Ganz ehrlich, wann, wenn nicht jetzt?! Wann? Selten ist die Frage so nahe, bedrängend nahe, an fast alle Menschen herangetreten. Fast schon unverschämt, diese Aufdringlichkeit, aber ausladen kannst du sie nicht. Was trägt dich, was hält dich? Was hilft dir, den Kopf über Wasser zu halten, wenn die Sturmflut tost und der Grund nicht mehr zu sehen ist? Was ist gewiss, wenn alles ungewiss scheint? Und weil man nicht alle Lebensfragen auf einmal beantworten kann, schon gar nicht in Gänze und weil die Antworten auf diese Fragen auch Kraft kosten, reicht es vielleicht, wenn man sie erstmal für die nächsten Wochen beantwortet. Oder die nächsten Tage. Vielleicht auch nur Stunden. Wenn die dann mit Leben gefüllt sind, dann fragst du wieder. Und wieder. Und wieder. Aber Antworten finden wirst du, versprochen. Hier sind meine zehn.

  1. Das Wort „behutsam“. Ich kann gar nicht mehr sagen, wo ich es gelesen habe, dieses wunderschöne, zauberhafte Wort, aber ich muss es gelesen haben, denn es hat sich auf ebenso wunderbare Art und Weise in meinen Hirnwindungen verfangen und winkt mir seit dem immer wieder fröhlich zu. Behutsam. Ich glaube sogar, dass es das Schlüsselwort ist in diesen Tagen. Sei behutsam. Zu dir, denn du bist herausgefordert in besonderen Maße, vielleicht beklommen, vielleicht einfach nur müde, vielleicht am Rande deiner Nervenkraft. Sei behutsam mit deiner Seele, sie es ihr nach, wenn sie ratlos ist oder bockig. Freu dich an dem, was gelungen ist, vergiss den Rest. Sei behutsam. Mit den anderen, denn ihnen geht es doch ganz genau so. Sei behutsam mit deinen Kindern, deinem Mann, deiner Frau, der Kassiererin und den Lehrern am anderen Ende der Lernplattform. Alle geben ihr Bestes, keiner ist aus Stein. Sei behutsam mit deinen Worten, gesprochen zu anderen, gesprochen zu dir selbst. Ach ich bin ganz verliebt in dieses Wort, das mich lächeln lässt, wenn ich eigentlich gerade brüllen wollte. Manchmal reicht ein Wort, um etwas zu verändern.
  2.  Der Frühling. Ach, ich weiß ja, es ist ein Klischee. Aber ich komme einfach nicht an ihm vorbei, denn er ist so schön, der Frühling. Frühlingsblüher, Singvögel und das Himmelsblau zeigen sich völlig unbeeindruckt von all dem Chaos. Ein natürliches Hilfsangebot so zusagen. Wann immer es geht, gehe ich. Hinaus in den Weinberg, weit weg von den Menschen und atme frische, kalte Luft, erfreue mich an dieser Fülle von Blüten und den Sonnenstrahlen im Gesicht. Sehr heilsam, auch und gerade für Herz, Geist und Seele. Und für den Vitamin D- Speicher, für den natürlich auch. Ich scheuche die Kinder hinaus, wann immer möglich. Und bleibe dann selbst häufig drinnen. Wegen der himmlischen Ruhe, die dann für ein kleines Weilchen einzieht.
  3. „Ach Mama, es sind so wunderschöne Tage!“ Für einen kurzen Moment war ich entgeistert, als mein Zwillingsjunge diese Worte aus den tiefsten Tiefen seiner Seele sprach, mit einem wohligen Seufzer und absolut ernsthaft. Er liebt diese Art von Leben, alle an einem Ort, viel Zeit, Rituale, die beste Freundin aka Schwester immer an seiner Seite. Meine Kinder werden keinen Seelenschaden aus diesen Wochen davontragen und das ist ja erstmal sehr beruhigend. Ich verwahre mich ausdrücklich gegen den scheußlichen Ausdruck: „Corona ist eine Chance“. Die Tage habe ich ihn sogar als Quintessenz in einem schlechten Facebook- Gedicht gelesen. Wie höhnisch muss das in den Ohren derer klingen, die gerade um einen Angehörigen trauern, der alleine sterben musste oder derer, die um ihre Existenz bangen. Corona ist keine Chance, Corona ist grausam. Und doch kann man in dieser Ausnahmesituation Möglichkeiten finden, für sich und andere. Kann man andere Wege gehen, an vielem wachsen, Familie neu entdecken und Konfliktlösungs-Strategien wohl auch. Das sind dann wohl Chancen in und trotz Corona. Und wenn du eh zu Hause bist, wenn du gesund bist und wohl auf, dann spricht ja überhaupt nichts dagegen, aus diesen Tagen „schöne Tage“ zu machen.
  4.  Ein Kuchenduft liegt in der Luft….und dieser Duft hat ja immer etwas heimeliges und tröstendes. Gott sei Dank habe ich ja Nachkommen, die das Backen von Kuchen als Zeitvertreib für sich entdeckt haben, da lernen sie was fürs Leben. Außerdem wurde das Fasten von Süßigkeiten im Falle von selber fabrizierten Süßwaren aufgehoben. Ihre Idee, nicht meine, aber ich finde es gut. Es gibt nur langsam ein Problem- kein Mehl mehr, nirgends, in keinem Supermarkt. Aber gemahlene Mandeln hatten wir noch. Und dazu dieses wirklich fantastische und absolut mehlfreie Schokoladenkuchenrezept. Also falls du auch Kuchengelüste hast…
  5.  Segenssteine. Ach, dieses kleine Projekt hat mir am Wochenende wirklich Freude bereitet. Steine zu bemalen und mit einem guten Wort zu versehen. Und dann trugen wir sie in den nahegelegenen Weinberg und versteckten sie. Eine wirklich schöne und unaufgeregte Möglichkeit, ein gutes Wort zu verschenken. Hoffentlich fällt es in ein Herz, dass es wachsen lässt und dann weiterverschenkt.
  6.  Jeden Tag trinke ich eine große Tasse „Ingwer-Kurkuma-Latte“ mit einem Löffelchen voll Honig und einer Prise Pfeffer. Soll ja wahnsinnig gesund sein und ist durchaus lecker. Auf jeden Fall wärmt es so schön von Innen, tröstet mich und schenkt der Hypochonderin in mir neue Zuversicht. ( Du schälst nur ein daumengroßes Stück Ingwer und schneidest es in kleine Stücke. Dann gibst du zwei große Esslöffel Kurkuma dazu und eine Prise Pfeffer. Mit heißem Wasser übergießen und ziehen lassen. Nach zehn Minuten seihst du es ab und mischst es mit heißer Milch in etwa hälftig und süßt nach Belieben)
  7. Routine. Das Plänchen hängt, das Plänchen gilt. So ist nun mit den Tagen ein neuer Alltag entstanden und uns hilft das ungemein. Es bewahrt nicht vor Konflikten, kleinen Tiefs und kurzen Ausbrüchen von Chaos. Aber es bewahrt sehr wohl von Kopflosigkeit und Durcheinander und ständig neuem Verhandeln. Für uns funktioniert das sehr gut und ich halte mich dankbar daran fest.
  8.  Der Gatte und der Garten. Heute erst ist unsere Quarantäne zu Ende. Wobei sich natürlich nicht viel ändern wird. Der Gatte geht wieder zur Arbeit und wir kaufen wieder selber ein.  Solange der Gatte inhäusig war, konnte ich seinen Krisenmodus studieren. Der Gatte erstarrt in Krisen nicht, der Gatte tut. Stein für Stein setzte er seine Angespanntheit in eine neue Terrasse, Schaufel für Schaufel grub er um. Wenn er nicht telefonierte und arbeitete, verarbeitete er im Garten. So viele Menschen erstarren nicht, sondern tun. All diese Tuer wiegen mehr, als die Schutzmaskenklauer und Krisengewinnler. Auch darin liegt ein großer Trost. Es liegt so viel Gutes im Menschen. Mal ganz abgesehen davon, dass wir bald einen sehr schönen Garten haben werden.
  9.  Ostern. Mich hat in all den letzten Tagen nicht viel wirklich aus der Ruhe gebracht. Aber zu realisieren, dass das Osterfest in der uns vertrauten Form nicht stattfinden wird, hat mich zum Weinen gebracht. Ostern bedeutet mir alles. Von Palmsonntag bis hin zur Osternacht, der ganze Weg. Nach Weihnachten über der Kotzschüssel schrieb ich: „Weihnachten ist immer trotzdem.“ Ostern ist nicht trotzdem. Ostern ist „deswegen“. Weil unser irdisches Leben nun mal all das mit sich bringt, was wir jetzt so deutlich sehen. Angst, Schmerz, Unsicherheit, Begrenztheit, Sterben. Deswegen ist Ostern. Kein Grund zum Weinen. Im Gegenteil.P1120662
  10.  Behütet. Noch so ein schönes Wort. Wir sind behütet. Du bist behütet. So ist es.

4 Gedanken zu “10 Dinge

  1. Wie schön geschrieben und auch beschrieben. Den Latte werde ich gleich mal ausprobieren. Klingt köstlich.

    Ansonsten sind die Zeilen wie ein Erinnern. Ein Erinnern an so vieles. Die Segensteine. Ich nannte sie einst „Dankbarkeitssteine“. Ich verteilte sie immer großzügig in einem nahegelegenen Park. Ich legte sie auf Bänke, neben die Wege und an andere Orte, damit Menschen sie finden konnten.

    Dann die Worte behutsam und behütet. Mir fallen noch Zartheit und Sanftmut ein. Ich mag das mit den Worten.

    Und überhaupt. Danke auch für all die anderen lieben Hinweise.

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  2. Wie immer so wundervoll geschrieben. Gestern kamen mir auch die Tränen, als ich in der Kirche sass, mein 14-jähriger Orgel übte und ich an Palmbäumchen und Osterfeuer dachte. Das sind die Rituale, die ich schmerzlich vermissen werde, nicht den Kaffee im Stadtzentrum oder das Shopping in vollen Läden.
    Sei gesegnet und behütet!

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