Gestern Abend, wir hatten eine waschechte Königin bei Tisch, ganz frisch gekrönt mit Hilfe einer Mandel im Dreikönigskuchen, entspannte sich mal wieder eine geschwisterliche Debatte darüber, wann wer wie alt sein würde. Also, wenn ich in der sechsten Klasse sein werde, dann bist du in der neunten und die erst in der zweiten, aber der ist ja fast schon kurz vor der Oberstufe, ein faszinierendes Spiel, immer und immer wieder. Gestern erregte es in kürzester Zeit den Zorn der sechsjährigen Eintagesregentin und sie brüllte ihrem einfältigen Volk entgegen: „Hört auf das Leben vorzuspulen, das soll man nicht, jeden Tag sollst du leben, jeden Tag für sich!“ Zack, war Ruhe im Königreich, vor soviel erhabener Weisheit und majestätischer Autorität. Hach ja, eine Regentin ganz nach meinem Geschmack und sie sprach mir aus der Seele.  Ich fühle mich nämlich bei diesen Spielereien immer ganz grässlich alt, werden doch die Jahre zusammengerechnet, dass es nur so zischt und schwupdiwup, haste nicht gesehen, steuerst du auf die Rente zu. Es ist ja so eine Sache mit der Zeit, sie lässt sich schwer messen, jeder vernünftige Mensch muss einsehen, dass man ihr mit Kalender und Uhr nur sehr unzurreichend beikommt, mal schrumpft sie zusammen, mal dehnt sie sich aus, zehn Jahre können ein Wimpernschlag sein oder ein ganzes Leben.

Irgendwann rund um Silvester ploppte plötzlich die Meldung auf, dass man nicht nur auf den Jahreswechsel zusteuere, nein eine ganze Dekade näherte sich ihrem Ende und damit stand auch der Beginn einer niegelnagelneuen Dekade unmittelbar bevor. Das war mir allen Ernstes bis zu diesem Moment gar nicht aufgefallen, gehöre ich doch zu den Menschen, die die frühzeitige Planung der Sommerferien schon fast für obszön hält, wer weiß denn schon, was bis dahin…, selten habe ich mehr als die nächsten drei Wochen im Blick, du siehst, ich bin mit unserer Königin verwandt… Und als wären die obligatorischen Jahresrückblicke nicht schon furchteinflößend genug, regnete es Dekadenrückblicke auf allen Kanälen. Erstaunlich, was Menschen in zehn Jahren alles zu leisten vermögen, sehr beeindruckend und auch bewundernswert.

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Nach dem Konsum des dritten oder vierten Dekadenrückblicks schloss ich kleinlaut die betreffenden Kanäle und versuchte das fiese Gefühl von Unzulänglichkeit, das umgehend und ungefragt auftauchte, als wolle es mit uns aufs neue Jahrzehnt anstoßen, wieder loszuwerden. Zehn Jahre erschienen plötzlich erschreckend viel vergangene Zeit, und hatte man die auch gut genutzt, hatte man genug vorzuweisen, um bestehen zu können, genug geleistet und wer legt das eigentlich fest? Und im selben Augenblick sind zehn Jahre erschreckend wenig, irgendwie schnell vergangen, war es nicht gerade gestern, dass…tja, es ist eben so eine Sache, mit der Zeit.

Nein, mit den ganz großen Würfen konnte ich in den letzten zehn Jahren nicht aufwarten, nichts, was man vermessen und eintüten könnte. Tausende und abertausende kleine Alltagsschritte, viele kleine Schlingen, geknüpft in den Teppich unseres Lebens, mal dunkler, mal heller, unzählige Worte, leise und laute, freundliche und garstige, eingepflanzt in unsere Herzen, ein Gesamtkunstwerk aus Kleinigkeiten, eher impressionistisch getupft, denn altmeisterlich überragend. Aber es ist ein Bild am entstehen, wie nur wir es malen können, einzig und besonders für uns und für den, der über allem menschlichen Zeitempfinden steht.

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Ich schnappte mir die echten Menschen in unserem Haus und wir gingen mit strammen Schritten ins echte Leben hinaus, durch kalte Winterluft und altvertraute Weinberge, denn das ist ja überhaupt das allerbeste, was du tun kannst, drauflosgehen und jeden Tag für sich nehmen, leben und feiern, Dekade hin oder her. Je weiter wir gingen, desto mehr verlor sich das Gefühl der Unzulänglichkeit und machte Platz für meine Freundin Dankbarkeit, die ist ja sehr viel netter und darf auch immer gerne mitfeiern. Denn für jeden gegangen Schritt, jedes gesagt Wort, jede geknüpfte Schlinge, jede einzelne der ungezählten Winzigkeiten darf ich dankbar sein, dem Zeitenlenker und dem uns geschenkten Leben.

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Am Abend dann, bei Raclette, Limo und Winzersektchen stellte ein noch Neunjähriger fest, dass diese zu Ende gehende Dekade, sein ganzes bisheriges Leben gewesen sei. Die habe er doch wohl ganz hervorragend genutzt, auf die Welt kommen, sprechen lernen, laufen lernen, lesen und schreiben und alle Abenteuer, an die er sich erinnern kann. Zehn Jahre, ein ganzes Leben voller Wunder. Und gleichzeitig stellte am selben Tisch ein noch gerade so Neunundachtzigjähriger fest, dass zehn Jahre im Fluge vergangen seien, sein neuntes Lebensjahrzehnt. Zehn Jahre als gefühlter Wimpernschlag. So oder so, war der 31. Dezember ein Tag, den wir gelebt und gefeiert haben und an dem es fröhlich zuging und auch ein bißchen laut. Was auch immer uns die Zeit bringen mag, ich bin wild entschlossen es zu halten, wie mein kleinen Königsmädchen: „Jeden Tag sollst du leben, jeden Tag für sich!“

 

6 Gedanken zu “Eine Dekade Leben

  1. Sehr schön geschrieben. Danke!
    Ich freue mich immer, wenn es hier Nachschub gibt!
    Jeden Tag für sich nehmen und genau hier und jetzt leben…! Wir tun es und müssen es zugleich auch irgendwie unser ganzes Leben lang lernen.

    Darf ich diesen post auf meinem Blog verlinken; wenn ich es dann endlich geschafft haben sollte, denn heute angefangenen Beitrag zum Jahreswechsel fertig geschrieben zu haben?

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  2. Liebe Sandra, Unzulänglichkeit???? Nichts geleistet in der letzten Dekade???? Wie kannst Du nur auf solche Gedanken kommen? Du brauchst doch nur Deinen eigenen Blog zu lesen, da siehst Du, was Du alles in den letzten zehn Jahren geleistet hast. Drei Deiner Kinder sind in dieser Zeit geboren worden und die beiden Großen haben sich (nicht zuletzt durch Dein Mittun) toll entwickelt. Allein das wäre es schon wert, in einen „Dekadenrückblick“ aufgenommen zu werden. Mal ganz abgesehen von den Tausend und Abertausend Kleinigkeiten. Von daher ist es gut, dass Du dann doch noch die Kurve zur Dankbarkeit gekriegt hast. 😉 Vielen Dank für Deine immer wieder toll zu lesenden Beiträge.
    Herzliche Grüße Chrisi
    P.S.: Wenn man Deinen Blog über den Browser aufruft, dann erscheint immer noch als erstes der Eintrag „Manna“ aus dem November. Ich schätze mal, dass das nicht so gewollt ist.

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