Vor einigen Tagen wurde ich an ein kleines Vorhaben erinnert, dass ich mir zu Beginn des Jahres fest vorgenommen hatte. Erinnerst du dich noch, der Beginn des Jahres? Als wir uns bei Raclettekäse und Fondue über das ferne China und seine fernen, seltsamen Krankheiten wunderten und ansonsten fröhlich Pläne schmiedeten, Vorsätze fassten und Einschulungstermine in die Kalender eintrugen? Fast schon rührend, diese Blauäugigkeit. Also, auch ich hatte mir drei, vier Sachen für das neue Jahr vorgenommen und wenigstens die ersten zwei Monate liefen spitze, dass muss ich schon sagen. Den Rest kennst du.

Eine dieser Sachen, wenig originell, aber sehr wirkungsvoll, beinhaltete das allabendliche Aufnotieren von fünf bis zehn Dankbarkeiten in ein kleines, blaues Schreibheft. Was zu Beginn irgendwie mühselig war, weil meine Augenlider schon schwer wurden, weil der Stift aus dem Bett kullerte, weil ein Nachtglas Wasser kippte, weil der Tag einfach ganz furchtbar blöd war, weil mir manches mal nach fluchen und nicht nach danken war, wurde recht schnell eine liebgewonnene Routine. Es änderte die Denkrichtung, mit sanftem Druck, wie es die neuen Zahnspangen meiner Kinder mit nach hinten gerückten Kiefergelenken tun sollen. Manchmal starrte ich minutenlang auf die leeren Schreiblinien, aber  irgendwann kamen sie nach oben geblubbert, meine kleinen Dankbarkeiten. Es schläft sich besser, wenn du das Gute in deinem Tag gewürdigt hast und nicht nur den Sorgen huldigst, es entspannt deine Gesichtszüge und relativiert vieles. Dann kam Corona. Irgendetwas in mir fiel in Schockstarre und ich gab, zusammen mit einigen anderen noch nicht gefestigten Routinen, auch dieses Vorhaben wieder auf.

Vor ein paar Tagen dann ein Telefonat mit einer mir sehr lieben Person. Es war der Tag, an dem sich das Ende des zweiten Weltkrieges jährte und überall sozial distanzierte Gedenkveranstaltungen über den Bildschirm flimmerten. Die mir liebe Person, die sich nicht zuletzt wegen ihres Alters und ihrer Gesundheit, seit Monaten in häuslicher Totalabgeschiedenheit befand, hatte sich viele Berichte angesehen und wir unterhielten uns ein wenig darüber. Über die Tage vergangenen Alltags, die ihre Kindheit waren. Von Hungerjahren und Überlebensangst, von Bombennächten und Schulspeisung, von Existenznöten und einer Welt, in der kein Stein mehr auf dem anderen geblieben war. Ich schluckte ein wenig.

Am selben Abend nahm ich das blaue Heft wieder zur Hand. Und zählte meine Dankbarkeiten. Krisen vergleichen ist schwierig. Kriegs und Nachkriegsjahre mit Corona- Monaten vergleichen zu wollen, ist schlicht unmöglich und gänzlich unangebracht. Mittlerweile merken wir ja, dass selbst eine gemeinsame Pandemie den einzelnen Menschen sehr unterschiedlich trifft und auch hier ein Krisenvergleichen kaum anzuraten ist. Und doch nahm ich an diesem Abend das Heftchen wieder in die Hand. Vielleicht, weil ich plötzlich ahnte, welche irrsinnigen und unmenschliche Ausmaße eine Krise tatsächlich annehmen kann. Vielleicht, weil eine Ahnung davon in der Luft lag, was der Mensch durchzustehen vermag. Vielleicht, weil ich plötzlich wirklich dankbar war für Haus und Garten, einen vollen Kühlschrank und schlafende Kinder in sicheren Betten.

Nun schreibe ich sie also wieder auf, meine kleinen Dankbarkeiten, die unverdienten Wunderbarkeiten, die mir geschenkt werden, an denen ich so oft achtlos vorüber gehe, weil Sorgen und Doofheiten sich lautstark als Bestimmer aufspielen. Wenn die Nacht kommt, will ich ihnen nicht das letzte Wort überlassen, den alten Stänkerern. Ich kann die Krise nicht ändern, ich kann den Weltenlauf nicht aufhalten, ich kann meinen Kindern die Einschränkungen nicht nehmen und ich muss damit leben, dass das Durcheinander den Taktstock schwingt. Aber am Ende eines Tages kann ich sehr wohl meine Perspektive bestimmen. Da steckt sehr viel Gutes in jedem Tag, in Erdbeeren und Kaffeetassen, in einer Umarmung und in Pfingstrosen. Sehr viel Gnade und sehr viel Geschenk. Mir hilft es. Und natürlich weiß ich nicht, wie krisengeschüttelt du gerade bist und welche Wackersteine du mit dir herumschleppst. Aber vielleicht hilft es dir ja auch.

Wo wir gerade bei Hilfsmaßnahmen sind- ich komme zu kurz. Ja, tatsächlich, ich komme zu kurz, dass muss man ja einfach mal so sagen dürfen. Falls du Mutter oder Vater oder Familienmensch bist, dann kommst du höchstwahrscheinlich auch gerade zu kurz. Diese besondere Art des Familienlebens bringt das eben so mit sich. Ich persönlich finde das nicht so schlimm, es ist ja nicht für die Ewigkeit, aber es schlaucht natürlich, keine Frage. Und dann entdeckte ich auf dem übrigens wirklich empfehlenswerten Blog von Anne diverse Anregungen zum Listen-schreiben, die mich sehr inspiriert haben. Ich habe mich also hingesetzt und hundert Dinge aufgelistet, die mich froh machen, die in mir ein wohliges, gutes Gefühl auslösen. Ja hundert! Nicht lange nachdenken, einfach hinsetzten und schreiben. Manches wiederholt sich, egal, einfach weitermachen. Am Ende habe ich mir meine Liste angeschaut. Und siehe da, manche Dinge, die mich wirklich froh machen, kann ich auch bei nur minimal geöffneten Zeitfenstern umsetzen. Falls dich Weltreisen froh machen, dann musst du dich natürlich noch gedulden. Aber der Kaffee in dieser bestimmten Tasse…die zehn Minuten im Abendlicht, der Strauß Sommerblumen,…da geht was! Und am Abend kannst du dich dann gleich dafür bedanken.

 

 

 

 

3 Gedanken zu “Hilfsmaßnahme

  1. Liebe Sandra, ich fand den Artikel von Anne auch sehr inspirierend. Danke, dass du mich gerade jetzt daran erinnerst. Eine sehr schlaue Idee, so ein blaues Heft. Danke für die Inspiration. Ich werde jetzt gleich mein gelbes Tagebuch zur Hand nehmen und Dinge aufschreiben, für die ich dankbar bin. Mit Espresso. Weil ich das jetzt gerade sehr nötig habe. ❤

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  2. Liebe Sandra, was für ein schöner Artikel und welch wunderbarer Perspektivenwechsel. Vielen Dank da fällt mir gleich der Bibelvers ein: „seid allezeit dankbar!“ Klingt schwer, aber tatsächlich gibt es immer etwas für das man dankbar sein kann. Diese Idee werde ich heute Abend gleich in mein Bullet Journal übernehmen.

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  3. Liebe Sandra,
    vielen Dank für deinen Text. Er kam für mich genau im richtigen Moment und es war sehr erfrischend, hundert Dinge zu suchen, die mich glücklich machen. Schon allein, dass ich meine Gedanken drauf ausgerichtet habe, hat mich heute sehr oft zum Lächeln gebracht. So viele schöne Erinnerungen 🙂
    Danke dafür 🙂

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