In Rheinhessen nichts Neues. Sehr viel mehr kann ich nicht vermelden. Wir hangeln uns durch die Tage, mal besser, mal schlechter, es stellt sich immer mehr Routine im neuen Alltag ein und Alltag ist manchmal eben mühsam. Aber wir halten uns dankbar an ihm fest, er ist die Struktur, die wir gerade brauchen und die uns entlastet. Wir arbeiten, wir lachen, wir zanken, wir machen Blödsinn und decken den Tisch, alles, wie immer. Nur am Abend, wenn es still wird, dann kommen Angst und Traurigkeit auch hier zu Besuch, auf ganz leisen Sohlen. Aus unserem Ehebett ist wieder ein Familienbett geworden, keiner mag alleine sein, wenn die Nacht hereinbricht und ich verstehe das gut. Also rücken wir enger zusammen und im Stillen bitte ich für all die Menschen da draußen in Not.

Die Mutter aller Familienblogs „Soulemama“ hat ihren Blog schon vor einem Jahr in Rente geschickt, aber besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Hurra, sie ist wieder da! Ich habe mit viel Genuss gelesen und dann den entscheidenden Satz freudig mit ins Leben genommen. „Read the room!“. Und weil mich dieser Satz so außerordentlich begeistert und ich immer gerne teile, habe ich ihn meinen Kindern gleich als Beilage zum Mittagessen serviert. „Read the room“ meint, dass ich beim Betreten eines Raumes oder einer Situation die Stimmung oder die vorherrschende Lage wahrnehme. Nehme ich eine telefonierende Mutter wahr, die, während sie versucht die Nudeln vor dem Überkochen zu bewahren, auch noch auftauende Einkäufe verräumt, dann ist es eher ungünstig, sie um das Aufblasen von Luftballons zu bitten. Wenn der Herr Vater gerade in einer Telefonkonferenz steckt, will er nicht über den Ankauf von Playstation-Spielen verhandeln. Es empfiehlt sich abzuwarten oder anderweitig Hilfe zu suchen. Treffe ich unterwegs ein weinendes Geschwisterkind, dann können die Luftballons definitiv warten, dann ist eigenes Nachfragen und Handeln gefordert.

„Read the room!“ ist die Antwort für ein gutes Zusammenleben, egal ob mit oder ohne Corona. Und natürlich gilt das für alle Menschen in diesem Zusammenleben. Also auch für Mütter und Väter. Die Situation zu lesen, Bedürfnisse und Grenzen wahrzunehmen, die Umstände zu sehen, ist eine eben so simple, wie komplizierte Angelegenheit. Lateinvokabeln abfragen zu wollen, wenn jemand schon zwei Stunden über Mathe gebrütet hat. Tischmanieren einzufordern, wenn das Menschlein schon im Halbschlaf über dem Teller hängt. Harmonische Familienbrettspielzeit anzuberaumen, wenn alle auf Krawall gebürstet sind und dann wegen der prompt erfolgenden Eskalation beleidigt sein. Tiefgründige Gespräche voll Verständnis erwarten, wenn der Gatte schon acht Stunden am Telefon hing.

Wer lesen kann ist klar im Vorteil. Eigentlich selbstverständlich, aber uneigentlich…“Read the room“ heißt auch, die eigenen Anzeichen von Überforderung und Müdigkeit zu lesen. Wenn du Nervosität und Fahrigkeit liest, wenn deine Stimme von einem schrillen Tremolo begleitet wird, wenn deine Hände sich zu Fäusten ballen oder deine Zähne knirschend aufeinanderbeißen, spätestens dann solltest du gehen. Aufs Klo. Oder besser noch an die Luft. Durchatmen.

Meine schlauen Kinder haben nudelkauend den wunderbaren Satz sofort verstanden und nun haben wir einen neuen stehenden Begriff. Ist ein Vorschulkind genervt vom großen Bruder, dann nölt es umgehend: „Read the room!“. Das ist durchaus komisch und hilfreich. Allerdings wies eines der schlauen Kinder immer noch nudelkauend darauf hin, dass dies auch eine sehr nützliche Methode sei, um zu kriegen, was man will. Willst du etwas haben, dann ist es klug, die passende oder unpassende Situation abzuwarten und dann gezielt…. Ist so. Also klärten wir noch schnell den Unterschied von Empathie und Manipulation, deutlich schwerere Kost als Pasta mit Tomatensoße, das kannst du mir glauben. Und doch freute ich mich. Es ist schon ziemlich cool eine Teenie-Mama zu sein und mich nähren diese Gespräche mindestens ebenso, wie Nudeln und sie halten den erwachsenen Geist hübsch in Bewegung.

Noch etwas habe ich von „Soulmama“ gelernt, allerdings eher indirekt und ich teile auch das Wissen gerne, besonders in diesen Tagen. Amanda Blake hat nicht nur über viele Jahre ihren weltweit erfolgreichen Blog geschrieben, sie bewirtschaftet auch mit ihrem Mann ihre Farm in Maine, hat eine Jurte im Wald, homeschooled und bestrickt ihre zahlreichen Kinder nicht nur in Coronazeiten, gibt ein sehr erfolgreiches Magazin heraus, hat mehrere Bücher geschrieben und vertreibt ihre Produkte auf Bauernmärkten. Wow.

Ich habe tatsächlich einige Artikel gelesen, in denen diese Ausnahmefrau hart kritisiert wurde. Sie setze Frauen unter Druck, sie vermittele ein unrealistisches Bild vom Mutter sein, die Messlatte sei zu hoch, wer kann so etwas denn? Ach Mädels, hört auf. Wir müssen damit aufhören. Gerade jetzt, aber eigentlich immer. Wir müssen mit dem Vergleichen und Bewerten aufhören, wir müssen es einfach sein lassen. Du bist du, ich bin ich, Amanda ist Amanda. Und jede hat ihre eigenen Grenzen, ihre eigenen Herausforderungen, ihren eigenen Pool an Ressourcen. Lasst uns doch voneinander lernen, herauspicken, was Leben auch unser bereichern könnte und den Rest lässt du da, wo er ist, auf Instagram, oder Facebook, auf Blogs oder auch nur im Nachbarhaus. Es reicht, wenn du einen Satz nimmst, du musst doch nicht gleich die Wolle aus deiner eigenen Schafszucht färben und Damenbinden selber nähen. Wenn weder dein Kräftehaushalt noch die Gesamtsituation ein ausgeklügeltes Coronabastel- und Bespaßungs-Programm zulassen, so what? Jede gibt ihr Bestes, jede, an ihrem Ort, in ihrer speziellen Lage, an jedem neuen Tag. Das elende Vergleichen ist es, was definitiv zu viel Kraft kostet. Read the room! Und dann tue, was dir, was euch gut tut.

So, jetzt schaue ich ein wenig um mich. Und lese Magenknurren, Mathefrust und Zeilen voller Filzwolle. Bleib behütet, bleib bei dir, bleib bei deinen Lieben!

4 Gedanken zu “„Read the room“

  1. Ein langer Text, aber so herrlich leicht zu lesen. Herrlich. Ich habe es genossen.

    >> Read the room << Wunderschön "übersetzt".

    Vielen Dank … und ja, ich stimme Sonja zu … die eingefärbte Wolle und die Damenbinden … die Vorstellung hat was.

    Herzlichst,
    das Licht

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