Ach, ich leide gerade ein bisschen an mir, an meiner Laune, an tiefhängenden Nebelwolken und dunklen Januarstunden. Alles in mir sehnt sich nach etwas Sonne und Licht und Frühlingshoffen.

Letzte Woche habe ich auch ein wenig gelitten. Letzte Woche fuhr ich mit einigen Kindern in den Nachbarort, um zwei kleine Geburtstagsgeschenke auszuwählen. Es ist ein kleines Geschäft, dass letzte verbliebene seiner Art in der weiteren Umgebung, vollgestopft mit Schreibwaren und Trinkflaschen, Lego und Playmobil, Geschenkpapier, Saisonales und Perlenbastelsets. Es gibt auch ein paar Kinderbücher und Rätselblocks, Ständer mit unzähligen Glückwunschkarten, Schulbücher, Schleichtiere, riesige Lutscher und fies bedruckte Kaffeetassen. Kinder aus dem ganzen Umland kommen und bestücken ihre Geschenkeboxen, die hinter der Ladentheke turmhoch aufragen. Und dann kommen unzählige andere Kinder und suchen aus den Boxen ein passendes Geschenk aus. Schließlich kommt die Stunde der Eltern, die das Kunststück fertig bringen müssen, ihren Nachwuchs zur Kasse zu lotsen, ohne das noch drölfzig andere kleine Überflüssigkeiten im orangefarbenen Plastikkörbchen landen.

Wir wählten aus der Box unsere zwei Geschenkchen aus, schwierige Entscheidung, man darf da keinesfalls etwas überstürzen und muss alles gründlich abwägen. Und kaum hat man sich für den ??? Detektivkoffer entschieden, funkt der Preisscanner in Mamas Augen ein deutliches „Nein!“ Endlich hatten wir, was wir brauchten und mir kam eine Idee. Wenn wir schon mal hier sind, dann könnten die zukünftigen Schulfrischlinge und der alte Schulhase auf dem Weg zu neuen Wiesen  sich doch mal nach passenden Ranzen umschauen. Nur damit man eine ungefähre Ahnung bekommt, auf welche Farb- und Musterwahl die Entscheidung fallen würde. Die Familientradition will es so, dass es zu Ostern den Schulranzen gibt, was aber auch heißt, dass in diesem Jahr gleich drei Schultaschen zwischen den Forsythienbüschen liegen müssen. Gewisse Vorabinformationen sind also nützlich, vor allem, weil ich für meinen Teil ja nicht jahrelang damit herumlaufen muss.

Unfasslicherweise stapeln sich in diesem kleinen Geschäft auch eine irrwitzige Anzahl von Schulranzen, Rucksäcken, Taschen in allen Ausführungen und für alle Altersklassen. Der alte Hase wurde schnell fündig, unaufgeregt, klassisch und machte dann seine Geschwister darauf aufmerksam, dass man bei der Auswahl die jahrelange Tragezeit sehr wohl bedenken müsse. Nicht jeder Sechsjährige der auf fauchende Dinosaurier steht, begeistert sich als Viertklässler immer noch für die Urzeitungetüme auf der Schultasche. Mein Zwillingsjunge stürzte sich mit Begeisterung ins Getümmel und stieß einen Jubelschrei nach dem anderen aus. Feuerwehr, Polizei, Fußball, Dinosaurier, alles da, einer toller als der andere und der Junge mit klassischem Beuteschema fand sich im Ranzenparadies wieder.

Mein Zwillingsmädchen umkreiste die Pyramiden aus Schultaschen immer und immer wieder, wurde leiser und stiller, bis sie irgendwann verzagt stehen blieben. Tränchen kullerten über das kleine Gesicht mit den wirren Haaren und weil ich mein Mädchen sehr gut kenne, wusste ich auch sofort, was hier gerade ein Weltbild zum Einstürzen brachte. Unter den bestimmt fünfzig verschiedenen Modellen gab es genau zwei Kategorien. In der einen sah sich ihr Bruder um, hochzufrieden mit der Auswahl, diese Kategorie mochte sie nicht. In der anderen gab es ein Farbspektrum von grellpink bis kreischend lila. Ich hatte blinkende Einhörner bis hierher immer für einen Witz gehalten- da waren sie, gleich neben den Glitzerpferden. Selbst auf den Schultaschen mit etwas gemäßigteren Rottönen fand sich eine Prinzessin im Ballkleid und ein verliebt schmachtender Prinz in Uniform. In mir stieg eine unbändige Wut hoch, bitter, wie Galle, ich weiß es, denn ich habe sie ja runtergeschluckt.

Nur damit hier keine Missverständnisse aufkommen: ich habe ein großes, weites Herz für kleine Mädchen mit ausgeprägter Rosaliebe. Für Mädchen, die glücklich sind, wenn es glitzert und blinkt und frisierbar ist. Ich mag auch raufende Jungs, die tausenderlei Matchboxautos hüten und alle Dino- Arten mit ihrem lateinischen Namen kennen. Denn es ist viel Platz auf Gottes weiter Erde für alle Varianten des Mädchen-, des Jungs- und des Menschseins. Menschen aus Fleisch und Blut und nicht aus der Schablone gestanzt. Wir vergessen das nur manchmal. Die Schulranzenindustrie hat es definitiv vergessen. Mein Mädchen möchte keinen rosalila Blinkeranzen. Sie will es etwas Neutraler, in Farben, die sie mag, ohne Figuren und Gestalten in weiten Ballkleidern und Hörnern auf der Stirn. Pünktchen vielleicht, oder ein paar freundliche Blumen. Für Mädchen, wie mein Mädchen eines ist, muss es doch auch Möglichkeiten geben. Wenn wir schon den irrsinnigen Luxus haben, aus unzähligen Schulranzenmodellen wählen zu können, dann kann man doch auch bitte das Farbspektrum erweitern, dann muss man doch in Erwägung ziehen, dass manche Kinder es lieber etwas schlichter mögen, unaufgeregter und trotzdem noch Mädchen sind. Sie will keinen klassischen Jungsranzen, denn sie ist kein Junge, sie ist sie, einmalig und wunderbar und verflixt noch eines, es muss doch für alle Raum sein. Ich gehe im Übrigen auch schwer davon aus, dass es nicht wenige Jungs gibt, die nicht das klassische Beuteschema verfolgen, sondern auch motivfrei glücklicher wären.

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Du verstehst also, ich habe etwas gelitten an diesem Tag in diesem kleinen Geschäft. Dann kniete ich nieder und tat, was ich immer in solchen Situation tue, ich versprach eine Lösung zu finden, mit fester Stimme und ganz viel Zuversicht, denn mein Kind fühlte sich verkehrt, an diesem Nachmittag, verkehrt wegen gar nichts. Und das finde ich verkehrt.

Ich bin Jungsmama, gleich dreimal und glaube mir, ich weiß, da gibt es ein paar ganz grundsätzliche Unterschiede. Denn ich bin auch Mädchenmama. Und ich war auch selber ein Mädchen. Aber vor allem bin ich Mama von sehr einzigartigen Menschen. Es gibt Jungsjungs und Mädchenmädchen und es gibt auch ganz viel dazwischen, unzählige Variationen, du kannst Gott nicht gerade einen Mangel an Einfallsreichtum vorwerfen. Also bitte, bitte, lasst uns selber nicht so einfallslos die Welt einteilen.

Falls du auch gerade am Grau der Welt leidest, dann sei gewiß, wir dürfen auf den Frühling hoffen. Und auf all seine Farben, in ungezählten Varianten. Echt einfallsreich.

 

7 Gedanken zu “Menschenkinder

  1. Hi Sandra,

    guck mal bei Scout, ich finde, die haben auch einigermaßen unkitschige Modelle im Angebot.

    https://scout-schulranzen.de/Modelle-und-Motive/Motive-Maedchen/Motiv/2173/Tropical

    Herzliche Grüße
    Bettina

    Bettina Wendland
    Redakteurin Family/FamilyNEXT

    [cid:554030616@01092015-154F]

    SCM Bundes-Verlag
    E-Mail: wendland@bundes-verlag.de
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  2. Ach, solche Mädchen habe ich auch. Wir haben so eine ähnliche Anprobe hinter uns gebracht und dann haben wir gegoogelt und tatsächlich noch ein paar schöne Farbkombis gefunden, da Auslaufmodelle sogar deutlich günstiger. Schade für den Laden vor Ort.

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  3. Oh, das kann ich gut verstehen. Unser Mädchen steht auch nicht auf Glitzer-Blinki….
    Sie hat sich damals für den deuter onetwo in petrol entschieden und war damit auch sehr glücklich.
    Viel Erfolg bei der Suche 😘

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  4. Wunderbar, Dein Beitrag. Ich finde Ihr macht das genau richtig. Übrigens finde ich Schultaschen außerhalb des Mainstreams wunderbar, für die Bildung des Geschmacks und mehr sind sie das Beste, was Euch passieren konnte. Herzliche Grüße! Und viiiiel Sonne.

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