Neulich hatte ich ein langes, altmodisches Freundinnentelefonat, eines wie es das Herz manchmal braucht, über eine Stunde fremdelfreies Dauerquaken. Ich hoffe wirklich, dass du wenigstens einen Menschen kennst, bei dem du dich zuhause fühlst, egal, wie lange die Leitung dazwischen ist und mit dem du nicht verheiratet bist. Telefonieren ist ja sehr aus der Mode gekommen, für meine Kinder kommt es direkt nach dem Schlagen von Buschtrommeln oder dem Schicken von Brieftauben.  Ich telefoniere nach wie vor gerne. Nicht mit jedem, mit ihr schon. Am Ende unserer Quatscherei sah das Leben schon gleich viel freundlicher aus, trotzdem blieb ich noch ein Weilchen draußen sitzen und dachte nach.

Wir hatten über so vieles geredet, über uns, über die Weltlage im Großen und im Kleinen, Sorgen und Fragen, über unsere Kinder, unsere Töchter. Wir hatten darüber gesprochen, was wir unseren heranwachsenden Töchtern nicht wünschen und das waren unsere eigenen körperlichen Merkmale (die stimmen lustigerweise nicht ganz überein, wir wünschen also grundsätzlich verschiedene Dinge unseren Töchtern nicht). Was blieb waren aber zwei Frauen, denen sofort und auf der Stelle einfiel, vor welchen körperlichen Ausprägungen ihr eigener Nachwuchs doch bitte verschont bleiben möge.

Ein Weilchen zuvor hatte ich einen kleinen Gedankenaustausch mit verschiedenen Frauen und auch hier ging es schnell ans Eingemachte, an das Leben im eigenen Körper, einem Wohnort, den man nicht einfach verlassen kann, nur weil man lieber eine Etagenwohnung gehabt hätte, anstelle eines weitläufiges Gehöft. Dein Zuhause hier auf Erden ist zuallererst dein eigener Körper und die wenigsten Frauen leben gerne in diesem Daheim, zu mindestens aber liegen Umbaupläne und Renovierungskonzepte stapelweise in den Herzensregalen. Irgendetwas scheint immer verkehrt zu sein, der Bauch, die Beine, der Busen, was der einen zu groß, ist der anderen zu klein, zu dick, zu dünn, runde Hüften, spitze Hüften, eine endlose Liste.

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Siehst du, Bücher und Texte und Blogs und Seminare über die Liebe zur Selbstfindung, zum eigenen Körper und zur Selbstannahme gibt es zuhauf, damit will ich dich gar nicht behelligen. Aber an diesem Abend, draußen auf dem Bänkchen  dachte ich daran, was das für ein großer, trauriger Mist ist. Ich dachte daran, wie schnell mir die Worte der Missachtung meines ureigensten Daheim über die Zunge rutschen, daran, wie groß meine Verantwortung ist, wie achtsam ich meine Worte säen muss, denn ich bin Mutter von Töchtern. Es genügt nicht, den eigenen Mädchen zu sagen, wie schön du sie findest, wie wunderbar sie geschaffen sind, ein Gesamtkunstwerk aus Leib und Seele, egal, wie sehr du es aus tiefstem Herzen ehrlich meinst. Es genügt genau dann nicht, wenn du über dich selbst schlecht sprichst oder denkst. Du bist das Beispiel, du bist der Leuchtturm im eigenen Haus. Davon abgesehen halte ich es für großen Quatsch zu sagen, es komme auf das Äußere des Menschen überhaupt nicht an, nur die inneren Werte zählen , denn der Mensch läuft nun mal mit Leib und Seele durch die Welt, mit diesem Leib ist er sichtbar für sich und für andere und so stellt sich spätestens dem heranwachsenden Menschen die Frage: „wie sehe ich aus, wie wirke ich, wieviel Innen zeige ich Außen?“ So leicht kannst du dich als Mutter, oder Vater, nicht aus der Verantwortung stehlen, einfach indem so tust, als hätten wir alle kein Außen.

Wenn wir wollen, dass unsere Töchter zu starken, selbstbewussten Frauen heranwachsen, die ein Zuhause in ihrem Körper haben, dieses gottgeschenkte Wunderwerk, in dem sie gerne leben und sich wohlfühlen, für das sie gerne Sorge tragen und mit dem sie behutsam und pfleglich umgehen, dann sollten wir uns hüten. Wir sollten uns hüten, ihre Körper zu bewerten, wir sollten uns hüten irgendeinen Körper zu bewerten und vor allem sollten wir uns hüten unsere eigenen Körper abzuwerten.

Mir fällt es denkbar leicht, meine Töchter schön zu finden. Und ich sehe die Schönheit der Anderen, besonders, wenn sie blitzen und leuchten, wenn sie aufgeregt sind oder begeistert. Ich sehe Menschen, deren Augen voller Wärme leuchten, Falten die Lebensgeschichte erzählen, Hände, faszinierend in allen Altersklassen, es gibt kaum etwas Schöneres. Ich weiß, dass Schönheit nicht in Kilos und Gramm, in Fältchen und X-Beinen messbar ist, und doch bin ich zu mir selbst oft gnadenlos.

Die Saat des Selbstzweifels ist ein garstiges Unkraut, es wuchert und breitet sich aus. Es kann die Blumen der Lebensfreude ersticken, das zarte Pflänzchen Selbstvertrauen zum welken bringen und es erstickt die Unbekümmertheit eines Sommertages im Badeanzug mit einem Handstreich. Ich fürchte, es sät sich irgendwann selbst aus. Mit Eintritt in die Pubertät stellt sich die Frage nach dem eigenen Außen und dem Außen der Anderen. Deine Stimme hat immer weniger Gewicht, junge Mädchen misstrauen dem Urteil ihrer Eltern, denn sie wissen schon, dass Liebe der schönste Filter ist. Aber sie nehmen wahr, wie du von dir selber sprichst, da hören sie genau hin. Also lass uns wohlwollend über uns sprechen, lasst uns die Vielfalt der Formen und Farben preisen, lasst uns gut für unser persönliches Daheim sorgen, über manche Gegebenheiten großzügig hinwegsehen, das feiern, was wir eh nicht ändern können (ich kann machen was ich will, in diesem Leben wird keine 1,80 Gazelle mehr aus mir), denn es empfiehlt sich frühzeitig mit dem Unkrautzupfen zu beginnen und es nicht auch noch zu düngen.

Wir sollten immer wieder Frieden schließen mit uns, immer und immer wieder, damit unsere Töchter friedlicher leben können.

Ich spreche heute von Frauen und Töchtern. Meiner Erfahrung nach ist es ein Frauen und Mädchending. Bestimmt gibt es andere Beispiele, aber es gilt ja eigentlich für alle Menschenkinder, oder?

2 Gedanken zu “Für meine Töchter

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