Erst wars ein Klirren, ganz leise nur, von oben. Dann folgte ein schriller Schrei, nicht mehr leise und keinesfalls mehr zu überhören. Der Schrei brachte Schluchzen mit, von der herzzerreißenden Sorte, die Sorte von Schluchzen, bei der du alles stehen und liegen lässt, um schnell die Treppe hoch zu stolpern in der Hoffnung, dass da kein Blut ist. Die Bescherung lag im Kinderzimmer, verteilt auf Schreibtisch und Boden, milchig trübe Brühe, ein paar Glitzerkristalle, ein Häufchen Scherben, dazwischen ein aufgelöstes kleines Mädchen und ein ramponierter Engel auf einem Gummiponökel. Kein Blut. Uff.

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Aber dafür das heulende Elend. Die Schneekugel hatte es erwischt, die, die der Nikolaus letztes Jahr neben das feingeputzte Stiefelchen gestellt hatte, mit einem Engelchen in der Schneewolke, zauberhaft und vielgeliebt. Jetzt war nicht nur die Schneekugel dahin, nein auch alles Zauberhafte, denn zerbrochene Schneekugeln sind ganz fürchterlich trostlos und sie riechen auch  nicht gut.  Weißt du, was mein allererster Impuls war, als ich mein weinendes kleines Mädchen auf dem Boden sitzen sah, mit all den Tränen, dem ganzen Rotz und der Trauer im Gesicht? Ich dachte:“ Ist nicht so schlimm, ich kaufe dir eine neue, drei Euro hat das Ding nur gekostet, im Drogeriemarkt des Vertrauens, ich kaufe ganz schnell eine und dann ist alles wieder gut, der Schmerz vorbei, die Welt wieder heile!“ Ja, wirklich, solch alberne Gedanken habe ich manchmal in meinem Kopf, als könnte ich eine Schneekugel vom Nikolaus ersetzen, nur weil ich das Leid meines Kindes kaum ertrage.

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Das Schwierigste  am Eltern sein ist der Kummer, der deinen Kindern im Laufe ihres Lebens widerfährt. Er schneidet dir selbst ins Herz und immer, immer, will ich, dass alles wieder gut ist, dass alles heil ist, glücklich und zufrieden, ich möchte unbedingt, sofort etwas tun, eine Lösung finden, eine gute Antwort, einen Ausweg aus der Misere, denn ich will mein geliebtes Kind nicht leiden sehen. Dabei ist gar nicht so wichtig, ob dieser Kummer, objektiv betrachtet und und aufs ganze Leben hin,  irgendeine Relevanz hat. Kummer ist Kummer und Schmerz ist Schmerz. Ohrenschmerzen und Fieberträume, die sechs in Mathe, der Streit mit dem Freund, der unauffindbare Teddy, das zerrissene Bild, das verlorene Spiel, die Niederlage, das Scheitern, das Fallen, die Ungerechtigkeit einer Lehrerin, die zerbrochene Schneekugel vom Nikolaus. Mein erster Impuls ist immer, einen Ausweg zu finden, hektisch flattern meine Gedanken auf der Suche nach dem Heilmittel aus der Not, es muss doch eines geben, das Elend wird ein Ende haben und die Tränen aufhören zu fließen.

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Weißt du was? Das ist ganz großer Unsinn. Verständlich zwar, ich habe da sehr viel Mitgefühl mit mir, aber trotzdem Unsinn. Leben lernen bedeutet auch, Kummer lernen, Trauer lernen, Versagen lernen, Schmerz ertragen und überwinden, selber eine Lösung finden, einen Ausweg suchen, die Dunkelheit zu spüren, die das Leben nun mal mit sich bringt. Kinder haben ein Recht auf Kummer, damit sie daran wachsen, ihre eigenen Lehren ziehen und ihre eigenen Heilungswege finden können. Ich darf ihnen das nicht nehmen, sie freikaufen, den Streit für sie schlichten, alle Stolpersteine aus dem Weg räumen, alles Pieksige entfernen. Leben in Fülle bedeutet eben auch hell und dunkel, Freude und Leid, Harmonie und Auseinandersetzung, stark und schwach sein, Lachen und Weinen. Und wer will seinem Kind schon die Fülle des Lebens versagen? Eben.

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Unsere Aufgabe ist es nicht, ein Leben ohne Leiden zu ermöglichen. Aber es ist sehr wohl unsere Aufgabe durch das Leid hindurch zu begleiten, den Kummer mit auszuhalten, mit offenen Armen, offenen Herzen und offenen Ohren. „Du bist nicht allein mein Kind, ich bin bei dir und du wirst das schaffen, ganz sicher. Ich gehe an deiner Seite und wenn du magst, dann halte ich deine Hand!“ Als Gotteskinder flüstert uns das der himmlische Vater ins Ohr. Als Menschenkinder dürfen wir es unseren Liebsten mitgeben.

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Und so saß ich in mitten einer stinkigen Pfütze aus milchiger Schneekugelbrühe, mit Scherben bei den Füßen, etwas Glitzer an den Händen und hielt meinen weinenden Engel im Arm. Ich sang ihr das alte Lied vom „Heile, heile Gänsje“ ins Ohr, „es is ball widder gut, heile heile Mausespeck, in hunnert Jahrn is alles weg…“ Wir trauerten ums Engelchen und wischten dann die Scherben weg.

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Der November steht vor der Tür, er klopft und will rein. Er hat es schon dem Himmel erzählt, der umgehend und pflichtschuldig ergraut ist, der Dunkelheit, die sich extra beeilt, um jeden Tag früh bei uns zu sein und dem Nieselregen, der schon anfängt leise die Begleitmusik zu trommeln. Sperr ihn nicht aus, den November. Er gehört zum Leben in Fülle, genau wie der Kummer der Kinder, das Leid und die Not und das Sterben. Kleister ihn nicht zu, seine Sperrigkeit, seine Trauer um vergangene Tage und um die, die nicht mehr bei uns sind, mit Weihnachtsdeko und Süßlichkeit. Lass ihn herein, der Advent mag noch warten, und bitte ihn Platz zu nehmen, für ein Weilchen nur. Daniela von Eltern sein-Familie leben hat einen ganz wunderbaren Ausdruck dafür gefunden: „Bewusst novembern“. Auf ihrem Blog findest du tolle Artikel zu diesem Thema, oder du novemberst gemeinsam mit ihr auf Instagram (elternseinfamilieleben).

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Wenn du ihn hereingebeten hast, dann zünde ein Kerzchen an, sag ihm ruhig, dass er nicht bis Weihnachten bleiben kann, er soll es sich nur nicht zu gemütlich machen, und dann verbringe bewusst Zeit mit ihm. Wir können die graue Tage nicht aus dem Leben verbannen, so sehr wir uns auch bemühen, nicht aus unserem und auch nicht aus dem unserer Kinder.

 

2 Gedanken zu “Heile heile Gänsje

  1. Und wieder mal sitze ich mit Tränen in den Augen hier. Die Worte, die du gewählt hast, sind ganz tief gegangen. Ich trauere dem Sommer so nach, möchte nicht die Kälte und das Grau des Novembers spüren und fühlen, sondern direkt zur rot-goldenen Weihnacht übergehen. Aber es geht nicht, den November brauchts, auch wenn ich das nicht will.
    Dieses Jahr ist es besonders schlimm, ich, die die kuschelige Herbstzeit so geliebt hat, aber jetzt tu ich mir schwer mit Abschied nehmen, innen wie aussen.
    Sei ganz herzlich gedrückt und danke!

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