchen kann man übrigens beherzt drüber steigen, und sich ein Gänseblümchen pflücken, oder eine hübsche kleine Herbstaster, wer weiß?

 

12 Gedanken zu “Misthaufen

  1. Achje, Du Arme. Ich hasse solche Tage und kenne sie zu genüge. Das Kabuff des Grauens wartet auch noch auf mich. Ich muss endlich die Winterjacken sortieren, habe heute aber lieber Zimtschnecken gebacken und getrödelt, als dorthin zu verschwinden.

    Ich finde es schlimm von uns, das wir uns immer so aburteilen und immer so schnell das Gefühl haben, nichts wert zu sein oder nichts richtig zu schaffen oder überall ist es besser. Leider tappe ich auch regelmäßig in diese drisselige Falle. Leider, leider. Viel lieber würde ich leicht und im Reinen mit mir durch den Alltag schweben. Gelingt nur leider nicht immer.

    Ich lese dich sehr gerne und ich freue mich, dich auch mal kurz gesehen zu haben auf dem Kongress.

    Viele Grüße
    Andrea – die Großfamilienmama

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  2. Es war wieder so herzerwärmend, deine Worte zu lesen. Nächstes Mal gehe ich hoffetnlich mit einem Lächeln ins Kabuff des Grauens… And by the way: Diese dämlichen transparenten Stapelboxen werden völlig überbewertet. Neulich wollte ich tatsächlich welche kaufen und habe doch glatt die Parkuhr falsch eingestellt für die Parkzeit dort. In meinem Auto muss man nämlich immer -40 Minuten rechnen, damit man auf die richtige Uhrzeit kommt…30 Euro – Mist! Ich hab erstmal die Nase voll von Stapelboxen… Umarmende Grüße, Martha

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  3. Du Liebe! Ich gehöre zwar zur Transparent-Box-Fraktion, aber auch da sammeln sich auf wundersame immer wieder Haufen davor an… und diese Gefühle und Situationen kenne ich alle nur allzugut. Danke, dass du sie mit uns teilst! Man wird sonst noch halb verrückt von den vielen (endlich thematisierten) perfekten Insta-Moms und Konsorten… da tut dein Beitrag einfach nur gut, weil es praktisch allen so geht… Herzliche Grüsse!

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  4. Also ich weiß ja nicht, welche Blogs Du liest, um zu diesem Schluss zu kommen, denn ich finde wirklich, dass Du sehr ansprechend und vor allem so offen und ehrlich schreibst. Ich mag Deinen Schreibstil total, und es fasziniert mich, wie Du es immer wieder schaffst, Alltägliches so schön in Worte zu packen und nebenbei auch noch ganz sanft gute Impulse einzuweben. Das ist eine echte Kunst und man findet dies nicht auf vielen Blogs 🙂 Ich lese auf jeden Fall sehr gerne hier und bedaure nebenbei zugleich ein wenig, dass mir im vollen Alltag leider viel zu oft die Zeit zum Schreiben fehlt.

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  5. Liebe Sandra,
    danke für diese herzerfrischende Ehrlichkeit! Genau den gleichen Misthaufen bin ich in meinem Leben auch schon oft genug begegnet (lustig, ich war bis jetzt ganz sicher, dass ich bestimmt die einzige Person auf der Welt bin, die es überhaupt schafft, Termine zu verwechseln- ich stand schon oft ganz belämmert am Tresen von Arztpraxen und wurde wieder weggeschickt: falscher Tag oder falsche Uhrzeit:-). Dank Deiner anschaulichen Worte kann ich jetzt darüber schmunzeln und fühle mich auch schon wieder ein klein wenig „duftiger“…
    Liebe Grüße, Barbara

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  6. Der Gang ins Kabuff des Grauens steht mir auch noch bevor 😄. Statt transparenter Stapelboxen finden sich da Haufen von kaputten, dreimal anders beschrifteten Pappkisten und Klamottenberge aus fünf Größen gemischt vom letzten Jahr: da hatte ich schon mal vor, System reinzubringen… Mist. Aber System für die Alltagslogistik und anderer Mist waren erstmal wichtiger😊.

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  7. Also, ich liebe deinen Blog so, so herzerfrischend ehrlich, direkt vom Alltagsleben! Und ja solche Mistttage kenne ich zuhauf, bei mir sind es im Moment eher Kläranlagentage, du siehst, es geht noch schlimmer. Nach der 35. Jobabsage, einem Mann mit Darmkrebs und einem Asperger-Jungen sind im Moment viele solcher Tage zu zählen.
    Aber ich versuche immer wieder, gnädig zu mir zu sein. Mich eben nicht so zu verurteilen und versuche das Gute zu sehen, denn es gibt das Gute, schöne, das, was rund läuft. Es ist alles eine Frage des Fokus.
    Auf mehr duftende, dankbare Tage und weniger Kläranlagentage!
    Liebe Grüsse aus der Schweiz

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