Da ist er also, der November und ich finde, er macht seine Sache bis hierher sehr ordentlich. Draußen trübt und regnet es vor sich hin, das goldene Oktoberlaub verwandelt sich immer mehr in graubraune Matsche und die Nebelschwaden hängen so tief, wie man es sich schöner nicht wünschen könnte. Es sind die dunkelsten Wochen des Jahres, die nun angebrochen sind und bis der Nebel sich verzogen und wenn die Sonne sich durch den wolkenverhangenen Himmel gekämpft hat, nickt sie uns kurz und etwas müde zu und macht sie sich schon wieder auf dem Heimweg. Novembertage.

Novembertage, wie im Bilderbuch und wie ich sie so sehr liebe und brauche, denn es sind in besonderer Weise stille Tage, Tage, die dich einladen nach Innen zu schauen, weil das Außen nicht länger laut und drängend ruft, verblasst sind die leuchtenden Farben und verhallt das bunte Gewirr der Stimmen.

Ich zelebriere sie in diesem Jahr mit einem gehörigen Mutanfall. Anders lässt es sich beim besten Willen nicht erklären, dass ich am Wochenende zu einer mir völlig fremden Frau mit Namen Eveline ins Auto gestiegen bin, um mit ihr bis nach Köln zu reisen. Ich ließ mich ein auf ein Wochenende mit vielen Unbekannten ein, unbekannte Frauen, unbekannte Umgebung, unbekannte Lieder, Geschichten und Traditionen und ich kam reich beschenkt zurück. Im November kannst du üben mutig zu sein, denn es erfordert nun mal Mut, um der Dunkelheit drinnen und draußen zu trotzen und deine Ängste nicht gewinnen zu lassen. Aber wenn du mutig bist, dann kann sich das wirklich lohnen und ich bin immer wieder fassungslos, was für großartige Menschen durch diese Welt spazieren.

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Im November suche ich mir Gefährtinnen und merke mehr denn je, wie wichtig es ist, nicht alleine durchs Leben zu spazieren. Du brauchst Gleichgesinnte an deiner Seite, Menschen die mit dir gehen und dich ermutigen, die dich wohlwollend sehen und auch deine Schwäche gerne annehmen. Du brauchst sie, in den dunklen Wochen des Jahres und des Lebens merkst du es besonders, aber eigentlich brauchst du sie als treue Begleiter auf all deinen Wegen. Und sie brauchen dich, auf dich haben sie gewartet! Mein Kölner Wochenende stand unter diesem Thema, manchmal vergisst man, wie wichtig es ist und kämpft ganz allein mit verbissenem Gesicht und manchmal braucht die Suche nach Gefährtinnen auch ganz schön viel Mut, womit wir wieder beim Anfang wären…Suche dir Gefährtinnen und wenn du sie schon hast, dann feiere das, schick ihnen eine Karte oder rufe mal an.

Im November bekomme ich seit einigen Jahren Besuch von alten Erinnerungen an vergangene Zeiten, an Stunden voll Angst und Sorge, an Verlust und manche Einsamkeit und Überforderung. Lange habe ich mich dagegen gewehrt, denn Vergangenes ist vergangen, Geschehenes geschehen, vergeben und vergessen, den Menschen, dem Leben und Gott selbst. Ein Haken setzen, Schwamm drüber und beherzt weitermachen, so habe ich es immer gehalten. Es war ein schmerzhafter Lernprozess, dass das so nicht funktioniert. Vergangenes ist nicht vergangen, niemals, es ist eingewoben in die Geschichte deines Lebens, in das Muster deiner Seele und Bestandteil des Gesamtkunstwerkes, das dein Leben ist, es gehört zu dir. Ich darf mich erinnern und traurig sein, ich darf ein wenig weinen und mich immer wieder entschließen zu vergeben, den Menschen, dem Leben und Gott selbst. Und dann lasse ich sie ziehen, meine Erinnerungen, mit einem leisen Lächeln, denn sie werden wieder kommen.

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Im November freue ich mich auf St Martin, auf Laternenlicht und Weckmänner. Ich werde nicht müde meinen Kindern von Martin zu erzählen und zu singen, diese uralte Geschichte vom Teilen und Anteilnehmen. Übrigens musste auch Martin erstmal seinen ganzen Mut zusammennehmen, wieviel lieber wäre er in der schützenden Dunkelheit eines Gänsestalls geblieben, als dem Ruf zum Bischofsamt zu folgen. Ich schätze, er hatte eine große Portion Gottvertrauen und treue Gefährten…Die großen Laternenumzüge sind meine Sache nicht, aber der Heimweg durchs dunkle, dunkle Ried, mit zwei hüpfenden Laternenlichtchen als einzige Wegweiser, ach, das liebe ich sehr. Im November kannst du sehen, wie weit ein winziges Licht der Liebe leuchtet, wie es hell macht und den Weg nach Hause zeigt.

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Im November feiere ich das Leben, mitten in der tiefsten Dunkelheit und ich habe es leicht, denn wir dürfen ganz praktisch das Leben unserer Zwillinge feiern. Sechs Jahre werden diese zwei Schätze schon alt, ich erschauere, angesichts des Weges, den wir zusammen gegangen sind, als Eltern, als Geschwister, als Familie und was für ein unglaubliches, 7kg schweres Lebensgeschenk uns in den finsteren, frühen Morgenstunden eines Novembertages in die Arme gelegt wurde. In der Dunkelheit liegt der Schlüssel zum Leben, in der Stille die Einladung zu tiefem Wachsen, vergiss es nicht, wenn der Nebel dir kurzzeitig die Sicht verhängt, und klamme Feuchtigkeit dein Gesicht einhüllt.

Novembertage sind geschenkte Tage im Jahreslauf, genau wie die ersten warmen Frühlingstage mit verheißungsvollem Vogelzwitschern, dass vom Leben singt, genau wie heiße Sommertage mit Erdbeeren und Holzkohleduft, wie der goldene Herbst, der dir die Welt in bunte Farben taucht und Adventstage, die ihre eigene Melodie singen.  Ich zünde Kerzchen an, stelle eine Kanne Tee auf den Tisch und Kekse für die, die aus der Dunkelheit zu mir hereinstolpern. Und freue mich an diesem Geschenk.

2 Gedanken zu “Novembertage

  1. Schönere Worte kann man für den November vermutlich nicht finden. Ich fand auch, dass dieses Wochenende mit dir und den anderen ein wunderbarer Einstieg in diesen Monat war. Ich bin so dankbar für dein Herz, dass du ein Stück für mich geöffnet hast, deine Geschichte, deine Gedanken, Sorgen, Freuden und Gefühle, die du mit uns geteilt hast. Und ich würde dich jederzeit wieder in mein Auto steigen lassen ❤️

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