Letzte Woche hatte ich einen kleinen Austausch mit anderen Frauen in einer Whatsapp-Gruppe, eine Art Gruppensitzung per Sprachnachrichten, eine moderne Variante der Brieffreundschaft. Die Frauen wohnen verteilt über die ganze Republik, sind nicht einen Alters und haben alle ganz unterschiedliche Hinter- und Beweggründe. Alle sind Mütter. Das ist aber tatsächlich dem Zufall geschuldet, was uns zusammenführte, sind nicht unsere Kinder, sondern gemeinsame Interessen. Ich schätze es gibt neben  all den Klassen-, Mannschafts-, Geburtstagseinladungs-, und Familien-WhatsApp- Gruppen auch unzählige Strick-, Diät-, Bücher oder Modellfliegergruppen, für jeden, das passende. Also, das ist unser Eckchen, es ist sehr nett hier.

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Dieser kleine Austausch, den ich meine, hatte tatsächlich ein Mamathema, denn auch wenn es Zufall sein mag, so sind wir doch alle Frauen mit hinlänglicher Praxiserfahrung, also mit einem ganzen Haufen Kindern. Das Thema war wirklich kein weltbewegendes, eigentlich sogar total unspektakulär und öde, es ging um den Inhalt von Pausenbrotdosen. Was gehört da rein, was nicht, warum Gesundes einpacken, wenn es eh weggeschmissen wird, also Recht haben und dann in die Tonne kloppen, oder doch auf Milchhörnchen zurückgreifen und dafür ein sattes Kind haben. Unabhängig vom Inhalt des Austausches, passierte etwas ganz wunderbares in dieser kleinen Gruppe. Es herrschte eine große Ehrlichkeit. Von Nutella- Broten konnte man hören und Toast für kleine Lunchboxskeptiker, von Gar-nicht-Frühstückern, die immer noch leben und Tarnobst, das ungegessen zurück in den Kühlschrank wandert, um am nächsten Morgen wieder rausgeholt zu werden. Wie gesund ist eigentlich Lyoner und wird man für Fleischwurst schon geächtet? Jemand erzählte vom Kindergarten, in dem ein Bananenverbot herrscht, zur Rettung der Zahngesundheit (liebe Leute, wann ist euch zu Letzt ein Kind mit kariösem Gebiss begegnet, dessen Mutter seufzend zugeben musste: „Es ist furchtbar, wir haben die Sache mit den Bananen einfach unterschätzt!“?) Die Toastbrotmama musste Klagezettel entgegennehmen, weil Toast nun mal kein ordentliches Brot ist, und Marmelade eine Süßigkeit, du liebe Güte, ich dachte immer, sie falle unter Obst. Eine backte gerade Tiefkühlpizza zum Mittagessen.

Auch wenn das Thema kein weltbewegendes war, so liegt doch sehr viel Wahrheit in Pausenbrotboxen und dieser Austausch war herrlich befreiend. Ich kenne diese Frauen, für jede Einzelne würde ich meine Hand ins Feuer legen, klug sind sie und patent, mit großen, weiten Herzen. Sie alle geben ihr Allerbestes für ihre Kinder und ihre Familien, wie du  und ich wohl auch.

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Aber unser Allerbestes muss kein utopisches Ideal sein. Unser Allerbestes ist kein stures Abarbeiten von ernährungswissenschaftlichen Theorien, von Vorschriften und Regeln, zu welchem Lebensthema auch immer, die gar nicht zu uns und unseren Familien passen. Doch wer will das schon zugeben? Wer bitte will freiwillig nach mittelmäßiger Mutter riechen, eine die sich nicht ordentlich angestrengt hat bei der Beschaffung von Biokost, der Einhaltung von Medienzeiten und dem Nähen von Walldorfpuppen? Wer ruft laut „Banane!“, wenn dadurch der Eindruck entstehen könnte, dass er vorsätzlich das Gebiss seines Kindes ruiniert?  Schwups, gibt es eine Regel mehr, wegen der du dich schlecht fühlen kannst.

Der Druck, den wir uns gegenseitig machen, ist wahnsinnig groß. Also tun wir so, als hätten wir alles im Griff. Als wäre auch bei uns eine gerade Zahl eine gerade Zahl und niemals eine fünf. Süßigkeiten?! Gibt es hier kaum. Wir bevorzugen alle Vollkornbrot, waschen mit Waschnüssen, unter der Woche wird gelesen und nur freitags ein Film, der aber mit Studentenfutter, unsere Kinder lieben Obst und jede Art von Gemüse, Abwechslung ist uns überhaupt sehr wichtig, Kommunikation immer nur auf Augenhöhe und ja, wir lernen wahnsinnig gerne, besonders Lateinvokabeln und Schleichdiktate, unsere Kinder würden jederzeit eher zum Buch als zum Tablet greifen.

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Das ist doch großer Quatsch und wir tun einander einen immensen Gefallen, wenn wir das auch hin und wieder zugeben. Es macht uns nicht zu schlechteren Eltern, wenn wir offen bekennen: manchmal klappt es, manchmal nicht, wir suchen immer wieder nach guten Wegen. Manche Tage sind einfach bescheiden. Wir kämpfen uns durchs Alltagsdickicht und nicht selten stolpern wir. Der Fernseher kann nach einem langen Tag ein Lebensretter sein, denn er rettet deine Nerven. Unsere Kinder bekommen jeden Tag etwas Süßes, weil ich nicht möchte, dass sie irgendwann heimlich fressen, wie ich es getan habe (und das ist nur meine Geschichte, du hast eine ganz andere). Irgendwann an jedem Tag gibt es Gemüse, aber nicht jeder isst es und manchmal mag ich nicht streiten. Es gibt Zeiten, da hasse ich Hausaufgaben und Vokabellernen mindestens genauso, wie meine Kinder und man merkt es mir auch an. Oft reden wir auf Augenhöhe, aber die klare Ansage ist meine beste Freundin. Müdigkeit und Überforderung sind mir keine Unbekannten und allein das Wort Medienzeit löst bei mir Unbehagen aus, wer will das denn auf die Minute kontrollieren, es soll halt nicht zu viel sein. Mein Zuviel ist vielleicht dein Zuwenig, oder umgekehrt. Und all das ist nicht schlimm, oder auch nur annähernd von großer Bedeutung. Lass uns die Visiere fallen lassen und die Boxen öffnen! Jede Familie muss ihre eigenen Regeln finden, und darf sie bei Bedarf getrost über Bord werfen, sie hat ihren eigenen Lebensrythmus, eigene Prioritäten und vielleicht gehören Bananen dazu oder Vollkornbrot, wer weiß?

Aber wenn wir uns hinter der Einhaltung von immer mehr Regeln, „gehört sich sos!“ und Allgemeinwahrheiten verstecken, dann machen wir uns das Leben unnötig schwer. Und es wird auch furchtbar krampfig, wo es doch Spaß machen soll.

Ich wünsche uns allen den Mut, hin und wieder die Box zu öffnen und dann ein bisschen gemeinsam zu lachen, über das Chaos, das da drinnen ist. Schließlich tun wir unser Allerbestes.

 

7 Gedanken zu “Wahrheit in der Box

  1. Du Liebe,

    in der App Gruppe wäre ich gerne dabei gewesen, denn einen solchen Austausch liebe ich. Leider gibt es den im Alltag nicht immer direkt. Man muss sich seine Leute dafür suchen. Ich bin aber dazu übergegangen, mich nur noch an diese ehrlichen Mütter zu halten und die anderen zu ignorieren bzw. die Gespräche nicht mehr so sehr zuzulassen. Ich hasse es einfach, wenn da wieder ganz offensichtlich falsche Geschichten erzählt werden. Daran ist jetzt auch für mich eine gute Freundschaft zerbrochen. Diese Unehrlichkeit kann ich nicht ausstehen. Mir tut es nicht gut und dem unreflektierten ja sicher auch nicht.

    Hier gibt es genauso Toastbrot wie selbstgebackenes Brot in die Butterbrotsdose. Und es gibt immer Obst und Gemüse. Man darf sich bedienen. Aber es gibt auch Süßes, nur nicht mit in die Schule. Das diskutiere ich nur netterweise gar nicht, weil die Waldorfschule da sehr strikt ist. Mir wurde auch Süßes verboten, ich habe es auch heimlich gegessen, hier gibt es das nicht. Ich kaufe allerdings dosiert, weil sonst die Teenys alles verdrücken. Das wiederum ist auch großer Mist.

    Wir haben eine Biokiste, aber wir kaufen auch konventionelles Obst und Gemüse. Ach das zieht sich so durch. Während ich hier Tippe, haben unsere Kinder Medienzeit, denn wenn ich mittags keine Ruhe bekomme, schaffe ich den Tag nicht. Jeder suche sich bitte seinen Weg und urteile nicht über den des anderen. Aber bitte, bitte seid doch einfach ehrlich und niemals wertend.

    Alle Liebe
    Andrea

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  2. Amen dazu! Danke für deinen erfrischend ehrlichen & erleichternden Artikel!!! Hier grüßt die jedenTag-Maiswaffel&Gurke-Brotdosen-Mama, weil Kind 2 alles andere mit Gebrüll verweigert unberührt nach Hause zurückbringt & die sich schon oft gefragt hat, was die Lehrer wohl denken angesichts dieser einseitigen unkreativen Inhalte…🙈😣😉

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  3. Wie herrlich befreiend, dein Text. Hab ihn geradezu aufgesogen. Ich werde ihn ausdrucken (#rescue the tree 🙂 und mir hier vor meine Nase kleben, jawoll. Hier gibts auch Team Toastbrot und Team Vollkorn und wir leben noch. Eigentlich leidet doch Jede von uns (Nicht-Betroffene bitte nicht lesen) unter diesem Optimierungswahn – und doch lassen wir uns so schnell mit reinziehen … Von demher – Danke für deine Offenheit – ♥ Danke! ♥ Danke! ♥ Danke!

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