Do not ask your Children to strive

„Do  not ask your children

to strive for extraordinary lives.

Such striving may seem admirable,

but it is the way of foolishness.

Help them instead to find the wonder

and the marvel of an ordinary life

Show them the joy of tasting

Tomatoes and apples and pears

Show them how to cry

when pets and people die.

Show the infinite pleasure

in touch of a hand.

And make the ordinary come alive for them.

The extraordinary will take care of itself.“

Dieses kleine Gedicht ploppte letzte Woche in meiner Facebook-Chronik auf, meine liebe Freundin E. hatte es mir zukommen lassen, du weisst schon, eine von den Freundinnen, die man viel zu selten sieht und die trotzdem genau zu wissen scheinen, welche Worte sie gerade bei dir aufploppen lassen sollten. Ich las das kleine Gedicht und es fiel direkt in mein januarmüdes Herz hinein, um dort etwas kleines aufblühen zu lassen, gerade so, wie die kleinen, lila Krokusse in unserem matschgrünen Vorgarten ihre winzigen Köpfchen recken, und so auch eine kleine Erinnerung daran sind, dass irgendwann der Frühling wieder kommt.

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Natürlich wissen wir alle, dass der Frühling wieder kommt, dass auch der längste Januar irgendwann ein Ende finden wird und dass hinter all den tiefliegenden trübgrauen Wolken irgendwo die Sonne scheint. Wir wissen es, es braucht nur noch ein wenig Geduld, und trotzdem ist eine kleine Erinnerung, eine Vergewisserung dessen, dass unter all dem abweisenden Schweigen da draußen schon längstens neues Leben wächst, ein Notanker für die gute Laune.

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Natürlich weiß ich, dass das Glück des Lebens in den kleinen Kleinigkeiten zu finden ist, in den winzigen Dingen, die mir jeden Tag geschenkt werden, in einem Becher heißen Tees an dunklen Winterabenden, in einem Teller Linsensuppe, mit Sicherheit in einem guten Buch oder einer nasevoll  Duft von frischgewaschenem Kinderhaar, in echten Begegnungen, im Lächeln meines Gegenübers und in jedem freundlichen Wort. Ich weiß es, und doch geht dieses Wissen manchmal ein bisschen verloren, besonders an einem gewöhnlichen Januartag, besonders nachmittags um fünf, zwischen Bügelwäsche, verrotzten Taschentüchern und testosteronstrotzenden Buben mit akutem Frischluftmangel. Genau dann, wenn der Geduldsfaden nur noch ein hauchdünner Zwirn ist und eine Welle Selbstmitleid an dein Seelenufer spült. Das Gedicht war mein Januarkrokuss, eine kleine Erinnerung daran, worauf es ankommt, was wirklich wichtig ist, was für mich zählt. Eine Erinnerung daran, die Augen wieder aufzuhalten, für die kleinen Wunder an grauen Januartagen und nicht müde zu werden, sie unseren Kindern immer und immer wieder vorzuleben, zu erzählen, zu zeigen, die Schönheit des Gewöhnlichen, das große Glück in den kleinen Dingen, den Zauber eines ordinären Mittwochs. Denn Augen, die auch die kleinen Wunder sehen, ein durchlässiges Herz und ein dankbarer Geist sind das Fundament für ein glückliches Leben, welches wir unseren Kindern doch alle so sehr wünschen.

Im Radiosender, der uns auf unseren frühmorgendlichen Fahrten beschallt, gibt es zur Zeit ein kleines Gewinnspiel. Man sendet seinen großen Herzenswunsch ein und falls man gewinnt, übernimmt der Radiosender für ein Jahr die Miete bzw die Abtragsrate fürs Haus. Mit der dann zur Verfügung stehenden Kohle kann der Herzenswunsch erfüllt werden. Dieses Gewinnspiel beflügelt die Fantasie ja ganz ungemein, stell dir nur mal vor, wir würden…, wir könnten…schon immer wollte ich….für eine gute Weile sannen wir jeden Morgen darüber nach. Dann wurden jedoch immer wieder Interviews eingespielt, in denen andere Menschen von ihren Herzenswünsche erzählten. Einige waren ganz profan. Haus renovieren, in Urlaub fahren, Auto kaufen. Andere waren es nicht. Eine alleinerziehende Mutter wollte das Geld, um ein Jahr lang weniger arbeiten zu müssen und so mehr Zeit für ihre dreijährige Tochter zu haben. Jemand wünschte sich dringend eine Delfintherapie für das schwerkranke Kind, um nur zwei Beispiele zu nennen. Wir wurden stiller. Mein großes Mädchen brachte es schließlich auf den Punkt: „Es wäre ja gar nicht rechtens, wenn wir gewinnen würden, hört euch nur diese Geschichten an. Uns geht es doch gut.“

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Recht hatte sie natürlich und deshalb stimmten auch alle bereitwillig zu. Es fühlte sich trotzdem ein bisschen nach gewinnen an, auch ganz ohne Gewinn. Weil wir begriffen, wie reich wir sind. Wir haben einander, wir haben ein zu Hause, wir sind alle gesund. Wir leben in Sicherheit und schlafen am Abend in unseren Betten ein. Wir haben genug zu essen und Kleidung am Leib. Wir dürfen zur Schule gehen. Für viele Menschen auf der Welt wäre das schon ziemlich extraordinär.

Jetzt liegt der Januar bereits hinter uns und sein kleiner Bruder Februar ist schon nicht mehr ganz so furchteinflößend. Machst du dich mit mir auf die Suche, an einem ganz ordinären Dienstag, an dem die Wolken tief über den Weinbergen hängen und in den Ecken die Wollmäuse tanzen? Wollen wir die Augen offen halten, für die kleinen Wunderbarkeiten, die dieser Tag für uns bereit hält?  Ich hatte schon ein Schüssel mit warmen Porridge und einen Kaffee in aller Stille.

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Und heute Abend, wenn wir in unseren Betten liegen, dann flüstern wir unser „Danke!“ in Richtung Himmel. Weil wir reich sind.

 

2 Gedanken zu “Ganz ordinär

  1. Gestern machte ich auch eine Revision meines Lebens und stellte fest wie Vieles bestens ist und ich wurde dankbar für das was ich habe. Die Sorgen und die Ängste und Wünsche wurden ganz still… einen lieben Gruß.

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  2. Einfach nur wunderbar geschrieben und mich zu Tränen berührt ! Ja, ich bin auch unglaublich reich habe ich festgestellt ! Weil ich dankbar sein kann , weil ich lieben kann und liebe annehmen kann und vieles, vieles mehr !
    Liebe Grüße Magda

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