Während ich hier sitze und versuche, wenigsten ein paar Zeilen zu schreiben, fällt mein Blick aus dem Fenster auf einen Zaunpfosten. Hoch oben auf dem hölzernen Pfosten sitzt ein kleiner, dicker Spatz und schimpft und zetert, was das Zeug hält. Eigentlich sitzt er auch nicht, er trippelt empört hin und her und in all seiner Aufgeplustertheit sieht er einfach hinreißend aus. Wäre ich ein Tier, ich wäre wohl ein Spatz. Wenn du mich in den letzten Tagen zetern gehört hast, dann habe ich entweder über Dezimalbrüche geschimpft, oder über Margareta.

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Margareta ist eigentlich zauberhaft. Schon als ich die ersten Bilder von ihr sah, hatte ich mein Herz an sie verloren, so fein sah sie aus, so raffiniert, so weich. Umgehend wollte ich sie um mich haben, obwohl ich schon ahnte, dass es schwierig mit uns werden würde. Margareta heißt die Anleitung für ein Tuch aus dem wunderbaren Onlinestrickparadies von Frau Maschenfein. Frau Maschenfein verkauft nicht nur Wolle und Anleitungen, nein sie erzählt auf Instagram Wollträume aus herrlichsten Farben und Beschaffenheiten, aus Mohair und Alpaca und Seide, bei denen auch jedes mäßig begabte Strickerinnen- Herz umgehend ins Hüpfen kommt.

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Frau Maschenfein erzählte auch von Margareta, sie beschrieb sie, sie führte sie vor und da war es um mich geschehen. Margareta kam ins Haus und ich legte begeistert los. Im Februar. Seitdem hat sie alles dafür getan, um mich in den Wahnsinn zu treiben. Die Wolle zu fein für meine fahrigen Hände, sie riss ganz oft. Maschenreihen zogen sich unendlich auf meinen Nadeln dahin. Die Nadeln waren hölzern und brachen ab. Das Muster wiegte mein Hirn schnell in Sicherheit, aber an langen Abenden kamen die Fehlerchen angeschlichen, fast unbemerkt lauerten sie auf meine Müdigkeit und nutzen ihre Chance. Und ich schimpfte und ich zeterte ganz genau so wie ein dicker, kleiner Rohrspatz. Meine Kinder beäugten fasziniert die entnervte Mutter und fragten immer wieder:“ Warum? Warum hörst du nicht einfach auf, wenn es dich doch ärgert und nervt? Warum schmeißt du nicht hin, wenn es dir keine Freude mehr macht?!“ Ja warum? Weil ich nicht einfach aufgebe. Weil man nichts in die Ecke feuert, nur weil es beginnt mühselig zu werden. Weil Geduld ein unterentwickelter Muskel ist und ich will nicht, dass es ihm ergeht wie meinen Bauchmuskeln. Weil Wolle verstricken ein teures Hobby ist und ich den Rohstoff schätze. Weil ich diese Eigenschaften als lebenswirksamer erachte, als das Berechnen von Dezimalbrüchen und ich euch ein Vorbild sein möchte. Deshalb. Jetzt ist Margareta fertig. Wunderschön und weich und voller kleiner Fehler. Aber fertig. In unseren dunkelsten Stunden nannte ich sie gehässig „La Corona“, das passende Tuch zur Krise.

Und als ich die letzten Fäden vernähte, dachte ich mir, wie stimmig das ist. Ich hatte in den letzten langen Wochen, die all mein Unvermögen, all mein Nichtkönnen und all meine Zweifel und Ängste nach oben spülten, fast schon meine Superkräfte vergessen. Durchhalten, Durchbeißen, Hartnäckig sein. Fehler verzeihen können. Geduld üben, üben, üben. Gar keine so schlechten Eigenschaften zur Krisenbewältigung, sie haben mir bei anderen Krisen schon oft geholfen. Und an Krisen mangelte es bis hierher eigentlich nicht.20200414_121329.jpg

Eigentlich hatte so ziemlich jedes Lebensjahrfünft diverse Wüsten und auch wüste Zeiten im Gepäck. Ich meine keine Dreitageskrisen, fünf Kilo Hüftspeck zu viel, eine kaputte Waschmaschine oder kotzende Kinder um drei Uhr nachts. Ich meine die echten Lebenskrisen. Die, bei denen du merkst, wie das Leben dein Herz mit dem Bimsstein bearbeitet. Die, die Spuren in deine Lebenskarte und in dein Gesicht graben, die dich verändern und prägen, die dir alles abverlangen. Die Krisen, die lange dauern, Wochen, Monate, manchmal Jahre. Ich werde dich jetzt nicht mit Details zu meinen Lebenskrisen langweilen, denn du hattest mit hoher Wahrscheinlichkeit genug eigene zu Überleben und weißt genau, wovon ich rede. Aber ich kann dir sagen, dass ich Nächte kenne, in denen ich mir sehr sicher war, dass man an Angst würde sterben können, an Einsamkeit oder Traurigkeit. Wenn die Erde bebt und alles wackelt. Und doch kam auch immer ein neuer Morgen, eine neue Zeit.

Ich habe noch eine Superkraft. Ich lache. Wirklich. Ich schaffe es eigentlich immer, mag die Lage auch noch so absurd sein, ihre komische Seite zu entdecken. Und die komischen Seiten an mir. Manchmal ist es Galgenhumor, manchmal die Ironie des Augenblicks, manchmal der Sieg der Fröhlichkeit. Das Lachen nimmt dem Drama die scharfen Kanten, es bewahrt vor einem Zuviel an Selbstzentriertheit und es gibt dem Selbstmitleid einen gewaltigen Tritt in den Hintern.

Das sind meine Krisensuperkräfte, erprobt und bewährt. Höchste Zeit sich ihrer zu erinnern und sie gebührend zu feiern, ist ja der Hammer, was wir alles schon durchgestanden haben. Und du? Denk mal an deine Krisen? Welche Superkräfte hast du? Vielleicht bist du besonders strukturiert, hast immer einen Plan, bist eine strategische Lösungsfinderin? Vielleicht bist du unfassbar kreativ und hast so ein wertvolles Ventil? Es gibt ja unendlich viele Superkräfte. Und falls du es vergessen hast, vor lauter Corona, dann gehe mal suchen! Du findest bestimmt einige, ist doch der Hammer, was du schon alles gemeistert hast!

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Natürlich sind meine Kräfte als menschliche Superheldin nur begrenzt, das weiß ich wohl. Aber ich kann oben auftanken, unbegrenzt und enorm hilfreich.

Ich schlinge mir derweil die schöne Margareta um den Spatzenhals und meandere weiter durch die Krise.

4 Gedanken zu “Margaretas Lachen

  1. Du meine Liebe, danke wie immer für deinen Beitrag!
    Diesen Satz werde ich mir zu eigen machen:
    „Weil Geduld ein unterentwickelter Muskel ist und ich will nicht, dass es ihm ergeht wie meinen Bauchmuskeln“
    Wie wahr und passend zu dieser Zeit!
    Und der aufgeplusterte Rohrspatz, der so rumzetert, konnte ich mir bildhaft vorstellen,
    you made my day!
    Keep rolling!

    Gefällt 1 Person

  2. Dein Spruch ist gut. Meine fehlenden Bauchmuskeln will ich auch nicht. Aber ich hab auch eine Anschaffung gemacht bzw bestellt. Sie wird meiner Familie viel abverlangen. Ich habe eine neue Nähmaschine bestellt. Mit vielen zusätzlichen Funktionen. Mein Geschenk an mich. Und ich freu mich. Auch wenn ich gerade wieder am auftrennen bin. 200 zusammen genähte quadrate. Sie gefielen mir auf dem Boden ausgelegt super so. Nun fehlen mir weiße Gitter dazwischen. Die werde ich jetzt anbringen. Hab schon so einiges geschnitten. Und wenn das Maschienle kommt kann ich damit quilten. Nicht mehr von Hand. Das würde wochen dauern. Aber wer sagt daß es einfach ist.
    Meine Superkraft ist die Geduld und die Ruhe. Das behauptet zumindest die Therapeutin meines Großen und der Kindergarten des Kleinen.

    Ich les Dich gerne. Deine Sicht auf das Leben.

    Bleib Gesund

    Martina

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