Einer der Gründe, warum ich den Advent so sehr liebe, ist der, dass er uns im Normalfall eine Extraportion Lebensfülle schenkt, hochkonzentriert, von allem eine Schippe mehr, die ganze Bandbreite, Trubel und Tränen, Kerzenleuchten und Kummerfalten.  In einem Moment „Macht hoch die Tür“ und wenig später „Macht endlich eure Hausaufgaben“, gerade noch Kaffeetisch mit Gebäck und lieben Freunden, dann schon Kinderkotze und Wischmopp. Lichterglanz und Lateinsorgen, Plätzchen und Pubertät, Fieberheiße Stirnen und vorfreudig glänzende Augen, Streit und Stollen, Feiern und Fürchten, alles da, ganz großes Kino, aber nichts für Feiglinge.

Auf unserer Fensterbank steht ein hölzerner Stern. Ich habe ihn letztes Jahr auf dem Schulweihnachtsbasar ein paar Schülern abgekauft, die selbst gesägt und gewerkelt hatten. Echte Handarbeit also. Aber, wie mein scharfsinniges Vorschulkind letztlich nicht umhin kam zu bemerken, : „Der Stern hat sich verzackert!“. Meint, der Stern hat vier vorbildlich gezackte Zacken und eine, tja, also eine, die ist irgendwie, verzackert eben. Gerne würde ich jetzt von mir behaupten können, dass ich im Dezember letzten Jahres vor einer Auswahl perfekt gesägter und gezackter Sterne gestanden und mich mit weitem Herzen und christlicher Selbstverständlichkeit für den Verzackerten entschieden hätte. Nein, an der Heiligkeit meines Herzen ist noch viel Arbeit nötig, er war einfach der letzte seiner Art. Und obwohl mich die verzackerte Zacke störte, nahm ich ihn mit. Weil er schön ist, der Stern, trotz Zacke, weil die Schüler so erwartungsvoll schauten, weil nichts mein Herz so sehr rührt, wie das Übriggebliebene (gilt leider auch für Dominosteine und Weihnachtsmandeln).

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Jetzt also steht der verzackerte Stern auf unserer Fensterbank  und ich bin schwer verliebt. In den Stern und in das Wort „Verzackert“. Wann immer mein Blick auf den Stern fällt, erinnere ich mich daran, dass wahre Schönheit nicht in der Perfektion, der Makellosigkeit liegt, sondern in der Einzigartigkeit. Das gilt nicht nur für Sterne, sondern gerade auch für Menschen, Innen und Außen, für das echte Leben und die Adventszeit im Besonderen, ich vergesse es nur manchmal. Und dann hadere ich mit mir und dem Leben und dem Advent, wegen unserer Fehlerhaftigkeit, unseren offensichtlichen Mängeln, den Missstimmungen, den Makeln. Ich ärgere mich über Ungeduld und schlechte Timings des Lebens, über Rüsselseuche und Unstimmigkeiten, über meine Ängste und menschliche Schwächen. Aber das ist natürlich großer Quatsch, denn zur Fülle der Schönheit, des Lebens, des Herzens, des ganz großen Kinos, gehören die verschrammten Zacken dazu. Wir dürfen unsere verzackerten Stellen von Herzen bejahen, sie sind es, die uns zu Einzelstücken machen., unverwechselbar, unvergesslich.

Also ich weiß auch ehrlich gesagt gar nicht, wie ich damit umgehen würde, wenn wir plötzlich sechs Wochen lang in absoluter Harmonie und Eintracht, ohne lästige Arbeiten, ohne Streit und ohne Pickel am Kinn, nur mit Plätzchen und Kakao, ohne zusätzliche Kilos aber dafür in heiterer Andacht, Mensch und Haus hübsch dekoriert, gemeinsam leben würden. Ich würde mich wahrscheinlich grässlich gruseln. Aber ich denke bis heute an die längst vergangene Adventszeit, in der uns die Magen-Darm- Grippe so fest im Griff hatte, dass wir alle Widerstände aufgaben. Und ich sehe uns noch singend um den Adventskranz sitzen, auf meinem Schoß das kotzende Kind, und ich hielt Kind und Schüssel und sang vom Schiff, das kommt, geladen bis an sein höchsten Bord. Manchmal offenbart der Makel erst die Schönheit. Makellosigkeit birgt wenig menschliches. Ich bleibe lieber verzackert. Und gönne meinen Mitmenschen ihre krummen Zacken von ganzem Herzen.

Und schlussendlich hätte mein verzackerter Stern ganz wunderbar in den Stall von Betlehem gepasst, dieser Ort, an dem rein gar nichts makellos und perfekt war und der trotzdem genau der richtige Ort war. Und der, der Mensch wurde, zögert keine Sekunde und nimmt dich, trotz oder gerade wegen all deiner Verzackerungen, von Herzen in die Arme, egal, ob du übriggeblieben bist oder nicht.

Also, auch dieser Advent schenkt uns wieder eine Extraportion Leben in Fülle. Ich lese grippekranken Kindern alte Weihnachtsgeschichten vor, tröste Schulkinder in Klassenarbeitsängsten, manchmal singen wir und manchmal streiten wir. Manchmal backen wir Plätzchen, manchmal reicht es nur für Fertigpizza. Jeder einzelne Tag schenkt gute Momente, jeder einzelne Tag hat seine Schrammen. Immer wieder streift mein Blick meinen verzackerten Stern. Und dann muss ich ein bisschen lächeln, denn es ist doch ein großes Glück, dass wir alle ein wenig verzackert sein dürfen.

7 Gedanken zu “Verzackert

  1. Ich muss lachen, wenn ich den verzackerten Stern anschaue. Ich stellte mir die verkaufenden Buben vor und denke mir, ganz schön mutig den noch anzubieten. Die Mitte der Jahresringe ist auch ziemlich aus dem Zentrum. Es lässt ich schmunzeln, schön. Einen gesegneten Advent!

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  2. Liebe Sandra, ich nehme den verzackerten Stern gerne als Bild mit für den Advent, sowie den Nebensatz „nichts für Feiglinge“!! Du sagst es! Eine wundervolle Betrachtungsweise. Alles Liebe – und ich glaube, wir haben ähnliche Weihnachtsgeschenk-Ideen, inspiriert von einer gemeinsamen Freundin, rate ich jetzt mal… ❤

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    1. Oh Sonja, wie lustig! Ja, ich schätze, wir schenken ähnlich…Ich muß ganz dringend nochmal schreiben und die Inspirationsquelle ordnungsgemäß verlinken. Hab es fein! Liegt denn Schnee, bei euch? So stelle ich sie mir nämlich vor, die Schweizer an Weihnachten…

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  3. Herrlich unperfekt.
    Bei uns ist das der traurige Engel. Weil Mini damals Null Bock auf das alles hatte. Er wollte nicht fröhlich sein nur weil Dezember ist…
    Ich kann Weihnachten und die Stimmung eben nicht machen …. Weihnachten ist ein Geschenk.
    Und gerade ist es hier
    Herrlich unperfekt

    Gefällt 1 Person

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