Der Advent begann auch bei uns pünktlich letzten Sonntag, gleich morgens kurz vor sechs. Wieder einmal drangen wohlvertraute Stimmchen durch zwei Stockwerke und mehrere geschlossene Türen hindurch bis in mein schlafumnebeltes Gehirn. Wörter flogen den Stimmchen hinterher, Engel, Nacht, Kalender, „Ich weiß wie eine eins aussieht!“. Ich beschloss die Stimmchen zu ignorieren, Advent ist schließlich noch lang genug, aber Schlaf bekommt man eben niemals genug. Zwei Minuten später stand ein zu tiefst empörter Teenie neben meinem Bett. Der konnte die Stimmchen nicht ignorieren, er lebt schließlich Tür an Tür mit jenen, die jeden Samstagabend Besserung und frühmorgendliche Sonntagsruhe geloben und diesen frommen Vorsatz über Nacht wieder vergessen haben. Seufzend räumte ich mein Bett und überließ es dem jugendlichen Kind im Wachstum, die brauchen ja bekanntermaßen unendlich viel Schlaf.

Als alle kleinen Unruhestifter im Wohnzimmer versammelt waren und alle Adventskalenderzettelchen verlesen, bat ich um ein Hörspiel und suchte mir ein Plätzchen auf dem Sofa zum weiterdösen, besser als nichts immerhin. Die Wahl fiel ausgerechnet auf ein Wissenshörbuch zum Thema Wald, himmlische Ruhe kehrte ein, draußen noch pechschwarze Dunkelheit, ich dämmerte ein wenig hinweg bei Birke, Buche und Eiche und einem Waldbauern mit Namen Otto. Schließlich wurde irgendwann der Stoffwechsel des Baumes und die Funktion der Wurzeln erklärt. Zack. An den Wurzeln blieb ich hängen. Ich dachte über die Seltsamkeit nach, dass wir Wurzeln immer mit Herkunft assoziieren, ich habe meine Wurzeln in Buxtehude oder so, also mit dem Anfangspunkt eines Lebens, einer Sache, einer Bewegung. Die Wurzel als Ursprung. Der beruhigend wohltönenden Stimme des Hörbucherzählers nach, erfüllen die Wurzeln aber weit größere Aufgaben, sie nähren den Baum, geben ihm Kraft, lassen ihn wachsen. Und je stärker er wird, desto tiefer kann er Wurzeln schlagen, ein Kreislauf des Lebens, je flachwurzeliger der Baum, desto anfälliger ist er, für alle äußeren Einflüsse. Es ist, so kam es mir, wie bei den Menschen.

Es gibt wohl kaum eine geeignetere Zeit im Jahr als den Advent, um über die eigenen Wurzeln nachzudenken. Was lässt mich gedeihen, stark werden, woher nehme ich meine Kraft, was nährt meinen Geist, meine Seele, mein Herz, lässt mich in der Tiefe wachsen und gibt mir festen Stand, wenn der Sturmwind pfeift und der Regen peitscht?  Was sind deine Wurzeln?

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Irgendwann war an diesem Sonntag das Waldhörspiel zu Ende, wir zündeten die erste Kerze an, hatten Sonntagsgäste zum Kaffee und machten unsere kleine Fackelwanderung durch die tiefdunklen Weinberge, um den Advent zu begrüßen, um gemeinsam zu beten, um eine Ahnung davon zu bekommen, welche Bedeutung das Licht in der Nacht, welche Bedeutung Weinachten für den Menschen hat. Dazwischen stritten wir ein bisschen und machten Lateinhausaufgaben und stolperten über nicht weggeräumtes Spielzeug. Meine Wurzeln, da sind sie. Mein Glaube. Mein Mann. Meine Kinder. Ein Zuhause, warm und bunt und immer ein wenig durcheinander. Stimmen die frühmorgens gellend durchs Haus flüstern, Alltagsfetzen, ein Becher Tee und liebe Freunde an unserem Tisch. Am Abend lief ich mit dem Gatten durch die Mainzer Altstadt hin zum Theater, Zweisamkeit ist eine Wurzel. Wir hörten einen der wohl größten Geschichtenerzähler unserer Zeit, Rafik Shami, und dieser wunderbare kleine Mann erfüllte einen Raum mit 700 Menschen nur mit seiner Stimme, seiner Erzählkunst und seinen Geschichten. Geschichten sind eine meiner wichtigsten Wurzeln. Die, die von Liebe erzählen und gelebtem Leben in all seiner Schönheit, in all seiner Bitterkeit, in all seinem Reichtum, und seinen tiefsten Nöten. Ich sauge sie auf, meine Herz weitet sich und manchmal auch mein Verstand.

In der Nacht schlichen der Gatte und ich dann mit der Taschenlampe durch die Zimmer unserer Kinder, sahen ihnen ein Weilchen beim Atmen und Träumen zu und befüllten die kleinen Streichholzschächtelchen der Kalender für den nächsten Tag, ein bisschen mitgenommen sind sie schon, nach all den Jahren, angeranzt an der ein oder anderen Ecke, aber trotzdem oder gerade deswegen schön, einzigartig, unverwechselbar. Rituale sind eine Wurzel, sie geben mir und uns Halt, Struktur, Geborgenheit. Sie riechen nach Zuhause und sind verlässliche Freunde. Wir lesen wieder die alten Bücher, die Gedichte, die wir lieben, das von der Weihnachtsmaus und das von „Weihnachten in der Schule“. Und wir lesen wieder das „Schnüpperle“. Ich habe es als Kind geliebt und meine Kinder lieben es. Ich glaube, weil es so unaufgeregt ist, weil es kleine Freuden sind, die mit warmen Worten erzählt werden. Die Einfachheit wird immer mehr zu meiner Wurzel, das Weniger als Mehr zu entdecken, Zeit nehmen, präsent sein.

Heute ist Barbaratag, unser 15. Hochzeitstag. Nachher werde ich ein paar Kinder den Kirschbaum hochjagen und einige Zweige in die Vase stellen. Weil die Hoffnung, dass Licht und Leben stärker sind als Dunkelheit und Tod eine enorme Wurzel ist. Ich werde ein Brot backen und ein wenig Wolle verstricken, obwohl ich alles billiger irgendwo kaufen könnte. Doch das Schaffen mit meinen Händen, das Schreiben, das schöpferische Sein, gibt mir eine Ahnung davon , dass ich ein Gotteskind bin, egal, was am Ende bei rum kommt. Das sind meine Wurzeln.

Es gibt wohl kaum eine schwierigere Zeit als den Advent, um über die eigenen Wurzeln nach zudenken. Zuviel Glanz, zu viele Aufgaben, zu viele Erwartungen. Aber vielleicht, gerade deshalb….was sind deine Wurzeln?

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Es ist ein Ros entsprungen, aus einer Wurzel zart...unfassbar, welche Kraft in einer Wurzel liegt…

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